Auch im sechsten Band seiner Inspektor-Shan-Krimis gibt Eliot Pattison wieder tiefe Einblicke in die Kultur und die Geschichte Tibets und zeichnet ein aktuelles Bild der Menschen, die in dem von China okkupierten Land leben. Diesmal muss Shan ohne seine beiden Freunde, den Mönch Lokesh und den Lama Gendun, auskommen und ist auf sich allein gestellt. Wie so oft gerät er direkt am Anfang in die Mühlen der chinesischen Justiz und wird der Ermordung der chinesischen Tourismusministerin bezichtigt - doch diesmal kann Shan nicht durch seine Redegewandtheit entkommen. Die Folterszenen, die nun folgen, sind zwar nicht ausufernd, gehen aber trotzdem furchtbar unter die Haut, weil vor allem Shans Gedanken und Gefühle offengelegt werden. Solche Schilderungen lassen den Leser fast nicht glauben, dass dieses Buch im Jahr 2009 spielt. Erst vor relativ kurzer Zeit, nämlich im März 2008, gab es einen tibetischen Aufstand, bei dem sich zahlreiche buddhistische Mönche in Lhasa in friedlichen Demonstrationen gegen die chinesische Regierung auflehnten, wobei mindestens achtzig Menschen eines gewaltsamen Todes starben. Diese Aufstände sind nicht Gegenstand von Pattisons neuestem Roman, sie geben aber den ungefähren Zeitrahmen vor und machen dem Leser deutlich, dass die Unterdrückung Tibets auch über dreißig Jahre nach der chinesischen Kulturrevolution immer noch stattfindet, und zwar - vorausgesetzt, dass Pattisons Schilderungen authentisch sind - in einem Maße, das jeden westlichen Leser nur empören kann. In einer der ergreifendsten Szenen im Buch schildert der Autor, wie ein uraltes buddhistisches Kloster mit Bulldozern niedergewalzt wird, wie religiöse Gegenstände von unschätzbarem Wert zerstört werden, so dass es einem, ähnlich wie Shan, fast die Tränen in die Augen treibt. Pattisons Roman ist aber kein plumpes Plädoyer Freiheit für Tibet". Im Nachwort schreibt der Autor entsprechend: [i]In allen meinen Shan-Romanen habe ich besonderes Augenmerk darauf gelegt, das politische und soziale Elend der Tibeter nicht zu überzeichnen."[/i] Nichtsdestotrotz ist die Aussage deutlich.
Eliot Pattisons Krimis sind keine klassischen Ermittlergeschichten, vielmehr stehen die Menschen und ihre Lebensweise im Vordergrund. Natürlich leistet Shan wieder eine Menge Ermittlungsarbeit und brilliert durch seine genialen Schlussfolgerungen, doch wer eine klassische Wer hat den Mord begangen?"-Story sucht, der liegt hier falsch. Pattison macht es dem Leser oft nicht gerade einfach, man muss sich ziemlich konzentrieren und vieles wirkt fremd und sperrig, so dass man nicht auf den ersten Blick begreift, worauf der Autor hinauswill. Ohnehin kommt wieder sehr vieles zusammen und auch Shan steht nicht bloß vor einem Rätsel: Da werden religiöse Statuen gestohlen und tauchen wieder auf, verschwindet Bergsteigerausrüstung, benimmt sich ein amerikanischer Tourist sehr merkwürdig und bereitet ein ehemaliger Lama Probleme. Man muss auch bereit sein, die tibetische Lebensweise quasi als Leser für sich zu akzeptieren - wenn im Roman ein Mann als Maultier reinkarniert wird, und zwar tatsächlich, dann ist das eben so.
Der tibetische Verräter" ist eine gelungene Fortführung der Reihe um Shan Tao Yun, die kritisch die Lage im heutigen Tibet beleuchtet und diese quasi als Rahmenhandlung für einen spannenden Kriminalfall nutzt, der, wie man von Pattison schon gewohnt ist, in einem sehr starken, stimmigen Ende mündet. Pattisons Tibet-Krimis sind nicht nur originell und gut geschrieben, sondern auch politisch und herausfordernd - ein packendes Lesevergnügen für alle, die mehr über fremde Kulturen und andere Lebenswelten erfahren wollen!