"Und nun fällt eine schwarze Wolke über Europa; und wenn sie sich wieder teilt, wird der Mensch der Neuzeit dahin gegangen sein: weggeweht in die Nacht des Gewesenen, in die Tiefe der Ewigkeit; eine dunkle Sage, ein dumpfes Gerücht, eine bleiche Erinnerung. Eine der zahllosen Spielarten des menschlichen Geschlechts hat ihr Ziel erreicht und ist unsterblich; zum Bilde geworden."
Mit diesen Worten schließt die großartige Kulturgeschichte der Neuzeit von Egon Friedell (1878-1938), einzig gefolgt noch von einem Epilog, in welchem die kulturellen, wissenschaftlichen, politischen und künstlerischen Strömungen vor der Jahrhundertwende bis ca. 1920 aus damals zeitgenössischer Sicht dargelegt werden. Im Buch von Philipp Blom "Der taumelnde Kontinent, Europa 1900 bis 1914" wird gerade diese Zeit eingehend beleuchtet und zwar unter Abstraktion der darauf folgenden Ereignisse von 1914 bis heute. Wir haben nun das seltene Vergenügen, bei Blom eine Fortsetzung Friedells als eine in Art, Charakter, Umfang und Kongenialität einzigartige historische Beschreibung jener Ereignisse aus unserer heutigen Perspektive, also von diesseits der "dunklen Wolke" sehen zu dürfen. Die Ereignisse nach 1914 sind uns aus vielen anderen Quellen bekannt, so unter anderem auch aus authentischen Erzählungen der letzten zwei oder drei Generationen vor uns. Ich selber überblicke, da mein Grossvater 1874 und mein Vater 1910 geboren ist und beide in einem der Epizentren der Ereignisse, nämlich in Wien, gelebt haben, unbewusst und bewusst als oral history gerade diesen historischen Zeitumfang und ich kann ihn an Kind und Enkel weitergeben. Einzigartig, wie Blom auch die heute aktuellen Ereignisse mittels ihrer Wurzeln in der Frühmoderne mitschwingen lässt. Ich empfehle zur Lektüre dieses Buchs hinzu, unbedingt die beiden Schlusskapitel bei Egon Friedell parallel zu lesen. Philipp Blom zitiert jenen Autor zwar weder im Text noch in der Bibliographie. Ich habe aber doch den grossen Verdacht, dass er ihm nicht unbekannt ist und dass er sich auch wacker seiner bedient hat, was nach Friedells eigenen Worten aber nicht schimpflich ist, sondern ein Kompliment darstellt. Als speziellen Pluspunkt führt Blom ein umfangreiches Literaturverzeichnis an, von wo sich weiter in die Tiefe zoomen lässt.