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am 30. April 2009
Als Historiker kann ich festhalten, dass Blom eine originelle Darstellung der Zeit zwischen 1900 - 1914 gelungen ist. Zu Recht verweist der Autor darauf, dass die Moderne, ja die Ereignisse des 20. Jahrhundert insgesamt, in diesen wenigen Jahren vorweggenommen wurden. Blom weist im Vorwort darauf hin, dass die Jahre bis 1914 von der Forschung bisher lediglich hinsichtlich der militärischen Entwicklungen analysiert wurden, wodurch andere Forschungsfragen vernachlässigt blieben. Daher konzentriert sich der Autor auf die Darstellung der gesellschaftlichen Entwicklungen vor 1914; was durch zahlreiche Quellen, die Blom akribisch zusammengetragen hat, veranschaulicht wird.
Bloms Stil ist nicht unwissenschaftlich, sondern im Kontext der anglosächsichen Erzähltradition zu sehen - dort sind die Historiker im wahrsten Sinne des Wortes noch der Hi-"Story" verpflichtet. Das Buch ist daher leicht leserlich und spannend formuliert, ohne aber an wissenschaftlicher Seriösität einzubüßen.
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am 3. Januar 2011
Ich bin, um es vorauszuschicken, Interesseleser. Zwar wissenschaftlich gebildet (Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler), allerdings kein Historiker.
Dieser Disclaimer ist mir wichtig: ich kann und werde mich daher nicht mit der Frage aufhalten, ob der Autor hier ein wissenschaftlich-methodisch korrektes Werk bietet oder nicht.

Vielmehr ist mein Zugang interessengeleitet. Und: diese werden voll befriedigt:
* unglaublich spannend wird hier Zeitgeschichte dargeboten. Weitgehend unbekannte, wie ich zugestehen muss: jeder wird zwar das Attentat von Sarajevo kennen, welches als letzter und eigentlicher Anlass für den 1. WK anzusehen sein wird; kaum einer sich jedoch mit den seinerzeitigen gesellschaftlichen Strömungen, die derartige Entwicklungen erst ermöglicht hatten, auseinander gesetzt haben.
* Gerade dieses Buch schafft hier Abhilfe: gerade eine entscheidende Weltepoche, unserer so viel näher als man dächte, wird hier minutiös aufbereitet.
* Der Autor erliegt jedoch, welch ein Glück, nicht der Versuchung, chronologisch (oder lieblos?) bloß Fakten aufzuzählen, nein: festgemacht zwar an Jahren, konkret allerdings erläutert anhand wesentlicher Fragestellungen (Attentate, Völkermorde udgl.) werden zeitliche Zusammenhänge verständlich dargestellt - und insbesondere auch aufgezeigt, wie uns diese noch Jahrzehnte später unerwartet disponieren.
* So wird der Leser gleichsam spielend mit Fakten vertraut, die dem zentraleuropäischen Gedächtnis fremd erscheinen: Völkermord im Kongo durch belgische Invasionstruppen; die "Inanspruchnahme der Nerven" als durchgängig "modernes" Krankheitsbild (das seine aktuelle Entsprechung im "Burn-Out Syndrom" findet); einseitige, teilweise wahnhafte (und ungeheuer verbreitete!) Ideen der "Eugenik" und Rassenlehre (nur "weiße" Mitteleuropäer sollten sich fortpflanzen, der Bezug zu Sarrazin liegt auf der Hand), und und und.
* Auffällig die Parallelen zur Jetztzeit. Auch hier jedoch kann getrost gesagt werden: der Autor stellt Zusammenhänge her, die Wertung obliegt dem Leser.
* Insgesamt wird das Bild eines Zeitalters geboten, das von Geschwindigkeit, Konsum und "Globalisierung" (sic!) bestimmt war. Aktueller demnach, als man denkt...
* Und, wesentlicher Trumpf: keine ex-post-Betrachtung finaler Natur, im Zuge derer die seinerzeitigen Geschehnisse aus dem Blickwinkel der nachfolgenden Verheerungen (nämlich unter dem der Weltkriege - alles hätte geradezu zwangsläufig in diese münden müssen) zu betrachten und qualifizieren sein würden. Der Autor zeigt vielmehr auf, dass zwar von Waffen starrende, militarisierte Gesellschaften ein Ventil suchen mussten (und wohl jedenfalls gefunden hätten), das Leben an sich jedoch nicht auf Krieg ausgerichtet war.

Daher: spannende Lektüre für Geschichtsinteressierte. Nicht sentimental-verklärt wie im Meiserwerk "Die Welt von gestern" von Stefan Zweig, sondern mit einigem (zeitlichem und persönlichen) Abstand, enormer Sachkenntnis und dennoch leichtfüßig verfasst.

Ein Toptitel, klare Empfehlung!
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am 9. August 2010
Eine überaus gelungene und facettenreiche Darstellung europäischer Geschichte.
Blom betrachtet den Zeitraum zwischen Jahrhundertwende und 1. Weltkrieg nicht als End- und Höhepunkt des "langen 19. Jahrhunderts". Er wählt die Perspektive der zurückversetzten Vorausschau auf das 20. Jahrhundert. Der Autor beschreibt Zukunftsängste und Visionen, gesellschaftspolitische und kulturelle Tendenzen, die uns im weiteren Verlauf des Jahrhunderts erneut oder verstärkt begegnen. Und in dieser Hinsicht gab es viel mehr als militärische Säbelrasseln und den Kurs auf die Katastrophe des 1. Weltkriegs.
Bloms Abhandlungen gehen über den strengen Zeitrahmen 1900-1914 hinaus. Die chrologischen Jahreszahlen der einzelnen Kapitel dienen als "Aufhänger" für die jeweiligen Themen (z.B. aristokratische Machterhaltung, Frauenrechtsbewegung, antroposophische Weltanschauung), die meist - aber in unterschiedlicher Tiefe - bezogen auf die fünf europäischen Großmächte der damaligen Zeit beleuchtet werden. Dies alles ist mit vielen Quellzitaten illustriert und wirkt dadurch sehr lebendig.
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am 28. Juni 2009
"Und nun fällt eine schwarze Wolke über Europa; und wenn sie sich wieder teilt, wird der Mensch der Neuzeit dahin gegangen sein: weggeweht in die Nacht des Gewesenen, in die Tiefe der Ewigkeit; eine dunkle Sage, ein dumpfes Gerücht, eine bleiche Erinnerung. Eine der zahllosen Spielarten des menschlichen Geschlechts hat ihr Ziel erreicht und ist unsterblich; zum Bilde geworden."

Mit diesen Worten schließt die großartige Kulturgeschichte der Neuzeit von Egon Friedell (1878-1938), einzig gefolgt noch von einem Epilog, in welchem die kulturellen, wissenschaftlichen, politischen und künstlerischen Strömungen vor der Jahrhundertwende bis ca. 1920 aus damals zeitgenössischer Sicht dargelegt werden. Im Buch von Philipp Blom "Der taumelnde Kontinent, Europa 1900 bis 1914" wird gerade diese Zeit eingehend beleuchtet und zwar unter Abstraktion der darauf folgenden Ereignisse von 1914 bis heute. Wir haben nun das seltene Vergenügen, bei Blom eine Fortsetzung Friedells als eine in Art, Charakter, Umfang und Kongenialität einzigartige historische Beschreibung jener Ereignisse aus unserer heutigen Perspektive, also von diesseits der "dunklen Wolke" sehen zu dürfen. Die Ereignisse nach 1914 sind uns aus vielen anderen Quellen bekannt, so unter anderem auch aus authentischen Erzählungen der letzten zwei oder drei Generationen vor uns. Ich selber überblicke, da mein Grossvater 1874 und mein Vater 1910 geboren ist und beide in einem der Epizentren der Ereignisse, nämlich in Wien, gelebt haben, unbewusst und bewusst als oral history gerade diesen historischen Zeitumfang und ich kann ihn an Kind und Enkel weitergeben. Einzigartig, wie Blom auch die heute aktuellen Ereignisse mittels ihrer Wurzeln in der Frühmoderne mitschwingen lässt. Ich empfehle zur Lektüre dieses Buchs hinzu, unbedingt die beiden Schlusskapitel bei Egon Friedell parallel zu lesen. Philipp Blom zitiert jenen Autor zwar weder im Text noch in der Bibliographie. Ich habe aber doch den grossen Verdacht, dass er ihm nicht unbekannt ist und dass er sich auch wacker seiner bedient hat, was nach Friedells eigenen Worten aber nicht schimpflich ist, sondern ein Kompliment darstellt. Als speziellen Pluspunkt führt Blom ein umfangreiches Literaturverzeichnis an, von wo sich weiter in die Tiefe zoomen lässt.
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am 11. November 2014
zu den politischen und/oder militärhistorischen Werken, die im Jubiläumsmarathon 2013 ff. erschienen sind, und sicher noch erscheinen werden. Als Verehrer von Clarkes "Schlafwandler-These" fehlte mir bisher etwas der Einblick in die Mentalitäten der Gesellschaften, die in den 1. WK geschlafwandelt sind. Fleissiges Quellenstudium aller diplomatischen und sonstigen politischen Korrespondenzen, Denkschriften etc., die vor allen Dingen von den (selten nicht-deutschen) begeisterten Verteidigern der Theorie der deutschen Alleinschuld am 1. WK betrieben wurden und werden, in allen Ehren - aber nichts davon erklärt die fast manische Begeisterung, mit der weite Teile der europäischen Bevölkerungen in diesen Krieg hineingerannt sind wie in ein heilsbringendes Ereignis. Irgendetwas hat die Menschen an der Idee angezogen, sich gegenseitig zu zerfleischen, denn eigentlich sprach nichts für diesen Krieg: Ökonomisch, politisch, kulturell, und militärisch: Gar nichts, logisch und rational betrachtet. Sogar der Schliefenplan war zum Teil ein Ausdruck der Panik vor dem, was dem Militär da abverlangt werden sollte: Wie kann ich den Westen so schnell niederwerfen, dass mir der 2-Fronten-Krieg im Osten erspart bleibt? Spätestens hier fangen die Thesen vom machtverliebten Deutschland als alleinigem Kriegstreiber an zu wackeln. Sie wackeln noch mehr, wenn einem klar wird, dass es ein definiertes politisches deutsches Kriegsziel, wie es Bismarck immer schon VOR dem Krieg hatte, im 1. WK nicht gab. Der Sieg schien Selbstzweck. Was danach an politischer Welt für die Besiegten kommen sollte, dazu gab es nie ein abgesegnetes Konzept. Überlegungen, ja, von allen Seiten, teilweise hahnebüchen, geradezu abstrus. Aber eine Überlegung wie 1866 (Niederwerfen Dänemarks = Norddeutscher Bund unter Führung Preussens) oder gar 1870/71 (die Franzosen müssen per Emser Depesche JETZT zum Krieg getrieben werden, damit mein Kalkül aufgeht) - das sucht man für den 1. WK vergebens.

Den 1 WK scheinen viele nur geführt zu haben, weil ihnen danach war.

Warum war ihnen danach?

Also, wenn es kein Kalkül á la Bismarck war; wenn Teile der britischen Elite den Krieg lange scheuten, wenn die Umgebung des russischen Zaren eigentlich wusste, dass Russland diesen Krieg nicht führen konnte - woher die ans Hysterische grenzende Begeisterung in 1914? Und nicht nur in Deutschland?

Da musste etwas Emotionales, etwas Irrationales im Spiel sein, jenseits der offiziellen Depeschen. Der Taumelnde Kontinent nun hat mir dieses Etwas näher gebracht, und für mich war es das erste Buch, das dies getan hat.

Ja, möchte man da dem einen oder anderen Rezensenten entgegehalten, es ist keine Auflistung der Korrespondenz von Bethmann-Hollweg. Der Kaiser kommt nur kurz vor, und eher exemplarisch, jedenfalls deutlich kürzer als die Dreyfuss-Affäre. Ja, die Darstellung ist (angelsächsisch) auf's breite Publikum gerichtet (das war der 1. WK schließlich auch, man sehe die Opfer in der Zivilbevölkerung, aus der ja ursprünglich auch die Soldaten kamen, nicht wahr) und der Stil ist anekdotenhaft. Was man hier hat ist keine wissenschaftliche Studie, es geht mehr ins Essayistische. Und, ich weiß, ich weiß, das ist in Deutschland nicht des Landes Brauch, wenn's um Historie geht.

Aber was ich, nach all den allen wissenschaftlichen Ansprüchen gar so sehr genügenden Büchern, hier erstmals gefunden habe, ist ein Verstehen dessen, was die Leute damals fühlten. Das Fiebrige, das Übersteigerte, Exaltierte, das was man (ich bin Jahrgang 1966) nicht versteht, oder mit Rückschau dessen, was Goebbels draus gemacht hat, nicht mehr ertragen kann: Hier ist es. Nicht gestreamt, nicht gestylt, nicht von 1000 Belegen tot geschlagen: Nein, erzählt. So gut erzählt, trotz zugegebener sprachlicher Schnitzer, dass man es nachfühlen kann.

Für mich, jenseits allen historischen Interesses, auch eine hervorragende Schule, vor welchen sprachlichen und propagandistischen Exzessen man sich heute hüten sollte (Medien/Politik/etc.), wenn man keine Lust auf den 3. WK hat.
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am 12. März 2015
Blom schreibt über die Modernität des Europa zwischen 1900 und 1914, arbeitet sich aber wie viele mehr an den gesellschaftlichen Krisen, besonders der der Männlichkeit, ab und kann deshalb auch seine Ankündigung, er hätte so zu schreiben versucht, als hätte es die Kriege des 20. Jahrhunderts nicht gegeben, nicht einlösen. Das Buch ist gut lesbar und arbeitet nmit vielen plastischen Beispielen. Es ist in den historischen Details aber gelegentlich sehr ungenau, so wird bei Blom aus dem Norweger Amundsen ein Däne, Wilhelm II. unternahm seine Kreuzfahrten statt nach Norwegen in die Ostsee und der Mord von Sarajewo geschah am 31.7.1914 (!!) und ähnliche ungewöhnliche Zuordnungen.
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am 28. Januar 2014
Ein unglaublich dichtes Buch, Eine Überblicksarbeit die sich fantastisch liest und gleichzeitig Zusammenhänge herstellt die man in keinem herkömmlichen Geschichtsbuch finden wird. Blom kennt alles, scheint alles gelesen zu haben, hat entlegenste Quellen erschlossen, und was am wichtigsten ist hat eine ganz elegante Weise der kontrollierten Erschließung gefunden. Fantastisch, elegant, indoktriniert, und äußerst spannend zu lesen.
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am 21. Oktober 2013
Hervorragend geschrieben, mit viel Sachverstand verfasst. Das Buch passt ausgezeichnet zum bevorstehenden Zeitgeschichte-Jahr "100 Jahre Erster Weltkrieg". Nur zu empfehlen.
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am 1. Juli 2012
Dieses Buch ist ein bemerkenswertes Zeitdokument. Es bringt viele interssante Tatbestände, Einsichten und Zusammenhänge. Dies allerdings in einer ausnehmend kleinkarierten, politisch korrekten Verpackung, was den Leser verführt, das Werk nicht ganz ernst zu nehmen. Es fehlt die Qualifikation sine ira et studio. Falls der noch junge Autor in 30 Jahren diese Arbeit mit weniger Worten und mehr Gelassenheit noch mal herausbringen würde, könnte ich mir gut vorstellen, das es dann an vielen Schulen zur Pflichtlektüre wird. Georg Berendsen, Rio de Janeiro.
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am 10. Februar 2010
So sehr ich mich auf dieses vielgepriesene Buch gefreut hatte, so sehr wurde ich auch enttäuscht.
Blom ist ein Meister in der Kunst, historische Details in einem wunderbaren Bogen zu verknüpfen.
Was dieses Buch aber für mich unlesbar machte, waren seine unsäglichen, persönlichen Wertungen spätestens zum Ende eines Kapitels. Formulierungen wie "...der erste Menschenrechtsaktivist..." verlassen den Boden seriöser wissenschaftlicher Wertungen.
Schade drum.
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