I. Zwar gibt es Dialoge in dieser Sammlung von Spaziergängen mit oder ohne Hund, in erster Linie mit seiner häuslichen, feinfühligen Frau, aber in 90 Prozent der Panels sehen wir den höheren Angestellten durch seine neue Wohngegend streifen. Das würde nicht funktionieren, wenn Tatsumi die Grafik besorgt hätte, oder jeder andere, der Gebäude, Straßen, Lampen, Geschäfte, Zäune, Steine und Schiffe nur andeutet - der strikte, nuancierte Naturalismus der Bilder bei Taniguchi ist entscheidend, um die Ruhe und Genügsamkeit des Protagonisten auch bei sich selbst in Ansätzen zu erleben. Denn der spazierende Mann entdeckt seine Umgebung mit einem kleinen Erstaunen, das uns ein Tardi oder Trondheim so nicht hätten vermitteln können. Doch diese Leute wären auch nicht auf die Idee gekommen, die Mikro-Erlebnisse (ein Huhn, eine zerbrochene Brille, ein verlassenes Schwimmbad) vor der Haustür in 18 Vignetten zu verwandeln. Geschichten sind das noch nicht.
II. Acht Seiten braucht Tatsumi für "Auf dem Baum". Mit seinem Hund Flocke dreht er wieder eine Runde, sieht einen motorisierten Papierflieger, der sich - es muss Spätherbst sein - in einem Baum verfängt. Die Kinder sind ratlos. Der namenlose Umherstreifer zieht sich Schuhe und Strümpfe aus, erklettert den Baum und lässt den Flieger nach unten gleiten. Die Jungs sind begeistert. Der Spaziergänger bleibt noch oben, genießt die Aussicht auf die Wohnsiedlung unter ihm. Taniguchi kostet diesen langen Augenblick mit einem ganzseitigen, großartigen Panel aus. Dann tritt er den Weg nach Hause an, findet das zerbogene Flugzeug auf der Straße. Zu Hause repariert er es. "Toll machst du das", sagt seine Frau. Dann lässt er es in die Nacht hinein fliegen.
III. Unser Mann ist ein Schweiger, aber kein Verstockter. Wissensdurstig und gebildet. Er leiht sich "Die kleine Diebin" von Claude Miller aus. Lässt die VHS-Cassette dann an einem Baum (schon wieder!) liegen, wo er eine junge Frau trifft, die ihm eine Kindheitserinnerung anvertraut. Der Spaziergänger interessiert sich für Architektur und Schalentiere. Die Doppelseite 144/145 ("Das Meer sehen") kommt ohne ein Wort aus, ohne Lautmalerei (die oft genug stört, denn die Geräusche stecken schon in den meisterhaften Bildern). Mit seiner Frau unternimmt er diesmal keinen Spaziergang, sondern ein regelrechtes Wohlfühlwandern, das nach meinem Geschmack noch viel länger hätte ausfallen können. Wie wäre es mit einem Comic, der auf 50 Seiten einen Spaziergang durch Weimar nachzeichnet, ohne Dialoge, ohne Gedankenblasen, ohne "Knurr, Knurr" oder "Platsch, Platsch". Ich würde mir das ansehen, wenn jemand vom Schlage Taniguchis für die Zeichnungen verantwortlich wäre. Auch wenn ich nicht wüsste, was im Kopf der Figur vor sich geht. Weil ich es gar nicht wissen will. Weil es um die Landschaft geht, um die Bewegung in der Landschaft.
IV. Ein anderes Mal holt unser Spaziergänger einen älteren Herrn ein, der daraufhin größere Schritte macht. Dann zieht der jüngere Mann nach und ist wieder auf selber Höhe mit dem Rentner. Mehr braucht es nicht. Am Ende geben sie diesen Wettbewerb auf und unterhalten sich. Wir hören ihre Worte nicht.
V. Zehn Jahre später ist der Spaziergänger nicht gealtert. Er kommt an einen Fluss, den er nicht kennt. Er trifft einen Angler, der nichts fangen will. Und zum allerersten Mal werden wir mit einer Message konfrontiert. Die Dinge langsam angehen. Na gut, das hätte nicht unbedingt ausgesprochen werden müssen.
VI. Die engsten Gassen weltweit gibt es übrigens in Japan. Unser stämmiger Freund passt da gerade so durch.
VII. In der DNA dieses Comics gibt es nichts, was man mit Mangas in Verbindung bringen könnte.
VIII. Man liest "Der spazierende Mann" zunächst viel zu schnell. Beim zweiten Mal drosselt man das Tempo. Der dritte Durchgang ist noch gemächlicher und entspricht wohl dem, was Taniguchi gemeint hat.