"Der silberne Falke" gehört zu den Büchern, die mich ein wenig unschlüssig zurücklassen. Es ist gut, ja. Aber so richtig super-großartig-Fünf-Sterne-gut ist es nicht. Das Buch ist der mittlere Teil einer Trilogie, bildet in sich aber eine abgeschlossene Geschichte: Im England des ausgehenden 12. Jahrhunderts hat der junge William nur einen Wunsch - er möchte Falkner werden. Dem steht nicht nur seine Gehbehinderung entgegen, sondern auch die Tatsache, daß er die Schmiede seiner Eltern übernehmen soll. Aber nachdem selbst der König auf Williams Begabung im Umgang mit den Vögeln aufmerksam geworden ist, scheint sich sein Traum doch noch zu erfüllen...
"Der silberne Falke" erzählt vom Erwachsenwerden eines unsicheren Jungen, der zum erfolgreichen Falkner heranreift. Das erinnert ein wenig an die Romane von Rebecca Gablé und ist gar nicht schlecht, denn so eine Geschichte bietet viel Potential für Entwicklung und Abenteuer. Das Grundthema "Falknerei" finde ich wunderbar gewählt - diese Form der Jagd war im Mittelalter so beliebt und kommt in Romanen über die Zeit doch selten vor. Katia Fox erklärt sie mit sehr viel Hintergrundwissen, und so wird nicht nur William, sondern auch der Leser zum Falkner-Lehrling.
Echtes Lesevergnügen wollte sich bei mir dennoch nicht einstellen. Obwohl die Geschichte auf einem guten Grundgerüst steht, kommt es immer wieder zu Wendungen, die nicht überraschend, sondern höchst eigenartig wirken und auch stets nur mit einem kurzen Satz erklärt werden. Ein Priester, der ohne jeden Grund das Beichtgeheimnis verrät? Ein Heimatloser, der in London erst vergeblich Arbeit sucht, dann als Bettler auf der Straße lebt, nach mehreren Wochen beschließt, sein Leben zu ändern und dann als verlauste, verschmutzte Bettelgestalt bereits im dritten Versuch schafft, was ihm vorher nicht gelingen wollte, nämlich eine Anstellung zu finden?
Ebensolche Ungereimtheiten dann auch bei den Charakteren, insbesondere der Hauptperson William: Der spricht einerseits unaufgefordert den König an (und zwar nicht irgendeinen König, sondern mit Henry II. einen der furchteinflößendsten Könige des gesamten englischen Mittelalters), ist einige Seiten später aber wütend über seine Angst, gegenüber einem einfachen Falkner laut heraus zu sprechen. Williams Gehbehinderung wird über lange Passagen so überhaupt nicht erwähnt, daß der Leser sie schon fast vergessen hat, bis sie dann plötzlich wieder eine wichtige Rolle spielt.
Hinzu kommt, daß Katia Fox dazu neigt, Dinge lieber einmal zu viel als einmal zu wenig zu erklären. Nur ein Beispiel: Der etwas tumbe Bösewicht verrät durch einen falschen Ausdruck, daß er von der Falknerei nichts versteht. Der Leser, der den richtigen Ausdruck mittlerweile zehnmal gelesen hat, merkt sofort: Aha, der Kerl hat gar keine Ahnung. Dennoch schiebt die Autorin die Erklärung hinterher, daß der böse Dummkopf keine Ahnung habe. Nach der x-ten Stelle dieser Art fragte ich mich zwangsläufig, ob die Autorin mich für genauso unterbelichtet wie ihren Bösewicht hält.
Mein Eindruck ist, daß Katia Fox sich immer wieder spannende erzählerische Türen geöffnet und dann im letzten Moment beschlossen hat, lieber doch nicht hindurchzugehen. Schade, finde ich, denn ihr flüssiger Stil und das ungewöhnliche Thema haben mir gut gefallen. Insofern, ja, ein guter historischer Roman, aber kein hervorragender.