Auf knapp 300 Seiten wird das "Syndrom" der Hohen Sensibilität (im Buch vom Autor immer wieder adjektivisch mit "übersensibel"(!) betitelt - gegenüber dem sonst gängige Sprachgebrauch "hochsensibel", der die Würde der Hochsensiblen belässt) auf sehr analytische, fachliche-nüchterne, distanzierte Weise - wie mit einer Zange unter dem Mikroskop, betrachtet.
Der Autor, allerhöchstwahrscheinlich nicht hochsensibel, kann kein emotionales, vom Grundtenor her lediglich problemorientiertes Verständnis für ein eigentlich sehr schönes Phänomen (immerhin 20% aller Menschen sind nach genaueren Schätzungen scheinbar betroffen) aufbringen. Gibt auf glatt 13 Seiten (nach 181 Seiten Problemen) recht platte, uneinfühlsame, wenig tiefschürfende Tipps, die wieder das Gefühl aufkommen lassen, dass mit einem irgendetwas nicht stimmt (welcher Hochsensible kennt dieses nicht! Entspricht somit nicht der Erwartung, die wohl viele blicks eines sonst guten Titels, der missbraucht wird, hegen).
Positiv allein (wer genügend Ausdauer hat, zwischen den Zeilen zu lesen und Kraft, negativ aufkommende Gefühle im Keim zu unterdrücken) die Fähigkeit des Autors, psychologische und körperliche Zusammenhänge bei HSP (Hochsensibilität) analytisch, sachlich zu beleuchten.
Wer allerdings erste Infos zum Thema und Ermutigung sucht, ist mit Elaine Arons Büchern (etwas langatmig die Urausgabe, aber besonders mit dem Workbook sehr effektiv) unterwegs, oder mit "Zart besaitet" (österr. Autor Georg Parlow, viele Redundanzen, es fehlt etwas die Struktur im Buch, wirkt etwas verworren; ist dafür jedoch sehr herzlich und "von innen" geschrieben - zudem von einem Hochsensiblen, ebenso wie die Aron-Bücher, was mir persönlich viel bedeutet).
Die Kommentare zum (christlichen) Glauben wirken oft schnell hingeklatscht und - gerade für Hochsensible, nicht sehr in ihr Leben integriert. Wer als Hochsensibler hier weitere Literatur sucht, dem empfehle ich besonders Bücher von Anselm Grün: "Spiritualität von unten" (gemeint ist Verwurzeltsein in unseren Empfindungen, im Menschsein), "Mit Herz und allen Sinnen", "Bleib deinen Träumen auf der Spur" und ähnliche. Meiner Meinung nach einmalig für Hochsensible im christlichen Bereich!
Das exemplarische Beispiel einer prominenten Sensiblen, Prinzessin Diana, wirkt ebenso herzlos, unbedacht herbeigewühlt - wie als Essenz des Buches: wenn du sensibel/"über"sensibel bist, droht dir das Aus. Die Angst, dass es wieder nicht gut gehen könnte, wird rot unterstrichen. Klatsch! Arbeite (wie wenn sich Hochsensible nicht schon genug in Arbeit verlieren) schön sorgsam daran, nicht mehr so viel nachzudenken und alles persönlich zu nehmen, lautet der herzlose Tipp des Buches, um Drohendes zu umgehen.
Kurz: Das Buch kann (wie manch andere Bücher ebenso - der Bedarf an enttabuisierender, positiver Literatur zum Thema ist immens) das positive Potenzial der HSPler definitiv nicht fördern. Lediglich den Tatbestand auf 300 Seiten problematisieren.
Selbst die psychologische Sicht im Buch ist stark begrenzt (Analyse und Tiefenpsychologie schneiden extrem schlecht ab - Therapieansätze, die besonders für Hochsensible sehr hilfreich sein können, hier enttäuscht das Buch sehr stark!).
Überlassen wir solche Bücher lieber sensiblen Schreibern, die das schöne, wertvolle, oft unbedachte Potenzial der Hochsensiblen für sie selbst und die Gesellschaft gewinnbringend zu Tage fördern können.