In "Der schwedische Reiter" spielt Leo Perutz mit dem Genre des historischen Romans -- eigentlich ist die Romanhandlung bereits in dem wenige Seiten langen Vorbericht versteckt, in der es um die Erinnerungen der Marie Christine von Blohme, geborene von Tornefeld, verwitwete von Rantzau geht. Es geht um eine Kindheitserinnerung, die man fast überlesen hätte: Wie kann ihr Vater als Held des Schwedisch-Russischen Krieges fallen und sie gleichzeitig fast jede Nacht besuchen? Das Kind betet schließlich ein Vaterunser für einen toten Landstreicher, der gerade in der Ferne begraben wird. Und in diesem Vorspann findet der Erzähler nun einen fesselnden Roman über die Geschichte zweier Männer verborgen.
Nach dem Prolog beginnt der eigentliche Roman, weit vor Marie Christines Geburt. Zwei halbverhungerte Männer versuchen im winterlichen Schlesien des 18. Jahrhunderts, ihren Verfolgern zu entkommen -- ein wirklichkeitsfremder, heruntergekommener junger Adliger, der junge Tornefeld, und ein mit allen Wassern gewaschener Dieb, der "Hahnenschnapper", dessen letzte Hoffnung die lebensfeindlichen Bergwerke des Bischofs sind, genannt "die Hölle des Bischofs".
Sie finden sich in einer Mühle wieder, in der es nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, und nun kommt es, fast beiläufig und nach allerhand Abenteuern, zum Identitätstausch. Von nun an geht es um das Leben des "Hahnenschnappers", der die Stelle des Adligen einnimmt und eigentlich dessen besseres Ich wird -- aber um den Preis des Verrates und der Ehrlosigkeit.
Es beginnt ein abenteuerlicher Schelmenroman, eine detailverliebte burleske Räuberpistole, ein Liebesroman; ein Kunstmärchen in bester Tradition der deutschen Romantik; ein historischer Roman mit sozialkritischen Zügen, in den zeitgenössische Legenden einfließen; ein Roman über existentielle Not und Lebenswillen, über Flucht und Verfolgung -- und ein Roman über Identität und Identitätsverlust.
Die Protagonisten des Romans sind jedoch keine exakt charakterisierten Figuren, sondern Typen, Archetypen fast, Jedermänner: der wagemutige, gewitzte Dieb mit dem unermesslichen Lebenshunger, der sich sogar die eigene Identität stehlen muss, um leben zu können, der jahrelang sein Ziel verfolgt und mit seiner Räuberbande die Obrigkeit an der Nase herumführt und sich nicht um Gott und den Teufel schert, der es zu allzu vergänglicher Sicherheit bringt und am Ende doch mit sich ins reine kommt, als er in der Todesstunde die Bedeutung dessen erkennt, wozu er vom Gericht Gottes verurteilt worden war: "dass er allein soll tragen durch sein Leben seiner Sünden Last und sie keinem gestehen und bekennen als der Luft und dem Erdreich".
Perutz schrieb hier eines seiner vielen Meisterwerke über den modernen Menschen. Auch wenn die abenteuerliche Geschichte des "Schwedischen Reiters" im 18. Jahrhundert spielt und auch wenn Perutz' rhythmischer Sprachduktus an Chroniken des 18. Jahrhunderts denken lässt, so geht es doch um den modernen Menschen: Die Welt ist aus den Fugen, und nicht göttliches Wirken lenkt die Geschicke des Menschen, sondern Zufälle werfen ihn aus der sicher geglauben Bahn: Gottes Gericht ist "nur" für die existentielle Befindlichkeit des Individuums zuständig -- der Zickzack seines Lebens resultiert aus Zufällen, aus Verrat, Schlauheit und Treue. Die Guten werden nicht fürs Gutsein belohnt, die Schlechten nicht fürs Schlechtsein bestraft.
Der Roman ist fesselnd und nimmt den Leser übergangslos mit ins 18. Jahrhundert. Viele lose Fäden müssen verknüpft werden, bevor am Ende die Zusammenhänge erkennbar sein werden -- nur für den Leser freilich, nicht für die Romanfiguren.
Auch hier hat Perutz keinen "intellektuellen Roman" geschrieben; man kann den "Schwedischen Reiter" ohne Gewissensbisse ganz einfach als spannende Geschichte lesen, und das mit Recht. Das intellektuelle Vergnügen an den vielen Vexierspiegeln stellt sich dann von selber ein.