"Wie kommt es, dass im Verlauf eines halben Tages aus einem unechten Selbstmord ein Mord und aus dem dann wieder ein Selbstmord wird?" Commissario De Luca hat es nicht einfach, landet 1948 nach seiner Versetzung nach Bologna nicht nur mitten im Trubel und Chaos der ersten demokratischen Wahlen, sondern auch im höchst spannenden Geschehen seines ersten Falles: Der kommunistische Bordellangestellte Ricciotti soll sich erhängt haben. Aber gerade in politisch unruhigen Zeiten kann man das eben so oder so sehen. "Wir sind im Wahlkampf, das hier ist alles Politik! Auch für die sind Sie nur Mittel zum Zweck".
Aber Commissario De Luca findet natürlich seinen Weg -- politische Autoritäten oder Hierarchie im Polizeiapparat hin oder her -- und er lässt nicht locker. Intrigen, Machtgier, Lügen, Verleumdungen, Korruption: De Luca bleibt die integere, gradlinige, idealistische und dabei in allem absolut überzeugende Figur.
Der mehrfach preisgekrönte Autor Carlo Lucarelli schafft in seinem neuen Roman etwas ganz Besonderes: den Spagat zwischen spannungsreicher Krimigeschichte und detaillierter Hintergrundinformation. Es ist die Zeit des Kalten Krieges und die Zerrissenheit zwischen westlichen Demokratien und östlichen Bündnissystemen spiegelt sich in Italien wider: Massendemonstrationen, Streiks, Zersplitterung der Linken, Stärkung der Rechten -- die Situation führt Italien fast an den Rand eines Bürgerkrieges.
So ist sein in Italien bereits ausgezeichneter Roman eng verwoben mit einer Ära, steht nicht irgendwo im luftleeren Raum, sondern fügt sich gekonnt und geschickt in ein Stück Zeitgeschichte. Lucarellis Sprache ist, wie schon aus dem Schutzengel oder Der grüne Leguan gewohnt, klar, präzise, schnörkellos, manchmal kraftvoll, spontan witzig. Er packt Sprache so an wie seine Themen: direkt, ohne Umweg, manchmal so deutlich, dass man meint, beim Lesen den Text gesprochen zu hören. --Barbara Wegmann
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Authentisches Hintergrundrauschen
Zwei neue Krimis von Carlo Lucarelli
Natürlich: Commissario De Luca trägt einen Regenmantel. Selbstverständlich: Er will die Wahrheit ans Licht bringen. Ausserdem: graue Gesichtsfarbe, Schlaflosigkeit, Magenschmerzen und ein messerscharfer Verstand. Viele Gegner, viele Unwägbarkeiten.
An einem kühlen Apriltag des Jahres 1948 wird der Commissario in eine heruntergekommene Gegend Bolognas gerufen. In einem Bordell in der Via delle Oche gibt es einen Toten. Kaum 20 Jahre alt, Faktotum des Etablissements, ehemaliger Boxer und überzeugter Kommunist. Angeblich ein Selbstmörder, doch De Luca durchschaut die Inszenierung und vermutet einen politischen Hintergrund. Die ersten demokratischen Wahlen stehen kurz bevor, man befürchtet einen Sieg der Kommunisten, die Lage in der Stadt ist angespannt. De Luca gerät mit seinen Ermittlungen zwischen alle Fronten, er kommt den Tätern dennoch auf die Spur, muss sich aber bald darauf wegen seiner eigenen Vergangenheit als Polizist unter den Faschisten verantworten.
«Der rote Sonntag» heisst der neue Fall des Commissario, sein dritter in deutscher Sprache, und ist wie «Freie Hand für De Luca» (Piper, 1999) und «Der trübe Sommer» (Piper, 2000) in den vierziger Jahren angesiedelt. In Italien macht Carlo Lucarelli mit seinen Krimis Furore: Fünfzehn Romane liegen insgesamt vor, die sich im Schnitt 80 000-mal verkauften; neben der De-Luca-Serie gibt es eine zweite Reihe mit dem Sovraintendente Coliandro, die im zeitgenössischen Bologna angesiedelt ist. Auch in Deutschland ist Lucarelli gefragt: Die De-Luca-Bände erreichen eine Auflage von insgesamt 20 000 Stück. Du Mont brachte im vergangenen Jahr den Krimi «Der grüne Leguan heraus», bei Kritik und Publikum ein Grosserfolg, und veröffentlicht jetzt den ersten Coliandro-Band, «Schutzengel», auf Deutsch. Was ist das Besondere an Lucarelli?
Aufklärungsdrang
Der Bologneser Schriftsteller hat, genau wie Andrea Camilleri, Henning Mankell und Donna Leon, einen Serienhelden erfunden, der die traditionellen Detektiv-Eigenschaften besitzt, aber dennoch ausreichend exzentrisch ist. Einen Mann, an den man sich rasch gewöhnt, eine Ordnungsinstanz. Mit seinem positivistischen Aufklärungsdrang wirkt De Luca auf den ersten Blick wie ein Urahn Sherlock Holmes'. Unbeirrbar kombiniert er sämtliche Indizien und schert sich nicht um seine Auftraggeber, ausserdem steht ihm ein Watson-artiger Adlatus namens Pugliese zur Seite. De Luca könnte auch ein entfernter Schwager des Pariser Kollegen Maigret sein oder ein Cousin von Camilleris Montalbano, mit denen er die Besessenheit und die Neigung zur Melancholie teilt. Er wirkt also wie ein klassischer Detektiv aber nur fast. Anders als für seine englischen, französischen und sizilianischen Verwandten kann man für De Luca keine uneingeschränkte Sympathie empfinden. Der Commissario ist ein zwiespältiger Charakter, und genau das scheint ihn attraktiv zu machen.
Durch die ambivalenten Züge seines Helden stört Carlo Lucarelli den Identifikationsprozess, der eigentlich typisch für Krimis ist: Einer, der auf der richtigen Seite steht, jagt einen anderen, der ein Verbrechen begangen hat; der eine ist gut, der andere böse, und als Leser schlägt man sich gemeinsam mit dem Detektiv auf die Seite der Gerechtigkeit. De Luca fühlt sich zwar der Wahrheit verpflichtet, hat sich als unpolitischer Mensch nie um die Machthaber gekümmert und kommt in die absurde Lage, abwechselnd Antifaschisten und Faschisten zu verhaften, je nachdem, wer seine Befehlshaber sind. Er ist ein Durchschnittsbürger mit einem Durchschnittsverhalten, ein Opportunist in Situationen, die ein eindeutiges Bekenntnis verlangt hätten.
Gründlich recherchiert
Anders als Donna Leon wartet der 40-jährige Bologneser nicht mit den üblichen Italien-Klischees auf. Seine De-Luca-Serie erschliesst historisch und topographisch neue Räume, denn weder Bologna noch die vierziger Jahre waren je zuvor Gegenstand von Kriminalromanen. Auch «Der rote Sonntag» ist gründlich recherchiert. Lucarelli, ursprünglich Student der Geschichtswissenschaften, arbeitet mit Zitaten aus Zeitungen und Ausschnitten aus öffentlichen Statuten und inszeniert eine Art authentisches Hintergrundrauschen. Sein neuer De-Luca-Band ist sicherlich kein spektakuläres literarisches Werk, aber handwerklich gut gearbeitet. Lucarelli zeigt Geschick im Umgang mit dem Genre. Er variiert es, ohne es allzu sehr zu verändern, und stiftet eine Form von produktiver Verunsicherung, die der Leser ohne Mühe verkraftet. Es gibt einen Mord, einen Täter und einen Kommissar, der einen nachvollziehbaren Erkenntnisprozess durchläuft. Aber das Böse wird am Ende nicht eliminiert oder auch nur gebannt eine verpflichtende Ordnung, die alle gesellschaftlichen Kräfte bindet, existiert nicht mehr. Die Lage ist unübersichtlich, die politischen Systeme sind im Fluss, alles ändert sich.
Die zweite Neuerscheinung von Lucarelli ist allerdings eine Enttäuschung. Nach dem auch formal spannenden «Grünen Leguan» mit der atemraubenden Polizistin Grazia Negro und dem blinden Spurensucher Simone, der akustisch nach dem Täter recherchiert, wirkt das Heldenpärchen von «Der Schutzengel» blass und langweilig. Sovraintendente Coliandro, redlich, aber dümmlich, ergreift in einem unverwechselbaren Bullen-Sound selbst das Wort, verbreitet Allgemeinplätze über Polizisten, Frauen und das Leben überhaupt, klopft rassistische Sprüche und landet eher aus Zufall mal einen Coup. Seine Kumpanin, die Punkerin Nikita, stellt seine Weltsicht zwar auf eine harte Probe und bringt ihn auf die Fährte einer Mafia-Splittergruppe, aber auch das kann den Roman nicht retten. Die Klischees werden dem Leser allzu ungebrochen serviert, das Spiel mit unterschiedlichen Textsorten wirkt erzwungen, die Handlung konstruiert, und das Ganze hat eher den Charakter einer Stilübung. Vielleicht halten Regenmäntel und andere altbewährte Requisiten doch länger.
Maike Albath
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.