Ein ganz wunderbares Buch gilt es hier zu entdecken! Es erzählt von zwei Freunden, die den gleichen verhängnisvollen Namen Allan Armadale tragen und deren Väter (auch sie hießen beide Allan Armadale) Feinde bis zum Mord waren. Beide Freunde könnten unterschiedlicher kaum sein: Der eine grüblerisch, ernsthaft, in sich gekehrt und mit hauchzarten Nerven geschlagen; der andere rotbackig, frisch, gutmütig-polternd und ein bisschen oberflächlich. Dennoch sind sie die besten Freunde und unzertrennlich.
Nachdem nun aber der ruhige Allan (der sich aus Gründen, die jetzt nicht erläutert werden sollen, Midwinter nennt und seinen wahren Namen verschweigt) von der blutigen Geschichte der Väter erfährt und in einem Brief des Vaters, den dieser auf dem Sterbebett schrieb, liest, er solle sich um jeden Preis fern halten von jenem anderen Armadale, da sich sonst die Geschichte wiederholen werde, kommt er in heftige Gewissenskonflikte. Als dann auch noch ein scheinbar hellseherischer Albtraum nach und nach in Erfüllung geht, muss sich Midwinter mit flatternden Nerven fragen, ob sich die Bluttat der Väter tatsächlich wiederholen muss, ob der Lebensweg also von einem übermächtigen Schicksal bestimmt oder frei wählbar ist. Die mysteriöse Fremde mit dem roten Schal jedenfalls scheint mit dem Schicksal im Bunde zu sein, das es nicht gut meint mit den beiden Armadales...
"Der Rote Schal" zähle ich, seit ich es unlängst gelesen habe, zum engen Kreis der Bücher, die ich noch einmal lesen muss; dies, weil es so heimelig-schön ist, so traulich, warm, spannend und bezaubernd. Noch Wochen, nachdem ich das Buch zugeklappt habe, hänge ich "Armadale", wie es im Original heißt, nach. Das liegt zum Teil an der Geschichte an sich, die perfekt durchkonstruiert und (wenn auch hier und da etwas zu unwahrscheinlich) durch ihre verschiedenen Erzählebenen und -stile wahrhaft meisterlich vorgetragen ist. Zum weitaus größeren Teil aber ging mir dieses Buch wegen seiner heimlichen Hauptfigur so nahe: der "Schurkin" Lydia Gwilt. Hat die Literatur je einen widersprüchlicheren, nachvollziehbareren, skrupelloseren, zärtlicheren, stärkeren, verletzbareren und letztlich liebenswerteren Frauencharakter hervorgebracht? Mir jedenfalls ist auf meinen bisherigen Lesereisen keiner untergekommen, der es mit Lydia Gwilt aufnehmen kann. Und ganz ehrlich: mein Herz schlägt immer noch schneller, wenn ich an sie zurückdenke. Der Wandel den die Figur im Laufe des Buches vollzieht, und der vermittels Briefen und Tagebucheinträgen beleuchtet wird, hat mich denn auch fast mehr mitfiebern lassen als die eigentliche Geschichte um Schicksal und Albtraumerfüllung der beiden Armadales.
Alles in allem eine wunderbare Komposition, die ich jedem allerwärmstens ans Herz lege, der für Romantik und wohliges Schauern zu haben ist.
Nach "Die Frau in Weiß" war dies mein zweiter Wilkie Collins. Jetzt warten noch "Lucille", "Der Monddiamant" und "Das Geheimnis des Myrtenzimmers" auf Entdeckung. Ich freu mich drauf...