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Rollentausch in neuen Bilderbüchern
Wenn der Feind zum Freund und das Hundchen zum Frauchen wird, sieht die Welt auf einmal ganz anders aus. Oder doch nicht? Die Verkehrung der Verhältnisse ist Thema zweier Bilderbuch-Neuerscheinungen von Eric Battut und Kathrin Schärer.
Eigentlich sind die Rollen zwischen Frau und Hund klar verteilt. Tante Bella isst gern, und Karlchen bettelt gern. Das sieht man auf den ersten Blick. Tante Bellas imposante Gestalt ist rund und glatt wie ein bis zum Platzen aufgeblasener Ballon. Karlchen dagegen sieht schmal, struppig und gelenkig aus und ist mit einer ausgeprägten Nase und einem wedelfreudigen Schwanz begabt. Oft geht es bei beiden um die Wurst. Doch was Tante Bella schmeckt, ist nicht unbedingt auch nach Karlchens Geschmack. Und so muss sich Tante Bella manchmal richtig ins Zeug legen, damit der widerstrebende kleine Hund das nimmt, was sie ihm zugedacht hat. Tief bückt sie sich und lockt mit Stimme und Gestalt; so nachdrücklich, dass sie sich eines schönes Tages, die Hand mit der Wurst weit ausgestreckt, auf allen vieren vor ihrem Vierbeiner wiederfindet. Das ist der Beginn eines Spiels mit vertauschten Rollen, das für einen Tag lang auch die Kinder und die Hunde der Nachbarschaft in Atem hält.
Einfach sind Bild und Sprache, mit denen Kathrin Schärer die Lust am Rollentausch in ihrem ersten Bilderbuch inszeniert. Und in dieser Einfachheit liegt gerade ihr Reiz. In «Bella bellt und Karlchen kocht» geht das auch optisch ganz gesittet zu. In runden Linien wirft die Illustratorin ihre Figuren aufs Papier, in weichen Schraffuren gestaltet sie ihre Oberflächen. Liebevoll werden kleinste Unterschiede ins Bild gesetzt, von denen die in die Menschenrolle geschlüpften Hunde weit mehr zu bieten haben als die Menschen: so viele verschiedene Felle, so viele unterschiedliche Schnauzen und Ohren so viele Charaktere. Die Gestalt der Menschen dagegen reduziert sich in der Rolle des Vierbeiners auf die kugelige Form ihres Hinterteils. Es ist vor allem die Musterung ihrer Kleider, die sie voneinander unterscheidet. Mit Tante Bella kann da natürlich niemand mithalten. Die üppigen Rundungen ihrer Figur, die allein schon durch ihren schieren Umfang aus dem Gewusel der Kinder herausragen, werden noch dadurch betont, dass sie in einem mit kreisrunden Ringen bedruckten Kleid auftauchen.
Die Hunde sind die eigentlichen Stars des Buches. Sie können endlich einmal nach Herzenslust duschen und baden, kochen und tafeln, Computer spielen und Zeitung lesen, während die kleinen Menschen auf allen vieren durch die Gegend rutschen. In der Vertauschung der Rollen wird des einen Alltagsroutine zu des anderen Abenteuer vor allem deswegen, weil es ein Tausch auf Zeit ist. In der Freiheit, aus dem Fremden zurückkehren zu können in das Vertraute, wann immer man mag, gründet die Freude am Spiel. Und so nehmen am Abend Menschen und Hunde wieder ihre angestammten Rollen ein, um sich auszuruhen und Kräfte zu sammeln für ein neues Spiel, so wie man dieses Buch eigentlich nur zuklappt, um es wieder von vorne beginnen zu können.
Eine Verkehrung anderer Art macht der französische Bilderbuchautor und Illustrator Eric Battut zum Thema. In seinem mit dem französischen Kinderbuchpreis ausgezeichneten Bilderbuch «Der rote Max» erzählt er, wie aus Todfeindschaft Freundschaft werden kann. Denn dass ein Kater ein Ei ausbrütet und den frisch geschlüpften Vogel aufzieht, geschieht nicht etwa aus Zuneigung, sondern aus purem Appetit. Je grösser, desto nahrhafter, heisst seine Devise, die jedoch nicht aufgeht, weil der kleine Vogel, sobald er fliegen kann, das Weite sucht. Das Gefühl der Verlassenheit trifft den roten Max ganz unerwartet, genauso wie die Rückkehr des Vogels. Und da ist der Wendepunkt erreicht, an dem aus Feinden Freunde werden. Gekonnt spielt Battut mit dem Grössenunterschied seiner Hauptdarsteller. Den Löwenanteil der Seite nimmt Max ein. Feist und farbig erscheint seine markante Silhouette vor offenem Hintergrund, während der kleine schwarze Vogel mit dem roten Bauch so leicht und unstet wie eine Feder wirkt. Doch die anfangs bedrohliche Masse des Katzenkörpers verwandelt sich am Ende zur Heimstatt einer ganzen Vogelfamilie. Die Einfachheit und Klarheit, mit der Battut diese Verwandlung zeigt, macht aus der Geschichte weit mehr als eine Erzählung aus dem Tierreich: Sie transponiert sie in eine Parabel der Menschlichkeit.
Ursula Sinnreich -- Neue Zürcher Zeitung -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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