Ulf von Rauchhaupts "Der neunte Kontinent" ist eine kompakte, machmal etwas nüchterne, aber sehr ausgewogene Darstellung der Erforschung des Mars. Wie der Untertitel schon sagt, geht es hier um die "wissenschaftliche Eroberung des Mars", nicht um den Traum einer bemannten Marslandung oder deren möglichen Ablauf. Wer hier eine enthusiastische Jubelschrift eines "Flug zum Mars-Fans" für "Flug zum Mars-Fans" erwartet, muss somit zwangsläufig enttäuscht werden.
Das bedeutet allerdings nicht, dass dieses Thema ignoriert wird. Dazu später.
Der Autor widmet sich zunächst der Geschichte der ersten Marsbeobachtungen. Dies mag einem rein technisch interessierten Leser zu lang erscheinen, trotzdem gehört es zu einer solchen Darstellung dazu und bietet einen interessanten Einblick in die Irrtümer, Phantastereien und Träume, die im Laufe der Geschichte dem Mars eine Präsenz im Bewusstsein der Menschen verliehen haben, die jene der anderen Planeten weit übertrifft und somit auch historisch mitverantwortlich sind für die Anstrengungen, die bei der Erforschung dieses Planeten unternommen wurden und werden. Schließlich begann die Faszination der Menschen für den Mars nicht erst mit den ersten Bildern der Sonden.
Die folgenden Kapitel befassen sich mit den Marssonden und den Erkenntnissen, die durch diese gewonnen wurden, aber auch mit den Erwartungen, Enttäuschungen und der Verblüffung über das tatsächlich entdeckte.
Diese Entdeckungen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden umfassend in den Kapiteln über die hochinteressanten und einzigartigen Landschaften des Mars, die Atmosphäre, Vulkanismus und die Suche nach Wasser (und damit indirekt nach möglichem Leben) beschrieben und erläutert.
Der Suche nach Leben auf dem Mars widmet der Autor dann auch ein komplettes Kapitel, das den aktuellen Forschungsstand (zur Zeit der Drucklegung natürlich) darstellt.
Bemannte Flüge zum Mars behandelt von Rauchhaupt wie das ganze Thema sachlich und ohne in übertriebenen Optimismus zu verfallen, ablehnend steht er dem Thema aber nicht gegenüber, vielmehr zeigt er stets beide Seiten, die potentiellen und mit Sicherheit auftretenden Schwierigkeiten, aber auch Argumente, die für eine solche Mission sprechen und mögliche Lösungen. Wer hier eine reine Schönfärberei des Themas zugunsten bemannter Marsmissionen erwartet, wird dem Autor nicht gerecht, der sich um eine objektive Darstellung bemüht und sich nicht vor den Karren der einen oder der anderen Seite spannen lässt. Auch das noch ziemlich spekulative Thema des "Terraforming", also der Umgestaltung des Mars zu einem lebensfreundlicheren Planeten, wird anhand möglicher Szenarien und Modelle ausführlich dargelegt.
Als Anhang folgt noch ein Glossar mit areographischen Bezeichnungen.
Der einzige Kritikpunkt, den ich habe, ist das völlige Fehlen erläuternder graphischer Darstellungen, die
ich mir an einigen Stellen gewünscht hätte. Hier sagt ein Bild oft mehr als eine Seite Text.
Der Autor schließt das Buch mit den Worten:
"Mit schweren Stiefeln werden sie den roten Staub aufwirbeln, nicht um dortzubleiben, sondern um sich zu vergewissern, dass der Schritt möglich ist - der Schritt zu den Sternen."
Als Fazit für mich bleibt: Wer eine ausgewogene, sehr verständlich geschriebene Gesamtdarstellung unserer derzeitigen Kenntnisse über den Mars und den Stand der Raumfahrt erwartet, wird nicht enttäuscht. Ausblicke auf künftige Projekte fehlen auch nicht.
Wer nicht so viel Geld ausgeben möchte, kann mittlerweile auch auf die Taschenbuchausgabe zurückgreifen. Ich finde, es lohnt sich.
Darum von mir 5 Punkte für die neu geweckte Lust an der Eroberung des Mars, wie auch immer sie aussehen mag.