Vorab: Vieles gibt es zu bewundern an Reinhold Messner, dem großartigen Bergsteiger, intelligenten Abenteurer, Verfasser von etlichen faszinierenden Büchern, dem Mann, der mit einer unerschöpflichen Energie so viele Pläne und Projekte verwirklichte, dass sie fünf Leben füllen könnten. Aber Reinhold Messner ist auch, anders hätte er sicher nicht so viele Erfolge gehabt, ein grandioser, oft auch rücksichtsloser Egomane. Er ist ein Mann, der es fertig brachte, den viel schlichteren Peter Habeler, seinen Gefährten nicht nur am Mount Everest, einen 'Kasperl' zu nennen, nachdem ihm eine Unternehmung missglückt war.(Ich habe es selbst gelesen) Und das, obwohl - oder weil - Habeler dem schneeblinden Messner am Everest das Leben gerettet hatte. Habelers Verbrechen war gewesen, von Messners Schwäche zu berichten.
Warum das hier? Nun, weil mir Messners 'Der nackte Berg' auch eher den nicht so sympathischen Messner zu zeigen scheint, wenn auch nicht so krass wie im Falle Habeler. Ich zweifle nicht, dass das Buch für viele eine spannende Lektüre sein kann, und ich will auch gar nicht vom Lesen abraten. Wieso dann mein Urteil?
Weil mir das Buch, absichtlich oder unabsichtlich, nicht wirklich aufrichtig zu sein scheint. Ein Buch über Messners Bruder? Auch, und was Messner über seinen Bruder schreibt, macht beiden Ehre. Aber daneben und vor allem empfinde ich das Buch als eine Abrechnung mit dem toten Karl Herrligkoffer. Es scheint mir der Versuch, mehr als 30 Jahre nach den Ereignissen und nach den hässlichen Streitigkeiten, aus denen Messner einmal nicht als strahlender Sieger hervorging, das letzte Wort zu behalten. Antworten kann ihm ja niemand mehr. Ich glaube zwar keineswegs, dass Herrligkoffer eindeutig im Recht war, auch wenn er juristisch Recht bekam. Aber es ist nicht absolut redlich, heutigen Lesern, die häufig nichts von damals wissen, die Ereignisse einseitig zu erzählen. (Von dem berüchtigten Streit um die rote Rakete erfährt der Unkundige nur Messners Deutung des Signals. Er verschweigt, dass ihm heftig widersprochen wurde. Er erwähnt auch nirgends den von ihm verlorenen Prozess und worum es dabei ging.)
Nicht ganz aufrichtig auch in den Mitteln. Zu selten und fast immer nebenbei sagt Messner, was man ihm und was er Herrligkoffer vorgeworfen hat. Vielleicht musste er sich an juristische Vorgaben oder an Absprachen mit Herrligkoffers Erben halten, um überhaupt das Buch veröffentlichen zu können. Aber er arbeitet mir zu oft mit Andeutungen, mit suggestiven Formulierungen und Fragen, ja mit Sticheleien. (Es reizt mich, all das zu belegen, aber dazu reicht der Platz nicht). Häufiger ist seine Darstellung in sich widersprüchlich. So stellt er, ein Beispiel, Herrligkoffer als verschlossen, abweisend, andere ausnutzend dar. Lässt er sich dann aber beraten, spricht Messner von 'Einsagern', ohne deren Namen zu nennen. Als jedoch Herrligkoffer zuletzt, vor dem entscheidenden Besteigungsversuch, Messner selbst Pläne entwerfen lässt und sie akzeptiert, ohne andere zu befragen, da ist Messner sehr angetan und lobt Herrligkoffer. Nicht selten auch wirft Messner anderen (Herrligkoffer, Felix von Kuen, seinem damals wohl härtesten Konkurrenten in der Bergsteiger-Hackordnung) genau das vor, was er selbst tut.
An entscheidender Stelle wird das Buch verwirrend unklar. Nämlich dort, wo es um die berühmten Hilferufe nach Gipfelabstieg und Biwak geht, um die Rufverbindung zu den aufsteigenden Scholz und von Kuen. Wer nicht schon früher Messner oder andere Berichte gelesen hat, kann sich hier kein klares Bild machen oder muss notgedrungen Messners Sichtweise übernehmen. Aber die schon von Herrligkoffer monierten 'Ungereimtheiten' bleiben für mich.
Am meisten bedauere ich, dass Messner nicht die Gelegenheit genutzt hat, einmal ganz offen die psychologische Gemengelage bei einer solchen Expedition zu schildern. (Vielleicht hätte er dann einen Roman schreiben können oder sollen? Teile des Buches lesen sich ja schon romanhaft, etwa nach 30 Jahren wörtlich wiedergegebene Dialoge.) Also die Geschichte eines Mannes (Messner), der sich aus einem ehrgeizigen Traum heraus einer Expedition anschließt, deren Führer und deren Grundidee, vielleicht zu Recht, er nicht anerkennt. Eines Mannes, der von Natur aus unfähig ist, irgendeinen über sich (oder auch nur neben sich) anzuerkennen. Der für den - zugegebenermaßen nicht gerade von Menschenkenntnis und Wissen um Bergsteigerpsychologie zeugenden - Leitgedanken der früheren Bergexpeditionen, dass Teamarbeit schließlich zu einem 'Gipfelsieg' führen soll, wobei es gar nicht so wichtig ist, wer nun auf dem Gipfel steht, eher Spott als Verständnis hat. Die Geschichte der unausweichlichen Argwöhnerei oder auch nur Eifersüchtelei, der unausgesprochenen Sehnsüchte und Befürchtungen. Aber dazu hätte Messner meiner Einschätzung nach dem Leser (und vielleicht auch sich) eingestehen müssen, dass sein Ziel eben nicht war, unter irgendeiner Führung als Teammitglied den Gipfel zu erreichen, sondern dass er als *erster* die Rupalwand durchsteigen wollte, und wenn möglich - fest planen konnte er das nicht - als einziger, allein wie der glühend verehrte Buhl bei der Erstbesteigung. Und womöglich zugeben müssen, dass in einem allergeheimsten Winkel die Idee, der kaum eingestande Traum sich versteckte, den Nanga Parbat zu überschreiten. Nicht als Plan, aber doch vorhanden.
Fazit: für Kenner der Materie nicht allzu viel Neues (die Geschichte des Abstiegs über die Diamir-Flanke hat man so ausführlich bei Messner noch nicht gelesen!); für alle anderen an Bergen Interessierte eine interessante Lektüre - aber auch lesen, was andere Beteiligte geschrieben haben (wenn noch auftreibbar).