Wie im Märchen und doch ganz anders: Robert (nicht eine Fee) fragt seine Frau Helene (nicht einen Helden), welche drei Wünsche sie ausschlagen würde (nicht: erfüllt sehen möchte). Ihre dritte Antwort ist: „...dass alles anders wird". Wandel in der Beständigkeit und Beständigkeit im Wandel der Beziehung ist das aktuelle Thema des neuen Romans des Autoren-Doppel Andrea-Robert- Paluch-Habeck. Die Doppelperspektive schillert beim Erzählen durch, auch in der Perspektive der weiblichen Ich-Erzählerin.
Wandel in der Beständigkeit: was viele Paare als Luft zum Atmen, zur weiteren eigenen Entfaltung brauchen, was eine junge Generation als ihren Weg sucht.
Beständigkeit im Wandel, die Kräfte mobilisiert, dem Druck zur unbegrenzten Flexibilität in allen Lebensbereichen etwas entgegenzusetzen, damit man nicht nur gelebt wird, sondern ein Jemand, eine Jemandin bleibt.
Der Roman, eine flott geschriebene und zu lesende Erzählung, stellt Leserin und Leser vor die Atem stockende Frage: Ist es möglich, dem im Meer ertrunkenen Ehemann plötzlich leibhaftig wieder zu begegnen?
Wer jetzt denkt, solche Fiktion müsse auf dem Hintergrund der Tsunami Flut Weihnachten 2004 mit über hunderttausend Opfern abgeschmackt wirken, wird im Roman überrascht: Er hat Tiefgang genug, um betroffene oder mitleidende Menschen mit auf die Gedankenreise der Trauer und des Neubeginns zu nehmen, er entfaltet eine philosophische und seelsorgerliche Kraft.
Helene ist mit der Nachricht vom Unfalltod ihres Mannes bei einer geschäftlichen Seereise in ein bodenloses Loch gestürzt: sie ist von ihrem Mann im Stich gelassen, nicht einmal ein Körper im Grab ist ihr geblieben. Das ausgependelte Verhältnis zwischen gewählter Nähe und gewährter Distanz, das alltäglich funktionierende Projekt Gemeinsamkeit ist zerbrochen. Am deutlichsten spürt Helene das gegenüber den drei Kindern, denen sie nun Mutter und Vaterersatz sein soll. Eine zeitlang gelingt das als Ablenkungsstrategie vom Trennungsschmerz. Dann stellt sie sich der Frage, was ihrem Leben Zukunft geben kann. Sie lässt sich von einem Bekannten der Studienzeit zur Opernaufführung ins entfernte Hamburg einladen. Gerade als sie überlegt, ob es zweckmäßig ist, auf das neue Werben ihres früheren Verehrers einzugehen, erhascht sie in der Opernpause einen Blick auf ihren tot geglaubten Robert - in Begleitung einer Frau. Ist das möglich oder wird sie verrückt? Eine Selbstbilanz beginnt: Wenn das Robert ist, ist sie dann eine Betrogene? Sie erschrickt davor, wie weit ihr Fragen zurückgeht, ob ihre Beziehung ohne Doppelbödigkeit war. Ihre eigenen Wunschphantasien nicht ausgenommen, die sie „ihrem" Robert übergestülpt hat.
Und wenn es ein fremder, unglaublicher Doppelgänger ist, betrügt sie dann Robert, wenn sie ihre Gefühle für ihn so assoziativ auf den fremden Ähnlichen übertragen kann? Sie sucht Zeugen und Beweise bis hin zu kriminalistischen Kombinationen über den Tod oder Scheintod ihres Robert. Doch es ergeben sich immer neue Überraschungen für beide Seiten ihrer Bilanz: sie schwebt in flirrender Ungewissheit.
Hier kommt auch die Sprachkraft des Autorenduos zur Entfaltung: sie kriechen ins Gehirn der Ich-Erzählerin, in dem verschiedene Zeit- und Gefühlsebenen sich verschachteln und durch traurige und heitere Assoziationsketten verknüpft werden. Helene bleibt auf der Suche nach der Wahrheit, die nicht objektiv greifbar ist, sondern nur in der Beziehung von Innen- und Außenwelt, von Ich und Du gefunden werden kann.
Gewiss ist, dass sie sich am aufdämmernden Morgen dieser Begegnung von einem leibhaftigen Mann im Auto nach Hause fahren lässt und eine Antwort gefunden haben muss, wenn sie „auf der Treppe das Patschen nackter Kinderfüße" hört...
Das Buch führt aus der Erfahrung des Verlustes heraus zur Frage der Treue - einem andern Menschen und sich selbst gegenüber. Darin stiftet es Mut für Neubeginne, Mut für offene Zukunft.