Als meisterlichen Dichter kennen wir den Robert Gernhardt und lieben ihn -- aber man vergisst allzu gern, dass er auch ein gelernter Zeichner ist. "Der letzte Zeichner" versammelt kürzere und längere Essays von ihm zu den Themen Zeichnen, Malen, Kunstgeschichte. Bisher waren sie z.T. querbeet durchs deutsche Feuilleton verstreut, von der "Titanic" bis zur "FAZ", und einige werden hier auch zum ersten Mal abgedruckt.
Zu den Erstveröffentlichungen gehört auch die gut 80 Seiten starke Titel"geschichte", eine unorthodoxe Einleitung und zugleich ein gewiefter Bericht "zum Stand der Dinge", der mit Verve gleich wider mehrere zeitgenössische Stachel löckt. Hier rechnet Gernhardt mit dem "Sonderkommando Werther" (womit er die Unsitte meint, ein Kunstwerk jenseits der rationalen Analyse anzusiedeln und so von vornherein jede Kritik unmöglich zu machen) ab, und auch mit dessen unseligen Auswirkungen auf Kunstbetrachtung und Kunst selber. Man kennt das ja auch aus der Literaturwissenschaft, in Form eines hirnschmalzbefreiten "Aber mit der seelenlosen Analyse macht man doch das ganze schöne Gedicht kaputt!"...
Wer Gernhardts "Gedanken zum Gedicht" kennt, den wird es nicht überraschen, dass er auch in der Malerei (bzw. in der Zeichenkunst, dem "Mittel, um etwas in Erfahrung zu bringen") Könnerschaft verlangt vom Künstler. Einem Kunstwerk, so Gernhardt, muss man ansehen können, nach welchen Kriterien es beurteilt werden will. Und es muss beurteilbar sein -- ein Kunstwerk ist nicht dann eines, wenn es von möglichst vielen Trendsettern als solches bezeichnet wird. Und: Wer urteilt und das Beckmesserlein an Heiligen Kühen wetzt, darf nicht von selbsternannten Jüngern der Kunst (und quasselfreudigen Kunstkritikern etc.) automatisch als Banause oder Schlimmeres bezeichnet werden. Gernhardt zeichnet (!) hier auf relativ wenigen Seiten eine Geschichte der Kunst, die sich nicht von Worten oder Lobhudeleien beeindrucken lässt, sondern nur von den Bildern selber. Mit über die Maßen interpretationsbedürftiger Gegenwartskunst und vor allem den Prämissen und Auswirkungen des erweiterten Kunstbegriffs geht er hart ins Gericht -- hart und sachkundig. Der ewige Dilettant, der sich nicht abfinden will mit seiner Zweitklassigkeit, ist der natürliche Feind der Kunst -- dies der Rote Faden der Einleitung, und eigentlich des ganzen Buches.
Der Geist des einleitenden Essays weht durchs ganze Buch, insofern empfiehlt es sich, hier ausnahmsweise zuerst den Anfang zu lesen. Abgesehen davon kann Gernhardt nicht nur dichten, sondern auch formulieren. Seine Äußerungen zur bildenden Kunst bewegen sich auf ähnlich hohem Niveau wie Henscheids Opern-Essays.
Hohes sachliches und sprachliches Niveau ist ein weiteres Kennzeichnen all dieser Essays -- egal ob es um einzelne Künstler geht, um neckische Anekdoten über die Renaissancemaler und um hinterhältigen Beuys-Schmäh, oder ob Gernhardt vor geliebten und weniger geliebten Bildern steht. Klasse natürlich sein Karikaturisten-Kapitel "Von Könnern" -- hier sind Einzelporträts versammelt von Halbritter, Poth, Traxler, Sowa und anderen, und der Wettlauf zwischen dem Hasen Hochkunst und dem Igel Karikatur liest sich nicht nur amüsant, sondern eröffnet auch, wieder mal, neue Sichtweisen.
Dazwischen gibt's natürlich auch noch Selbstauskunft, deftige Verrisse verhauter Lexika u.a. -- man kommt also voll auf seine Kosten. Und wer nach der Lektüre einsieht, dass er ein Dilettant ist, dem wird es auch leichter gemacht, sich mit dieser Tatsache heiteren Herzens abzufinden. Macht schließlich den Blick frei für echte Kunst. Und geistreich und lustig ist's obendrein.