Was könnte Martin Suter doch für fantastische Romane schreiben. Es scheint mittlerweile, als habe der Autor sein Pulver als großer Geschichtenerzähler bereits mit seinen beiden ersten Romanen "Small Word" und "Die dunkle Seite des Mondes" verschossen. Zu belanglos, zu beliebig, uninspiriert und in ihrer Entwicklung vorhersehbar waren alle literarischen Werke, die danach kamen - "Der letzte Weynfeldt" leider eingeschlossen.
Was mich allerdings bei Suter hält, ist seine wunderbare Sprache. Die Präzision, in der er Charaktere, Stimmungen, Empfindungen, Orte und Begebenheiten beschreibt, ist selten geworden in der deutschen Gegenwartsliteratur. Es gelingt ihm immer wieder mit schnellen, präzisen und sprachlich wunderbar virtuos geführten Strichen, Wortbilder zu zeichnen, die den Leser so tief und umfassend in seine Geschichten eintauchen lassen, als nähme man als stiller Beobachter unmittelbar an der Handlung teil. Als könne man die von Suter beschriebenen Szenen, Protagonisten, Räume, Speisen, Gerüche, Requisiten und Kulissen mit allen Sinnen erfahren. Martin Suter hat hierfür ein unglaubliches Können entwickelt, aus diesem Grund schätze ich ihn und lese ihn immer wieder gern.
Seine Geschichten werden hingegen zuehmend banaler, gehen immer mehr ins Klischeehafte, erzeugen keine Nachhaltigkeit, bleiben flach und damit letztlich nur unterhaltend. Sollte dies seine Intention sein, also schlicht zu unterhalten, dann gebührt ihm großer Repekt, viel besser kann man es nämlich nicht machen. Ich weigere mich allerdings zu glauben, dass Suter einfach nur ein Autor für Unterhaltungsliteratur sein will. Einer der regelmässig einen neuen Roman produziert und damit schlicht einen Beruf ausübt. Dafür spürt man in seinen Büchern zu viel Leidenschaft am Erzählen und Beschreiben, zu viel Liebe zum Detail und am Sujet. Zugute halten muss man Martin Suter allerdings, dass er immer wieder interessante Themen als Rahmen für seine Geschichten wählt. Er recherchiert hierfür sehr gut, lässt eigene Erfahrungen einfließen, schafft damit Aufmerksamkeit für bestimmte Themen und bietet dem Leser neue Blickwinkel. Hierbei geht Suter auch durchaus kritisch und ironisch mit einem Thema um. Beispielsweise mit dem Literaturbetrieb in "Lila, Lila" oder mit dem internationalen Kunstmarkt in seinem aktuellen Buch. Das gefällt, wirkt authentisch und rettet so manche Geschichte davor, gänzlich in Belanglosigkeit zu verschwinden. Legt man den ausgelesenen Roman dann aber beiseite, bleibt nichts zurück. Man kann sofort wieder zur Tagesordnung übergehen und hat die Geschichte nach kurzer Zeit schon wieder aus seiner Erinnerung verloren. Das war bei seinen frühen Romanen anders.
Und hiermit komme ich wieder zu meinem einleitenden Satz. Was könnte Martin Suter doch für fantastische Romane schreiben. Er hat ein großes Talent, hat diese wunderbare Sachlichkeit, Klarheit, Unaufgeregtheit und Präzison in seiner Sprache. Leider überträgt sich dieses Können nicht auf die Entwicklung seiner Geschichten. Er könnte ein wirklich großer Literat werden, würde er wieder zu der Dichte und Intensität seiner frühen Geschichten zurückkehren. Dies ist das Dilemma mit Martin Suter. Er schreibt zu gut, als dass man seine letzten Bücher als reine Unterhaltungsliteratur abtun könnte. Aus diesem Grund bringt es auch der Literaturkritker Denis Scheck nicht übers Herz, Suters jüngsten Roman "Der letzte Weynfeldt" in seiner Sendung "Druckfrisch" die berühmte Ausschußrampe hinunterzustoßen, sondern auf den Stapel der lesenswerten Bücher zu legen, wenn auch zögerlich und dies rein Suters hervorragendem Erzählstil geschuldet. "Der letzte Weynfeldt" ist ein schönes, lesenswertes Buch. Ästhetisch, präzise, solide und gediegen. Ein Buch wie eine schweizer Uhr. Man kann sich daran erfreuen, aber letztlich erfüllt sie nur einen banalen Zweck.