"The Seventh Veil" (Der siebte Schleier, deutscher Titel "Der letzte Schleier") gehört zu den zehn erfolgreichsten Filmen, die je in britischen Kinos liefen.
Zur Handlung: In der Nacht flüchtet die junge Pianistin Francesca Cunningham (Ann Todd) aus dem Krankenhaus, um Selbstmord zu begehen. Der Psychologe Dr. Larsen (der junge Herbert Lom in einer grauenhaften Maske auf älter getrimmt) rettet sie und unterzieht sie einer Analyse: "The human mind is like Salome at the beginning of the dance - hidden from the outside world by seven veils." Um an ihr psychisches Problem heranzukommen, müsse sie eben auch den siebten Schleier lüften. Francesca erzählt ihr Leben. Nach dem Tod ihrer Eltern kommt sie vierzehnjährig unter die Vormundschaft des Cousins ihres Vaters: Nicholas Cunningham (James Mason) ist unermesslich reich, ein Mann mit vielen Interessen, aber anscheinend unfähig zu wirklicher Zuneigung. Er erkennt Francescas musikalisches Talent und zwingt sie zu endlosen Proben. Außenkontakte Francescas werden perfide von ihm hintertrieben. Die beiden Männer, in die sich Francesca im Laufe der Jahre verliebt, der Musiker Peter und der Maler Maxwell (Hugh McDermott und Albert Lieven) sind sich nicht nur äußerlich ähnlich, es eint sie auch die Unfähigkeit gegen Nicholas bestehen zu können. Warum nur ist Nicholas so grausam? Ein Unfall löst schließlich Francescas Krise aus. Die Lösung ihres Problems ist schließlich genauso abwegig wie nahe liegend.
In ihrer ersten gemeinsamen Szene sehen wir Todd im Hintergrund auf Mason (dem Zuschauer zugewendet, sich kaum umdrehend) zugehen. Schon in diesem Augenblick wehrt er eine körperliche Annäherung ab und fragt sie lediglich, ob sie wisse, was ein Junggeselle sei. Es scheint ihm schwer zu fallen, sie aufzunehmen. Für mich schwang in Masons Frage sehr viel mehr mit, als die Tatsache, dass bisher keine Frau im Haus sei. Schade, dass der Film gar nicht versucht seiner Aversion gegen (oder Angst vor?) Frauen auf den Grund zu gehen. Etwa eine schlechte Beziehung zur eigenen Mutter?
In einer der Schlüsselszenen etwa in der Mitte des Films spielt Francesca Rachmaninoffs 2. Klavierkonzert in c moll. (Im gleichen Jahr inszenierte David Lean, Todds späterer Ehemann,
Begegnung - Brief Encounter, in dem das gleiche Musikstück von tragender Bedeutung ist. Zufall?) Die Kamera ruht dabei auf Nicholas` Gesicht. Rührung und Stolz spiegeln sich und nicht etwa jener profane Stolz auf sein "Produkt". Eine klärende Aussprache scheint möglich, doch Francesca hat eben erfahren, dass sich Peter in der Stadt aufhält und der Moment verstreicht.
"It`s so different when you are kind. When you are like this I would do anything for you." wird sie sehr viel später zu Nicholas sagen, beobachtet von Maxwell durch eine Art Raumteiler. Der siebte Schleier?
Ann Todd (1909-1993) und James Mason (1909-1984) liefern sich ein ausgezeichnetes Psychoduell. Todd ist zwar etwas zu alt für die Rolle, aber durchaus glaubwürdig als schwache, gedemütigte Frau. Lediglich als Vierzehnjährige mit Zöpfchen und Schuluniform wirkt sie doch etwas deplaziert und erinnert an Wilders Farce
Der Major und das Mädchen, da hätte man vielleicht eine andere Darstellerin verpflichten sollen. Mason mimt erneut das erotische Scheusal, das er schon in vielen anderen Filmen seiner britischen Karriere gemimt hatte (besonders populär ist sein
The Man In Grey [UK Import]). Hier sind es aber nicht Gehstöcke oder Reitgerten, die als Waffen eingesetzt werden, sondern Worte. Ohne Todd und Mason hätte der Film gnadenlos schlecht werden können. So zeigt sich ihr Können z.B. in einer Art längeren "Aussprache", bei der Mason auf die Klavier spielende Todd einredet. Alle Gefühle und Gefühlsqualen werden durch klassische Musik (vermutlich nur deshalb ist Francesca auch Pianistin im Film) überhöht.
Realismus ist nicht gerade eine Stärke des Films. Die populärpsychologischen Ansätze würden einen Doktor Freud dazu bringen, sich im Grabe umzudrehen. Und dass der Film (1945 entstanden, anscheinend in der Gegenwart spielend) von einer jahrelangen Konzerttournee durch europäische Hauptstädte berichtet, wundert den Zuschauer, der Europa zu dieser Zeit etwas anders in Erinnerung hatte. Anyway, Eskapismus ist im Kino erlaubt.
Man darf den Film zu recht unausgegoren oder sentimental nennen, das ändert aber nichts an dem großen Gewinn, Todd und Mason in großartigen Darstellungen bewundern zu können. Musik und Kameraführung sind ausgezeichnet. Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. Das Drehbuch wurde für das Filmjahr 1946 mit dem Oscar ausgezeichnet.
Zur Ausstattung: Das Bild und der Originalton gehen dem Alter entsprechend in Ordnung. Als Bonus gibt es die 41-minütige Dokumentation "James Mason returns to his home town Huddersfield" sowie sechs Trailer zu anderen britischen Filmen. Es liegt auch ein achtseitiges Booklet vor. Allerdings gibt es keinerlei Untertitel, nicht einmal englische. Da könnte "The BEST of BRITISH Collection" gerne nachbessern.
Fazit: Nicht Kunst, aber solides Kunsthandwerk, das ausgezeichnet unterhält, ein Fest für Mason-Fans.