Spinnenfängerinnen und spanische Riesen
Zwei realistische Kinderbücher voller Phantasie
Wie Kinderbücher am besten zu den Kindern kommen, hat man anhand des Harry-Potter-Fiebers sehr genau beobachten können: indem sie von Erwachsenen ernst genommen und auch von ihnen gelesen werden. Massenphänomene haben nun aber den Nachteil, dass sie Klischees formen. Im Falle Harry Potters heisst das entsprechende Klischee: Kinderliteratur ist Fantasy. Falsch. Kinderliteratur ist so vielfältig, wie Literatur nur eben sein kann. Wenn sie beispielsweise sehr realistisch ist, kann sie dabei gleichzeitig auch ausgesprochen phantasievoll sein. Das beweisen zwei besonders gelungene Bücher, die sehr unterschiedlich sind und doch sehr viel gemeinsam haben: Sowohl in Burkhard Spinnens «Belgische Riesen» wie auch in Jutta Richters «Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen» geht es um die fragile Freundschaft zwischen einem Knaben und einem Mädchen. Um eine Freundschaft, in der sich das soziale Umfeld mit seinen Erziehungsrealitäten spiegelt. Um Integration und Ausgrenzung. Um das «Normale» und das «Andere». Und auch um die Schnittstellen zwischen Kindheit und Erwachsensein.
Burkhard Spinnen verarbeitet im recht umfangreichen Kinderroman «Belgische Riesen» ganz offensichtlich seine Erfahrungen als junger Vater. Mit viel Witz erzählt er aus der Perspektive eines heutigen Kindes, und mit ein wenig ironischer Distanz gelingt es ihm, die Perspektive der erziehenden Eltern auch gleich noch mit einzubeziehen. Eine sehr offensichtliche doppelte Codierung könnte man das nennen, die grossen Spass macht und listig um Verständnis für die Positionen beidseits des Erziehungsgrabens wirbt. Der zehnjährige Konrad Bantelmann ist ein sehr präziser Analytiker familiärer Prozesse. Denn Konrad Bantelmann weiss genau, dass «der Papa» sich auch nach zehn Jahren noch nicht so ganz ans Papasein gewöhnt hat. Zum Beispiel am Sonntagmorgen. Oder beim abendlichen Abenteuergeschichtenerzählen, wenn Konrads kleiner Bruder den Papa vor Aufregung über die neuesten Entwicklungen in Sachen «Waldschlange Anabasis und das Expeditionsteam um Franzkarl Forscher» heftig in den Bauch tritt. Konrad wohnt mit seiner Familie in einem neuen Haus in einer neuen Siedlung, in der alle Häuser gleich aussehen, auch von innen. Das hat etwas Beruhigendes für Konrad, der seine Umgebung systematisch erforscht.
Und dann passiert's. Konrad hätte sich dem Haus 28 b wohl gar nicht nähern sollen, denn es sieht schon von weitem irgendwie anders aus als alle anderen Häuser. Und als er dann mit der Bewohnerin, einem sehr frechen, sehr dominanten, sehr rothaarigen Mädchen namens Fridz, in Kontakt kommt, ist es um die Ruhe des Konrad Bantelmann geschehen. Denn Fridz hat nicht nur einen «Belgischen Riesen», ein Riesenkaninchen, sondern auch Sorgen: Ihre Eltern haben sich getrennt. Und jetzt kann ihre Mutter das Haus nicht bezahlen, und der Vater kümmert sich mehr um die neue Freundin als um Fridz. Deshalb muss dieser Freundin eins ausgewischt werden. Und zwar mit Hilfe von Konrad. Und das bringt den ehrlichen, vernünftigen Konrad Bantelmann ganz schön in Bedrängnis. Natürlich geht die Sache am Ende gut aus. Die Leichtigkeit von Spinnens Erzählweise lässt daran niemals Zweifel aufkommen.
Die humoristische Seite des Seins ist nicht die Sache von Jutta Richter. Sie ist eine «Schatzsucherin», genau wie die etwa elfjährige Protagonistin in ihrem neuesten Buch «Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen». Kindheit hat darin für die Ich-Erzählerin viel mit den gesammelten Schätzen zu tun, «Knippsteine und Abziehbilder, Schneckenhäuser, Taubenfedern und die kleinen hellblau gesprenkelten Vogeleier». Und mit der bedrohlichen Kellerkatze, die niemand ausser ihr sehen kann. Jutta Richter, die Autorin, sammelt Augenblicke, in welchen sich das Leben poetisch verdichtet. Bildhafte Momente, in denen das Glück wie ein Sonnenstrahl durchs Schlüsselloch schimmert und in denen gleichzeitig auch die Weichen gestellt werden für die Tragödien des Alltags. Jutta Richter erzählt aus einer Zeit, die ihr aus ihrer eigenen Kindheit vertraut ist irgendwann in den sechziger Jahren. Sie erzählt von Freiheiten und Zwängen, von Ängsten und Freuden, von Erfahrungen mit Nähe und Distanz und von sozialem Druck, der stärker sein kann als Freundschaft von Verrat.
Eines Tages ist Rainer da. Er kommt aus desolaten Verhältnissen, ist schmutzig, hat raue Hände mit abgebissenen Fingernägeln, und er popelt in der Nase. Aber im Gegensatz zu Hansi, Michael, Martina und den Erwachsenen kennt er die Kellerkatze und weiss, wie man mit ihr fertig wird. Und er kann Spinnen zähmen. Kurz: Er weiss, wie man die Angst besiegt. Jedenfalls meistens. Und er nimmt die Ich-Erzählerin ernst, obwohl sie ein Mädchen ist. Für ihn gehört sie nicht zu den «doofen Weibern». Alle anderen aber wissen, was Rainer wirklich ist: «Ein Spielverderber. Ein Schlappschwanz. Ein ganz krummer Hund.» Rainer ist ja wirklich auch ein bisschen zum Fürchten. Was aber soll man machen, wenn man plötzlich nicht mehr «dazugehört», nur weil man Rainers Freundin ist? Denn «wozu ist eigentlich ein Freund gut, den man nicht leiden kann?» Jutta Richter fragt, und gibt auch die Antwort darauf. Kurz und keineswegs schmerzlos.
Gerda Wurzenberger
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Pressenotiz zu : Die Zeit, 07.09.2000
Eine einfühlsame, kurze Besprechung von Rolf Michaelis. Geschrieben sei das Buch aus der Perspektive des heranwachsenden Mädchens, das, von seinen Eltern unverstanden, seinen "einzigen Partner..., den Strubbelhund Raudi" verliert und sich einem eher hässlichen, unbeliebten Jungen zuwendet und in ihn verliebt. Der Held "mit den rauen Händen" weiß zwar, wie man Spinnen in Streichholzschachteln steckt, aber dann kriegt er einen Asthma-Anfall, weil er Angst vor Ratten hat. Michaelis sagt am Schluss etwas sehr Wichtiges: dass dieses "sanft überrumpelnde Buch" der 1955 in Westfalen geborenen Kinderbuchautorin auch zeigt, "wie wichtig vermeintlich Fremde für die von den eigenen Leuten, der Familie, zusammengestauchten Menschen sein können."
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