Wenn ein Roman mit dem verheißungsvollen Titel "Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele" lockt, und wenn der Autor Douglas Adams heißt, dann greift man sich ohne langes Zögern das Buch, trägt's zur Kasse, eilt heimwärts und beginnt zu lesen. Die Entscheidung scheint richtig gewesen zu sein, denn als erstes bekommt man einen bemerkenswerten ersten Satz eines Romans zu lesen: "Es kann kaum ein Zufall sein, daß es in keiner Sprache der Welt die Wendung 'schön wie ein Flughafen' gibt." Dieser bemerkenswerten These folgt ihr unwiderlegbarer Beweis... Anders gesagt: Was passiert, wenn ein eigentlich gutwilliger, aber auch jähzorniger altnordischer Donnergott einen Flug buchen will? Unsterbliche haben es nämlich nicht leicht in der modernen Welt, für die sie nicht so recht konstruiert wurden... und wehe dem Paragraphenreiter oder der Schalterangestellten, der sich stur an die Vorschriften hält. Jedenfalls lässt Thor höchstpersönlich auf den Flughafen Heathrow ein formidables Donnerwetter niedergehen, für das es partout keine Erklärung zu geben scheint. Um einen "Akt höherer Gewalt" handle es sich, verlautbart man allgemein, und das wiederum lässt dem chronisch zahlungsunfähigen holistischen Detektiv Dirk Gently keine Ruhe mehr: Wessen höhere Gewalt lässt Abfertigungsschalter in die Luft fliegen?
Dass ihn zunächst ein nicht minder obskurer, nicht minder logikresistenter Auftrag eines mittlerweile Geköpften anderweitig beschäftigt, ist für Gently kein Zufall, denn er folgt einer höheren Logik, die ihn, nach einer Parforce-Jagd durch die Absurditäten der Moderne und deren Auswirkungen auf die Protagonisten der altnordischen Sagenwelt, den Fall schließlich auch klären lassen, mit einem Happy End, wie es sich gehört.
Jetzt hat man zwar als normalsterblicher Leser gewisse Schwierigkeiten, Dirk Gentlys logischen Kapriolen zu folgen, aber dafür wird man durch absurden Humor erster Klasse mehr als entschädigt: Amüsanten Absurditäten der etwas anderen Art begegnet man zuhauf, und bald wundert man sich auch nicht mehr über die Mitteilung, dass die 90 unbenutzten Prozent des menschlichen Gehirns der Aufbewahrung von Pinguinen dienen könnten. Außerdem ist es ja durchaus logisch, dass Unsterbliche gegen eine moderne gutgeschmierte Bürokratie keine Chance haben: Wie will man ohne Geburtsurkunde zu einem Reisepass kommen? -- Übrigens findet sich der Eingang zu den Hallen von Walhall am durchaus abenteuerlichen Ort, und durchquert man ihn mehr oder weniger beabsichtigt, dann sollte man sich an die Douglas-Adams-Lektüre erinnern.
Die Lektüre des "Langen dunklen Fünfuhrtees der Seele" ist obendrein lehrreich, denn man erfährt nicht nur, was zu tun ist, wenn einen spätabends auf einsamer Straße ein leicht derangierter Donnergott anspricht, und dass man Cola-Automaten nicht über den Weg trauen darf, ist auch gut zu wissen... Ganz nebenbei lernt man auch, was darüber entscheidet, ob ein Buch das Zeug zum Bestseller hat: "Nicht: 'Taugt sein Zeug was?' oder 'Taugt sein Zeug was, wenn man alle Adjektive rausgestrichen hat?', sondern: 'Ist sein Familienname hübsch kurz und sein Vorname ein kleines Stückchen länger?'" Weitere Beispiele dieser Art findet man viele, und jedes einzelne Beispiel ist glänzend formuliert und spornt das Vorstellungsvermögen zu Höchstleistungen an. Und das Allerbeste ist: Diese verbalen Slapstick-Einlagen sind nicht auf Teufel-komm-raus in die Handlung hineingepresst, sondern integrieren sich perfekt ins eigentlich höchst logische Chaos.
Außerdem entspricht Douglas Adams' ausgefeilte Sprache unbedingt seinem Ideenreichtum; oft entsteht die Komi.k schon allein durch eine göttliche Sprachbeherrschung. Dass Benjamin Schwarz einen Großteil von Adams' Sprachakrobatik ins Deutsche gerettet hat, spricht für ihn, und deswegen sollte man ihm auch einige wenige kleine Schnitzer nachsehen (wenn, dann hat das eh der Lektor zu verantworten).
Die Handlung des zweiten Romans mit dem holistischen Detektiv Dirk Gently entspricht also nicht unbedingt den gängigen Erwartungen an gängige Detektivromane, aber das war ja nicht anders zu erwarten. Wie immer bei Adams gibt man bald das etwaige Vorhaben auf, den Durchblick zu bewahren, und lässt sich begeistert durch die absurdeste Situationskomik treiben, die man sich vorstellen kann; die vielen Akte Höherer Gewalt haben hohen Unterhaltungswert. Lediglich die Lösung des Falles im vorvorvor- und vorvorletzten Kapitel schwächelt ein wenig und ist der bisherigen Handlung nicht ganz gewachsen, aber was soll's. Bis dahin hat man sich 31 Kapitel lang bestens amüsiert.