Träume in Trümmern
Romane von Antonio Muñoz Molina und Rafael Chirbes
«Im Mai 1974 gehörte ich in Madrid einige Wochen lang einer Verschwörung an, die darauf abzielte, das Francoregime zu stürzen.» Zum Studium war der unbedarfte junge Mann in die spanische Hauptstadt gekommen, Journalist wollte er werden und berühmt. Eines Tages zog man ihn ins Vertrauen, machte ihn zum Mitwisser einer Verschwörung gegen den siechenden Diktator, Ruhm und Karriere schienen greifbar nah doch er versagte, verplapperte sich, und die Verschwörung wurde entdeckt. Zwanzig Jahre später zieht er Bilanz: «Ein einziges Geheimnis besass ich in meinem Leben, aber ich gab es leichtfertig her, wie jemand, der einen Schatz hat und ihn verschleudert, ihn von sich wirft und hinterher mit leeren Händen dasteht.»
Politik und Erotik
Aus dieser Perspektive des Gescheiterten lässt Antonio Muñoz Molina den namenlosen Ich-Erzähler in «Der Putsch, der nie stattfand» zwanzig Jahre später zurückblicken auf die Zeit der zornigen Agonie, als Spanien nach Aufbruch dürstete, aber den Mehltau der Diktatur nicht abzuschütteln vermochte. Wie das Land, so bleibt auch der Erzähler letztlich passiv, lässt sich treiben und ergeht sich allenfalls mit seinem proletarischen Freund Ramón in Revolutionsphantasien. Einsam, mittellos und hungrig durchstreift er Madrid, das ihm alles verspricht und nichts bietet. Einziger Lichtblick sind die Abende mit Ataúlfo, einem Lebemann und Anwalt, für den er auf Abruf als Sekretär arbeitet: Zweifelhafte Zusammenkünfte muss er protokollieren, hinterher darf er sich satt essen und in Ataúlfos Schlepptau durch Bars und Bordelle ziehen.
Die Geschichte dieser drei Figuren, des anarchistischen Anwalts, des maoistischen Proleten und des zögerlichen Erzählers mit liberalen Umsturzträumen, formt Muñoz Molina zu einer Erzählung mit verschmitzt politisch-erotischer Symbolik: Die Republik (die in den politischen Liedern der dreissiger Jahre als frisch eroberte Geliebte gefeiert wurde) ist für den Erzähler ähnlich begehrenswert und ebenso unerreichbar wie eine erste sexuelle Erfahrung. Doch bei den Frauengeschichten seiner beiden Kumpane steht er abseits, und sein politisches wie erotisches Scheitern konzentriert sich in der Erinnerung an eine wunderschöne Frau, der er im Auftrag Ataúlfos kurz vor dem Aufstand eine Nachricht überbrachte: Diese Allegorie der Republik stand, der blaue Seidenkimono geöffnet, nackt vor ihm auf der Schwelle, «und ich dachte, wenn ich sie bäte, mich wieder eintreten zu lassen, werde sie nicht nein sagen, doch dann hatte ich plötzlich mehr Angst als jemals zuvor, und eine Weile später, als ich die Treppe hinunterging, hörte ich die Tür ins Schloss fallen, eine der vielen Türen, die sich einem im Leben verschliessen und nie wieder öffnen.»
Zwei Generationen
Ganz ähnlich das Thema, ganz anders die Perspektive von Rafael Chirbes' Roman «Der lange Marsch». Auch hier geht es um Lebensentwürfe, die an der Franco-Diktatur scheitern. Anders als Muñoz Molina verzichtet Chirbes jedoch auf jede ironische Distanz zwischen sich und seinen Figuren, und er beschränkt sich auch nicht auf drei, sondern entwickelt ein gutes Dutzend Lebensläufe: Sein Buch, ein Entwicklungsroman zweier Generationen, füllt diese alte Form bravourös mit neuer Substanz. Chirbes, geboren 1949, hat seinen ersten Roman erst mit 40 Jahren veröffentlicht und verdient sein Geld als Journalist, vor allem mit Reisereportagen. Sich selbst bezeichnet er nicht als Schriftsteller (das klingt ihm zu hochtrabend), sondern als Handwerker und Erzähler. Darum kann es kein passenderes Urteil geben als dies: «Der lange Marsch» ist sein Meisterstück.
Sieben Familien führt er von den Vierzigern bis in die Siebziger durch die Jahrzehnte der Franco-Diktatur. Am Anfang stehen die Überlebenden, die inmitten der Trümmer des Bürgerkriegs die Träume ihrer Jugend beerdigen und nur daran denken, sich und ihren Nachwuchs halbwegs aufrecht über den nächsten Tag zu bringen. Am Ende ist auch für diese Kinder das Erwachen schmerzlich: Monatelang haben sie demonstriert und diskutiert und auf den Umsturz hingearbeitet, und dann, von einem Augenblick zum andern, werden sie verhaftet und gefoltert. An dieser Stelle, im Jahr 1970, endet das Buch. Den logischen Schlussstein das Ende der Diktatur , der über dreihundert Seiten hinweg die Biographien im Gleichgewicht hielt, braucht Chirbes nicht mehr zu setzen: Man weiss ja, wie lange es noch dauerte bis zum Ende der Diktatur, ahnt, dass der Elan der jungen Rebellen gebrochen wurde wie einst der ihrer Eltern.
Vom Land in die Stadt
Chirbes erzählt mit dem Gestus des Autors à l'ancienne: Seine Figuren führt er ein, als wären sie balzacsche Prototypen. Repräsentativ scheinen gesellschaftliche Schichten und spanische Regionen vertreten: vom galicischen Kleinbauern bis zum Madrider Arzt, vom südspanischen Tagelöhner bis zur grossstädtischen Erbin aus feinem Hause usw. Aber sehr schnell merkt man, dass hier ein mit allen erzählerischen Wassern gewaschener Autor am Werk ist, der seine Mittel mit kunstvoller Sparsamkeit einsetzt. Nur die Schlüsselereignisse der Viten schildert er; kaum merklich, wie mit einem Zoom, wechselt er zwischen Innen- und Aussensicht seiner Figuren, und traumwandlerisch sicher variiert er Länge und Tempi der Kapitel. Punktuelle Phänomene zeichnen den Weg aus dem Elend der unmittelbaren Nachkriegsjahre bis zum ersten kleinen Wohlstand der Fünfziger: die Heirat der Erbin mit dem franquistischen Parvenu, der Aufbruch des Bauern in die Stadt, die erste illegale Abtreibung des vor dem Krieg angesehenen Arztes, der nun aber, weil er ein Roter ist, um jede verzweifelte Kundin froh sein muss.
Alle diese Eltern, ungeachtet der politischen Couleur, sind durch den Bürgerkrieg der Möglichkeit beraubt, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben, also projizieren sie Träume und Sehnsüchte auf ihre Kinder, die im zweiten Teil des Romans in den Mittelpunkt rücken. Flüchtige Andeutungen bereiten vor, dass die Jungen sich nach und nach alle in Madrid begegnen werden, wo die studentische Jugend schon lange vor 1968 in ständigem Clinch mit der Obrigkeit liegt und die zugezogenen Bauern zu politisierten Arbeitern werden. Mit Genuss am sprachlichen Feinschliff folgt man ihren Liebschaften und Zerwürfnissen, begleitet sie bei ihren politischen Projekten und privaten Visionen, denn immer findet Chirbes den passenden Ton: von nüchtern bis hart am Rand des Kitsches, je nachdem, ob gerade kommunistische Thesenpapiere entworfen werden oder eine höhere Tochter glaubt, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben.
Unmerklich gewinnen die Helden Profil und Charakter; aus sich selbst heraus scheinen sie zu handeln, dabei ist es Chirbes, der ihre Leben mit sicherer Hand komponiert. Aber wir Leser hören nur die Musik, sehen nie die Noten, vergessen gar, dass es sie geben könnte. Die Fähigkeit zu solch suggestivem Schreiben findet sich selten in der Literatur unserer Tage, und deshalb darf man Rafael Chirbes als Entdeckung feiern.
Albrecht Buschmann
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Copyright: Aus
Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Der lange Marsch
OT La larga marcha OA 1996 DE 1998Form Roman Epoche Moderne
Der lange Marsch ist ein vielschichtiges Porträt des spanischen Franquismus. An den Schicksalen zweier Generationen zeichnet Rafael Chirbes die Jahre zwischen dem Ende des Bürgerkriegs 1939 und der nach dem Tod des Diktators Francisco Franco Bahamonde 1975 beginnenden Demokratisierung nach.
Inhalt: Der Autor entwirft in Der lange Marsch eine Reihe von Lebenssituationen an Schauplätzen in ganz Spanien. Er erzählt von einer galizischen Bauernfamilie, vom alkoholkranken Schuhputzer, vom Aufsteiger, vom Eisenbahner, der sich von seinem republikanischen Bruder verraten fühlt, vom Tagelöhner und seiner Frau, die das Geld in den Betten fremder Männer verdient, von der Frau, die an der Seite eines Emporkömmlings auf ein Leben in Reichtum hofft und vom verbitterten republikanischen Arzt, der sich mit illegalen Abtreibungen über Wasser hält und die Repressionen der Franquisten befürchtet. Das Spanien der unmittelbaren Nachkriegszeit ist ein Schauplatz des Elends, der Zukunftsängste und des Misstrauens in einer durch den Kriegsausgang in Sieger und Besiegte gespaltenen Gesellschaft. Bescheidener Wohlstand wird sich erst allmählich in den 1950er Jahren entwickeln, einer Zeit des großen Aufbruchs und der tief greifenden Veränderungen. Dennoch und unabhängig von ihrem politischen Credo bleibt die Elterngeneration Zeit ihres Lebens vom Bürgerkrieg geprägt. Dieser hat es ihnen verwehrt, ihre Jugendträume, Visionen und Sehnsüchte zu leben und ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. So ruht ihre ganze Hoffnung auf den Kindern.
Diese Kindergeneration steht im Mittelpunkt des zweiten Teils von Der lange Marsch. Die erwachsenen Söhne und Töchter der Familien begegnen einander in den 1960er Jahren im großen Schmelztiegel Madrid. Ihre Sorgen sind nicht mehr die ihrer Eltern, zwischen beiden Generationen tut sich eine Kluft aus Schweigen und Unverständnis auf. Die Kinder träumen vom politischen Umbruch und von revolutionären Idealen, sie studieren ausländische Philosophen, diskutieren nächtelang über die Zukunft, engagieren sich in der Illegalität und erleben die Härte und Gewaltbereitschaft des franquistischen Regimes am eigenen Leib. Letztlich scheitern sie an der Unmöglichkeit, die lang gehegten Illusionen und die ersehnte Freiheit zu verwirklichen.
Aufbau: Der lange Marsch besteht aus zwei Teilen mit kurzen, absatzlosen, überaus dichten Kapiteln. Meisterhaft gelingt es Chirbes, rund 30 Protagonisten durch die 25 Jahre zu führen, die der Roman beschreibt, und die spanische Geschichte aus ebenso vielen, zuweilen einander strikt entgegengesetzten Blickwinkeln zu durchleuchten. Gerade in der gekonnten Verbindung historischer Realität und dem Entwurf zutiefst persönlicher Schicksale besteht die besondere Stärke des Romans.
Wirkung: Mit Der lange Marsch wurde Chirbes, der sich in seiner spanischen Heimat schon Ende der 1980er Jahre einen Namen gemacht hatte, weltweit bekannt. Der Roman wurde von der Kritik im In- und Ausland einhellig als »Sternstunde der Erzählkunst« gelobt, sein Autor gilt seitdem als ebenso kritischer wie leidenschaftlicher Chronist der jüngeren spanischen Geschichte. A. He.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.