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Produktinformation
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Obwohl in die Form eines Kriminalromans gegossen, in dem Philip Marlowe schließlich einen zweifachen Mörder aufspürt, ist der Roman als Krimi eigentlich nur unzureichend charakterisiert. Das Verbrechen geschieht eher beiläufig und bestimmt nie das Handeln seiner Protagonisten. Der Lange Abschied ist eine Geschichte von Freundschaft und von Liebe, und die Geschichte eines Mannes: Philip Marlowe.
Mit Der Lange Abschied schlägt Chandler einen neuen Weg ein, und sein Held tritt endgültig aus dem Schatten seiner bloßen Privatdetektivexistenz heraus. Wir begegnen einem gereiften Marlowe, der das Holzschnitthafte der frühen Jahre hinter sich gelassen und an Zwischentönen gewonnen hat. Er ist noch immer ein Zyniker, der sein Überleben allein seiner Professionalität zu verdanken hat, aber Chandler deckt Seiten von ihm auf, die uns bislang verborgen geblieben waren. Wenn Marlowe am Ende einsam und desillusioniert zurückbleibt, dann nur, weil er seinem eigenen Verhaltenskodex treu bleiben muß. Denn in dieser "dreckigen, vergaunerten Stadt" muß es einen Mann geben, "der selbst nicht schäbig ist, der eine reine Weste hat und keine Angst". --Stephan Fingerle
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Warum habe ich also das Buch gekauft? Zum einen wohl, weil Chandler in gewisser Weise süchtig macht. Nach "The Big Sleep" (1939), "Farewell My Lovely" (1940) und "The Lady In The Lake" (1943) war ich bereits ein Marlowe-Junkie und auf der Suche nach einem weiteren Roman mit diesem literarischsten aller Privatdetektive, der Schach spielt, klassische Musik schätzt, Flaubert kennt und zum Philosophieren neigt. Da kam mir der Verlagshinweis auf einer der letzten Seiten eines der genannten Romane gerade recht. Zum anderen war ich gespannt darauf, wie gerade Hans Wollschläger, der subtile Karl-May-Biograph, der sich auch schon mit anderen hochkarätigen Übersetzungen hervorgetan hat (in meiner Bücherwand stehen z.B. Edgar Allan Poe, Haffmans-Ausgabe; James Joyce: Ulysses, Suhrkamp-Ausgabe), mit Chandler umgehen würde. Soviel vorneweg: es war ein Genuss, was man weiß Gott nicht von jeder Übersetzung sagen kann.
Über das Buch selbst will ich gar nicht viele Worte verlieren, das will einfach gelesen sein. Nur soviel: Chandlers Sprache ist von einem Realismus durchdrungen, den man bei schlechterer Disposition (saurer Magen, Kopfschmerz, Stress, Kater, chronische Krankheiten) für Zynismus zu halten geneigt sein könnte, der aber nichts anderes ist als das Ergebnis akribischer Beobachtung. Zitat: »Aber Schlaf fand ich nicht. Um drei Uhr früh marschierte ich im Zimmer auf und ab und hörte zu, wie Katchaturian in einer Traktorenfabrik arbeitete. Er nannte das ein Violinkonzert. Ich nannte es einen ausgeleierten Treibriemen an einem Ventilator und ließ es mir gestohlen bleiben.« (Seite 90) Wer dafür zu zart besaitet ist, sollte das Buch freilich nicht zur Hand nehmen.
Was den Inhalt betrifft, geht es um eine verschachtelte Mordgeschichte, die weit in die sorgsam abgeschirmte Vergangenheit einiger Personen hineinreicht, den Leser in ein Labyrinth von Mutmaßungen stößt und hinter jeder Ecke mit einer neuen Wendung aufwartet. Ein Mordverdächtiger begeht Selbstmord. Oder wird er umgebracht? Ist er überhaupt ein Mörder? Wenn aber nicht er, wer dann? Ein Schriftsteller mit Burn-out-Syndrom, der im Suff zu Gewalt neigt, an die er sich danach nicht mehr erinnert, könnte etwas mit dem Mord zu tun haben, er glaubt es sogar selbst. Dann erschießt er sich im Vollrausch. Oder wird auch er von jemand anderem getötet? Und was hat es zu bedeuten, dass so viele verschiedene Leute mit äußerst unterschiedlichen Motiven Marlowe auffordern, seine Nase nicht in diese Angelegenheiten zu stecken?
Eigentlich ist der Roman eine moralische Abhandlung: Was ist Wahrheit? Kann man sich mit genügend Geld auf dem Konto seine Version der Wahrheit kaufen? Kann die Suche nach Wahrheit überhaupt von persönlichen Interessen getrennt werden? Mehr als einmal bekommt Marlowe dafür, dass er auch nur solche Fragen erwägt, etwas aufs Maul. Die Typen, die das besorgen, sind als Staffage reichlich vorhanden: brutale Polizisten, halbseidene Gangster, durchgeknallte Psychopathen. Aber auf eine gewisse Weise, unabhängig davon, dass es solche Leute auch wirklich geben könnte, sind sie nur Metaphern für den einen oder anderen Grund, weshalb die Suche nach der Wahrheit niemanden interessiert.
Und schließlich ist der Roman die Geschichte einer unerfüllten, verloren gegangenen Liebe, oder wenigstens der Abgesang darauf: »Es war die große Liebe zwischen uns – die wilde, geheimnisvolle, unwahrscheinliche Liebe, die nie kommt als nur ein einziges Mal.« (Seite 188) An einer solchen Stelle entlarvt sich Chandler als Romantiker jenseits jedes Zynismus. Aber andererseits kann er auch wieder nicht anders als sich zu dieser Haltung zu distanzieren: »Ich bin ein Romantiker, Bernie. Ich höre nachts manchmal Schreie, und dann gehe ich nachsehn, was los ist. Dabei verdient man keinen Penny. […] Es ist einfach nichts drin, keine Prozente, kein gar nichts.« (Seite 283)
Im übrigen: 5 Sterne, was sonst?
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