Der deutsche Buchtitel „Der kurze Schlaf" (ehemals „Knarre mit Begleitmusik", Heyne Verlag, 1998) ist eine gekonnte Hommage an Raymond Chandlers „The big sleep". Der erste Roman des 1964 geborenen Autors Jonathan Lethem „Gun, With Occasional Music" steht in der großen Tradition von Raymond Chandlers ‚Hard-boiled'-Detektivgeschichten. Daneben will Lethems' Roman auch eine Verbeugung vor den Filmen der „Schwarzen Serie" und damit eine Huldigung des „Film Noir" sein. Das Buch wurde mit dem Locus Poll Award ausgezeichnet.
Der in Deutschland erst mit seinem späteren Roman „Die Festung der Einsamkeit" (2004) bekannt gewordene Autor belebte mit seinem Romandebüt eine schon fast vergessene literarische Tradition: den Kriminalroman der Depressionszeit. Wie schon die einsamen Helden eines Raymond Chandlers oder Dashiell Hammett spiegelt auch Jonathan Lethems knorriger Conrad Metcalf die Schattenseiten der amerikanischen Gesellschaft. Dabei hat Lethem die Romanhandlung auf futuristisch-surreale Schauplätze in eine pessimistische Welt der Zukunft verlegt.
Im Kalifornien der Zukunft können evolutionstechnisch manipulierte Tiere und Babyköpfe sprechen und handeln wie Menschen. Nachrichten beschränken sich auf Musik. Legale Drogen wie Forgettol und Akzeptol ermöglichen ein sorgenfreies Leben. Im Los Angeles des Jahres 2200 ist nur noch Privatinquisitoren (vor 250 Jahre bezeichnete man diesen Job noch mit „Privatdetektiv") erlaubt, was ansonsten als ungehörig gilt: sie dürfen Fragen stellen. Auch Conrad Metcalf hat eine Lizenz zum Schnüffeln. Er wühlt gerne im Dreck und übernimmt in schöner Regelmäßigkeit schmierige Aufträge. Als aber sein letzter Auftraggeber, ein angesehener Urologe, ermordet wird, wird es eng für Metcalf. Seine pingeligen Nachforschungen sind unerwünscht. Er stellt die falschen Fragen. Sein „Karmakonto" droht auf Null zu sinken. Ein rauflustiges Känguruh im feinen Dinnerjacket verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Als Metcalf versucht, einen offensichtlich Unschuldigen vor dem „Froster" (Kälteschlaf als Strafe für Personen, deren „Karmapunkte" erloschen sind) zu bewahren, gerät er in das Visier der korrupten Staatsmacht. Er gibt nicht auf. Am Ende siegt das Gute.
Jonathan Lethem liefert in seinem ersten Roman ein überhitztes Genre-Crossover. Leider kann die Handlung den Leser nicht bei Laune halten. Der Roman hält nicht, was der an Chandler angelehnte Buchtitel verspricht. Und was noch ärgerlicher ist: die Lektüre bietet keinerlei Spannung. Der Versuch des Autors, das Detektiv- und Science-Fichtion-Genre ineinander zu verweben, ist misslungen. „Der kurze Schlaf" ist ein Pseudo-Chandler-Krimi im SF-Gewand. Und damit ist er vor allem eins: absolut entbehrlich.