Martin Dornes zeichnet in diesem Buch ein ungemein vielfältiges, vielfach ungewohntes und faszinierendes Bild des "kompetenten Säuglings". Obwohl er offensichtlich bevorzugte Referenzautoren hat (Daniel Stern, John Bowlby, Berry Brazelton, Caroll Izard) diskutiert und referiert er eine Unzahl von Untersuchungen, Theorien und Studien. Alleine das Literaturverzeichnis umfasst 45 Seiten (!) und enthält neben den großen Klassikern zu diesem Thema auch Artikel aus bekannteren und unbekannteren deutschen, englischen und amerikanischen Zeitschriften. Trotzdem erschlägt diese Materialfülle nicht die Lebendigkeit der Darstellung. Allein wegen dieser kompakten und kompetenten Darstellung der neueren Forschung zur Entwicklungspsychologie des Kleinkindes wäre das Buch schon lesenswert.
Doch Dornes' eigentliches Thema ist die Kritik bestimmter Denkschulen innerhalb der Psychoanalyse. Und in dieser Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Metapsychologie erweist er sich als ebenso sattelfest und kompetent wie in der Aufarbeitung der entwicklungspsychologischen Literatur. Das scheint nur auf den ersten Blick eine theorielastige Diskussion zu sein. Dornes zeigt immer wieder, dass Metapsychologie, Nosologie, Ätiologie und Behandlungstechnik aufeinander zirkelartig verweisen. Die Metapsychologie ist eben nicht nur die "Philosophie" der Psychoanalyse, sondern wirkt über Paradigmenbildung auf die Praxis zurück.
Dasselbe gilt im Prinzip für seine Ausführungen zum Denken des Kleinkindes, insbesondere für seine Diskussion der zentralen (psychoanalytischen) Begriffe "Primärprozess" und "Sekundärprozess". Er hält an dieser Unterscheidung fest, auch wenn er die klassische triebdynamische Begründung Freunds verwirft. Nicht einverstanden bin ich allerdings damit, dass er das primärprozesshafte Denken tendenziell in die Nähe eines irgendwie defizitären Denkens bringt. So wenn er darauf hinweist, dass Verdichtung und Verschiebung - die beiden zentralen Mechanismen des Primärprozesses - Folgen eines noch unzureichend ausgebildeten relationen- und klassenlogischen Denkens sind. Oder dass sie ihr neurobiologisches Äquivalent in der Desorganisation der Funktionen der Hirnrinde während des REM Schlafes finden. Demgegenüber haben Autoren wie Claude Levi-Strauss oder Jacques Lacan gezeigt, dass es sich hier um ein "anderes" Denken handelt, um ein "wildes" (Levi-Strauss) oder ein "unbewusstes" (Lacan), das nicht einfach "chaotisch" oder "desorganisiert" ist, sondern anderen Strukturgesetzen gehorcht. Gerade wenn es um die "Entzifferung" des Unbewussten z.B. im paranoiden Wahn geht, macht es einen großen Unterschied, welchem Paradigma man hier folgt.
Dornes hat sich nicht nur theoretisch-metapsychologischen, sondern auch praktisch gesellschaftlichen Fragestellungen genähert. An der Bindungstheorie beispielsweise zeigt sich sehr nachdrücklich, dass psychologische Theorien immer auch in ethisch-moralische oder gesellschaftspolitische Diskurse eingebettet sind und umgekehrt von diesen Diskursen instrumentalisiert werden. Um eine bestimmte Vorstellung vom "richtigen Leben" argumentativ zu stützen, werden Forschungsergebnisse selektiv rezipiert oder interpretiert. Eine solche selektive Interpretation der Bindungstheorie könnte zum Beispiel zum Schluss führen, dass eine Berufstätigkeit der Mütter einem sicheren Bindungsverhalten der Kinder abträglich ist. Dornes geht auf solche Interpretationen ein und weist vorschelle Schlüsse zurück. So referiert er die widersprüchlichen Forschungsergebnisse zur Auswirkung einer Berufstätigkeit der Mütter im ersten Jahr und weist darauf hin, dass die Berufstätigkeit alleine nicht der die Bindungsqualität determinierende Faktor sein kann. (219ff)
Die Bindungstheorie wird sicher eines der spannendsten und kontroversiellsten Themen der Entwicklungspsychologie und der Psychotherapie bleiben. Im Gegensatz zu den von Dornes zitierten Studien kann man z.B im Buch von Ursula Nuber über Studien lesen, die genau das Gegenteil beweisen sollen. nämlich dass aus der unsicheren Bindung keine Langzeitfolgen abgeleitet werden können. 200 Kinder wurden in dieser Studie über einen Zeitraum von 12 Jahren beobachtet und "unsicher gebundene" zeigten keinerlei Unterschiede zu "sicher gebundenen" hinsichtlich Persönlichkeitsstörungen, psychischer Auffälligkeiten oder schulischer Leistungen. Nuber geht sogar noch einen Schritt weiter und stellt grundsätzlich in Frage, dass "sicher gebunden" automatisch "besser" sei. So merkt sie an, dass "sicher gebundene" Kinder vielleicht nicht genug Selbstverantwortung entwickeln, um den Anforderungen der Gesellschaft gewachsen zu sein. (vgl. Ursula Nuber, "Der Mythos vom frühen Trauma", Frankfurt 2000, 60f) Was auch immer diese Diskussion noch bringen wird: Es war für mich sehr wohltuend, dass Dornes im Gegensatz zu manch anderem Autor dieses Thema sehr undogmatisch und offen behandelt hat.
Insgesamt halte ich den "kompetenten Säugling" für ein hervorragendes Buch, das - immer auf der Höhe der Zeit - viele Kontroversen der Vergangenheit zusammenfasst, referiert und präsentiert und auf dieser soliden Grundlage so manche neue Diskussion eröffnet.