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Der kleine Trommler: Drei chinesische Geschichten [Taschenbuch]

Dai Sijie , Eike Findeisen
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
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Kurzbeschreibung

20. Januar 2014
Zum ersten Mal seit dem Welterfolg von »Balzac und die kleine chinesische Schneiderin« erzählt Dai Sijie gespenstisch gute Geschichten aus dem heutigen China. Seine Helden: ein Junge, der zum Zirkus will, die Tochter des Stauseewächters und der Sohn der Schmiedin – drei wahrhaft tragikomische Leben, geschildert mit bezaubernder Leichtigkeit.

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Produktinformation

  • Taschenbuch: 160 Seiten
  • Verlag: Piper Taschenbuch (20. Januar 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3492304001
  • ISBN-13: 978-3492304009
  • Originaltitel: Trois vies chinoises
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12 x 1,6 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 762.852 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Dai Sijie, geboren 1954 in der Provinz Fujian in China, wurde von 1971 bis 1974 im Zuge der kulturellen Umerziehung in ein Bergdorf geschickt. Nach Maos Tod studierte er Kunstgeschichte und emigrierte 1984 nach Paris. »Balzac und die kleine chinesische Schneiderin«, sein erster Roman, wurde ein großer internationaler Erfolg und in einer französisch-chinesischen Produktion erfolgreich verfilmt. Zuletzt erschien von ihm auf deutsch »Der kleine Trommler«.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Ho Chi Minh   Eines Abends im September 2002 geriet das Auftauchen eines Fremden bei den zwei Bewohnern des alten Containers zu einem Ereignis, auf das die beiden in keiner Weise gefasst gewesen waren. Selbst der älteste Container auf der Insel der Edlen – vielleicht sogar der älteste ganz Chinas –, der sich die Gelegenheit nie entgehen ließ, wenn es darum ging, sich in einen Marktplatz zu verwandeln, in einen Ort also, wo Käufer und Verkäufer um die vielfältigsten Waren feilschen … Nudelmarkt, Möhrenmarkt, Kohlmarkt, Tomatenmarkt, Gurkenmarkt, Fleischmarkt, Polizeihundemarkt, Ausweiskartenmarkt, Pferdemarkt, Haarmarkt, Fernsehermarkt, Computerschwarzmarkt …, selbst dieser altehrwürdige Container, der schon so viele hinterlistige Verkaufsverhandlungen erlebt hatte, bei denen nicht selten beträchtliche Summen auf dem Spiel standen, war nicht auf diesen abendlichen Besucher vorbereitet, dank dem er einen Rekordpreis erreichte, der alle seine bisherigen Erfolge in den Schatten stellen sollte. Der Mann erschien gegen neunzehn Uhr, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Der Neffe der Stummen sah ihn als Erster. Er versuchte gerade, mittels eines von ihm selbst gebastelten Windrads genug Strom zu produzieren, um damit eine Glühbirne zu speisen. Er unterbrach seine Arbeit, lehnte sich ans Windrad und beobachtete den Fremden, der, mit einem Köfferchen in der Hand, über die Steinbrücke kam. Es war kühl. Der Wind trieb die Blätter vor sich her. Der Min-Fluss riffelte sich golden. Dunkle Schatten krochen über den Weg. Der Unbekannte, er mochte um die fünfzig sein, trug über seinem Fettwanst eine abgewetzte offene Wildlederjacke, und sein Doppelkinn wabbelte, als er keuchend und hustend den Damm hinaufschritt. Der glatt rasierte Schädel hob sein schlaffes Gesicht und seinen kräftigen Kiefer noch hervor. Natürlich hatte man ihm gesagt, was er zu sehen bekäme. Aber auf diesen Anblick war er doch nicht vorbereitet gewesen. »Du bist nicht zufällig …?«, vor Schreck verschlug es ihm die Sprache. »Ja, das bin ich«, antwortete der Neffe, weil er glaubte, der Mann frage nach seiner Verwandtschaft mit der Stummen. »Ich bin der Direktor der Gefängniskantine. Ich kenne deine Tante gut.« Er wandte den Blick ab, und um seine Verlegenheit zu verbergen, brach er in dröhnendes Lachen aus, und die auf dem Dach sitzenden Sperlinge flatterten erschrocken davon. Die Stumme kannte ihn tatsächlich. Er gehörte zu denjenigen, die weder Freund noch Feind waren und mit denen sie Geschäftsbeziehungen pflegte. Ein Tofukunde also, aber ein guter Kunde, der einer Kantine für täglich fünfhundert Personen vorstand. Die Stumme wiederum hatte die verschiedensten Positionen inne: Sie war die Chefin; sie war die Buchhalterin; sie war die Einkäuferin der Sojabohnen und der anderen für die Produktion erforderlichen Zutaten, und sie war die Arbeiterin. Ihr Tofu war weitum berühmt, denn sie fügte fein gehacktes, pfannengerührtes Gemüse hinzu, was ihm ein ganz besonderes Aroma verlieh. Und das Häutchen darum herum war so zart, dass es auf der Zunge zerging. Und schließlich war sie auch noch die Händlerin: Um nichts in der Welt hätte sie einem anderen das Vergnügen überlassen, ihren Tofu zu verkaufen oder die Münzen für jede verkaufte Portion zu zählen. Dennoch: die Konkurrenz schlief nicht. Und war gnadenlos. Eine Stumme konnte es nur schwer mit Rivalinnen aufnehmen, die die Kunden mit flötender Stimme anlockten. Ihre Waffe war eine Trommel. An jeder Straßenkreuzung im Zentrum der Insel, vor jeder Mietskaserne, vor jedem Amtsgebäude, das über eine Kantine verfügte, stoppte sie ihre mit Tofu beladene Rikscha und schlug die Trommel, mit der sie anhand von Rhythmus- und Lautstärkewechsel ihre verschiedenen Erzeugnisse anpries. Ihr Tofu war auf der Insel so beliebt, dass jedermann mittels der Trommelschläge gleich verstand, was für eine Tagesspezialität sie anbot: roter Tofu mit Fisch und Tomate, grüner Spinattofu, gelber Tofu; orangerötlicher oder schwarzer Tofu … je nach dem beigemischten Gemüse. Es ging sogar das Gerücht, dass einer der größten Fans ihres Tofu – der Expräsident der Bezirksregierung und Exparteisekretär der Insel, der seit Kurzem einsaß – in seiner Zelle ebenfalls die Trommel schlug, um seinem Busenfreund, dem Direktor der Gefängniskantine, mitzuteilen, was er an dem Tag gern essen wolle. Die Stumme war darüber zwar etwas erstaunt, aber keineswegs geschmeichelt. Im Gegenteil. Und an besagtem Abend wirkte sie eher beunruhigt, sowohl über das Überraschende dieses Besuchs als auch darüber, wie diskret der Kantinendirektor gekommen war – ohne jegliche Begleitung und auch nicht in seinem funkelnagelneuen Audi 4, den alle Welt kannte, sondern keuchend und schwitzend zu Fuß, gekleidet wie ein einfacher Arbeiter und mit einem Handelsreisendenköfferchen in der Hand. Sie empfing ihn misstrauisch. Und ihr Neffe dolmetschte ihre misstrauischen Gesten. Der Neffe übersetzte: »Sie fragt, warum Eure Stimme anders klingt, und ob euer Zahnfleisch schmerzt.« Der Direktor antwortet: »Mein Zahnfleisch geht sie einen feuchten Dreck an.« Der Neffe: »Sie meint, Eure Lippen seien schmaler als sonst. Sie sagt, Ihr würdet sie beim Sprechen kaum bewegen.« Der Direktor: »Machen wir es kurz: Mein Besuch gilt weder ihr noch ihrem Tofu, sondern dir.« Seine müden Augen unter den schlaffen Lidern fixierten den Jungen. Der Direktor: »Man hat es mir zwar gesagt, aber ich hab’s völlig vergessen. Wie heißt du?« Der Neffe: »Wie ich heiße? Keine Ahnung … Sie müssen in der Schule fragen … die Lehrerin … ist schon eine Weile her …« Das Gestotter nervte den Direktor, und er verzog ungeduldig das Gesicht. Vielleicht stotterte der Junge ja nur, um ihn zu ärgern. Der Direktor: »Verstehe! Hat dich, außer in der Schule, nie jemand bei deinem Namen gerufen? Mit der Schule ist es für dich doch schon lange aus, oder?« Der Neffe: »Ja, weil sie Angst haben.« Der Direktor: »Ich weiß. Sie wollen dich nicht mehr in der Schule, weil sich die Eltern der anderen Schüler über deine Anwesenheit beschwert haben.« Der Neffe: »Ja, so ungefähr … ist nicht weiter schlimm. Ich mag die Schule eh nicht.« Der Direktor: »Und wie wär’s, wenn ich dir einen Namen gebe? Von jetzt an heißt du Ho Chi Minh. Was meinst du?« (Er brach wieder in Gelächter aus, in endloses dröhnendes Gelächter. Er kugelte sich, hielt sich den Bauch vor Lachen, musste sich an der neben dem Container geparkten Fahrradrikscha festhalten. Und je verunsicherter der Junge von diesem Gelächter war, je weniger konnte der Direktor aufhören zu lachen und gluckste vor Lachen und musste sich die Lachtränen abwischen.) Der Direktor: »Sag mal, mein lieber Ho Chi Minh, hat dich deine Tante gelehrt, die Trommel zu schlagen?« Der Junge (ohne zu stammeln): »Das musste sie mir nicht beibringen.« Der Direktor: »Du hast es von selbst gelernt? Einfach so?« Der Neffe: »Ich musste es doch gar nicht lernen. Ich kann’s einfach.« Der Direktor: »Also los, zeig mir, was du kannst.« Das runzelige Gesicht verwandelte sich mit einem Mal, die schlaffen Lider öffneten sich über leuchtenden Augen. Der Junge ging die Trommel holen, und der Direktor nutzte den Moment, um vor den Augen der Stummen sein Köfferchen aufzuklappen: Es war bis oben mit Hundert-Yuan-Scheinen gefüllt, die im Licht der vom Windrad angetriebenen Lampe sanft glänzten. Er gab ihr durch rudimentäre Gesten zu verstehen, dass sie ihr gehörten … wenn sie damit einverstanden sei, dass er ihren Neffen mitnehme. Sie willigte nicht gleich ein. Wollte zuerst wissen, ob er ihn nicht etwa in einem Zirkus auftreten lassen wollte …? Doch er konnte ihre Gesten nicht deuten und beschränkte sich darauf, mit den Schultern zu zucken. Also streckte die Alte Zeigefinger und Mittelfinger in die Luft. Diese Geste hingegen verstand er. »Miststück!«, brüllte er. »Du wagst es, das Doppelte zu verlangen, bevor du überhaupt nachgezählt hast, wie viel es ist?« Er knallte wütend das Köfferchen zu, stand auf und ging. Die...

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4.4 von 5 Sternen
4.4 von 5 Sternen
Die hilfreichsten Kundenrezensionen
Von FolkZeQuè TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch|Von Amazon bestätigter Kauf
Mit Dai Sijies »Balzac und die kleine chinesische Schneiderin« hatte ich damals den Einstieg in die chinesische Literatur gefunden - es hatte mich irgendwie total erwischt, sodass ich seitdem viel in dem Bereich unterwegs bin. Die beiden nachfolgenden Romane des Autors konnten mich dagegen nicht richtig begeistern. Ich weiß nicht, ob es an der Art der Übersetzung lag oder woran auch immer, jedenfalls gefiel mir der Stil nicht mehr.

Mit »Der kleine Trommler« liegt nun ein schmaler Erzählband vor, der drei knappe Kurzgeschichten aus dem heutigen China umfasst. Und diesmal ist der Zauber wieder da! Zwar neigt der Autor zu Anhäufungen an Gedankenstrichen oder drei Punkten en masse, selbst mehrfach innerhalb eines Satzes ... aber dennoch liest sich der Text sehr flüssig und bildreich. Inhaltlich geht es ebenso düster wie warmherzig und tragikomisch zu. Da ist ein kleiner kranker Junge, der verkauft wird, um - eingeschlossen in einer Lagerhalle - seine Rolle zu spielen; da sind die Tochter eines Stauseewächters und der Sohn einer Schmiedin, jeder hat seine eigene Geschichte; und diese schildert Dai Sijie sehr eindringlich, aber - trotz des teilweise düsteren Inhalts - nicht schwermütig.
War diese Rezension für Sie hilfreich?
5.0 von 5 Sternen Dai Sijie 24. Juni 2013
Von pryja44
Format:Gebundene Ausgabe|Von Amazon bestätigter Kauf
Ein wunderbares Buch, wie nicht anders von D.S. zu erwarten. Sensibel und tiefsinnig geschrieben. Hoffentlich müssen wir nicht zu lange auf ein weiteres warten.
War diese Rezension für Sie hilfreich?
3.0 von 5 Sternen Nichts für Balzac-Freunde 18. Februar 2013
Format:Gebundene Ausgabe|Von Amazon bestätigter Kauf
Habe das Buch meiner Mutter geschenkt, die Balzac und die chinesische Schneiderin mochte. Da zumindest teilweise die Schilderung von Grausamkeiten, die Herrn Dais Romanfiguren widerfahren, sehr aufreibend sind, hat meiner Mutter dieses Buch nicht besonders gefallen.
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5.0 von 5 Sternen Unheimlich , Verstörend 10. Februar 2013
Format:Kindle Edition|Von Amazon bestätigter Kauf
brilliant geschrieben- hervorragend übersetzt.

die drei erzähungen analysieren messerscharf alle menschlichen schwächen und zeigen schonungslos das leben in armut und fremdbestimmung auf. die geschichten sind aber so skurril und bunt das es eine grosse freude ist sie zu lesen.
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4.0 von 5 Sternen Einfühlsame Erzählungen - Schwaches Lektorat 2. Februar 2013
Von Lila10
Format:Gebundene Ausgabe
Das Buch besteht aus den drei Geschichten "Ho Chi Minh", "Der Bogart vom Wasserreservoir" und "Der Gepanzerte, der Berge durchquert". Sie alle spielen auf der Insel der Edlen und handeln vom Leben der Inselbewohner, die dort vom Zerlegen von Elektroschrott leben oder in einem der Inselgefängnisse arbeiten.

Keine der Geschichten endet gut, aber darum geht es Dai Sijie ja auch selten. Mich habe die drei Erzählungen über Würde, fatalen Irrtum und Familienbanden tief berührt und deshalb empfehle ich diesen Band unbedingt weiter. Allerdings ist "Der kleine Trommler" kein Buch fürs schnelle Lesen zwischendurch. Denn nach jeder der Geschichten nimmt einem die Tragik der Erzählung ein wenig den Atem...

Einziger Mangel:
Übersetzung und Lektorat haben nicht sehr sorgfältig gearbeitet. Abtrennungfehler, fehlende Endungen und eine Schwäche bei Partizip-Konstruktionen haben das Lesevergnügen eindeutig gehemmt! :( Besonders geärgert hat mich, dass die Übersetzerin keine "je-desto"-Konstruktionen bilden kann/will... Deshalb nur 4 von 5 Sternen.
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