(Nicht gesehene) Filme mit «Stiefmäquien», der «Kaubeu» John Wayne, «Pif» (die französische «Yps»-Vorlage) der «Planet der Mädchen» und «Der Planet der Frau»: Das ist die Welt des titelgebenden Primarschülers in «Der kleine Christian» von Blutch. Wie beim beinahe zeitgleich auf Deutsch erschienenen «Blotch» (siehe Besprechung oben), dürfte der Name des Protagonisten, der im deutschland-nahen Elsass der 1970er-Jahre eine «normale» Kindheit mit all ihren Höhen und Tiefen verlebt, auch hier nicht ganz zufällig gewählt worden sein. Im Gegensatz zum «König von Paris» kommt hier der Strich Blutchs beinahe dilettantisch und ausgesprochen heterogen daher. Dies rührt einerseits daher, dass Christians vorpubertäre Abenteuer in zwei Teilen herausgekommen sind: Während «Grundschule» (2006) durchgehend schwarzweiss realisiert wurde, ist «Mittlere Reife» (2008) rot und grau koloriert und vom Stil her noch karikaturistischer gehalten. Andererseits liegt die fehlende Einheitlichkeit im häufigen Einbinden von mit einem Augenzwinkern (respektive im tolerierten Rahmen des Copyrights) nachzuahmen versuchten Figuren anderer Zeichner begründet.
Den Plot betreffend, mag man mit Blick etwa auf Serien und Bände wie «Titeuf», «Calvin und Hobbes», «Stups und Stepke», «Der kleine Spirou» oder «Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen» (Besprechung siehe unten) zu Recht einwenden, dass die Idee, das Thema Kindheit mit humoristischem Einschlag (fiktional, halbautobiografisch oder wie auch immer) in einem Comic zu verarbeiten, nicht gerade von Originalität zeugt. Diese Bedenken lösen sich jedoch in Luft auf, sobald man das Buch aufschlägt: Die Grafik ist mit ihrer Skizzenhaftigkeit - die gewiss nicht jedermanns Sache sein dürfte - innovativ, Inhalt und Darstellung kommen progressiv daher. Mehr als je ein anderer Comicautor zuvor zeichnet Blutch das Bild eines ABC-Schützen, der immens von der ihn umgebenden Popkultur geprägt ist und diese in seine Fantasie einbindet. Diesbezüglich ist vor allem die Umsetzung formidabel: So wird der kleine Christian je nach Situation etwa zu Lucky Luke, Dr. Justice oder einer sonstigen damals gerade angesagten Figur. Es ist kaum möglich, sich des Charmes der jeweils wenige Seiten zählenden Episoden zu entziehen, gerade auch, zumal sich der (männliche) Leser in vielen Situation wiederfinden dürfte: Von der Lektüre verbotener Comics über das Verschandeln von «Donald Duck»-Geschichten mit Fäkal- und Sexualvokabular sowie dem Anbringen stümperhaft gezeichneter primärer Geschlechtsmerkmale bis hin zu einschlägigen Schul- und Elternhausszenen und natürlich zur ersten Liebe mit all ihren Ahnungen und Wirrnissen - und schliesslich auch zum Abschied von der Kindheit (von Blutch mit einem winkenden Playmobil-Männchen in Szene gesetzt: «Leb wohl! Wir hatten dich gern»). Grandios auch die Szene, in der Christian von Marlon Brando über die Geheimnisse des Eros und das Leben allgemein aufgeklärt wird. Ein Feuerwerk an Einfällen, immer geistreich und nie platt, voll überdrehtem Witz und dabei doch wahrhaftig - bleibt zu hoffen, dass es auch noch einen dritten Teil geben wird, in der die Pubertät so richtig durchbricht... (Comic-Check)