"Alle Leute sind doch gleich. Wozu sollte man also... über den jungen Stalin schreiben?"
- Josef Stalin
Befasst man sich mit den bedeutendsten Gestalten der Weltgeschichte wird man zuallererst immer einen Blick auf die großen Errungenschaften, Verbrechen und Glanzzeiten einer Karriere. Doch viel interessanter als sich mit den Taten am Höhepunkt der Macht zu beschäftigen, ist es vom Werdegang eines solchen Menschen zu erfahren, zu einem Zeitpunkt wo dieser noch weit von der späteren Außergewöhnlichkeit entfernt war. Und man entdeckt vielleicht nicht wenige menschliche Schwächen mit denen man sich selbst identifizieren kann, man erkennt den Menschen dahinter, der durch Glück und Talent schließlich seinen Weg in die Geschichtsbücher gefunden hat.
Am 6. Dezember 1878 geboren, war Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili (Spitzname Sosso) ein kränkliches Baby und schwebte in Gefahr wie seine 2 Brüder vor ihm bereits nach wenigen Monaten einen plötzlichen Tod zu sterben, doch er überlebte. Nichts deutete darauf hin, dass der Sohn eines Schuhmachers eines Tages den Namen Stalin annehmen und das Schicksal Europas mitbestimmen würde. Stalins Weg zur Macht von 1878 bis 1917 hat Simon Sebag Montefiore (Stalin: Am Hof des Roten Zaren) in seiner mittlerweile zweiten Stalin-Biografie nachgezeichnet. Sie endet dort, wo "Stalin: Am Hof des Roten Zaren" beginnt und das heisst direkt in den Wirren der sowjetischen Machtergreifung und Stalins Aufstieg im Zentralkomitee.
Es gibt viele Bücher über Adolf Hitlers Leben, Lebensstationen und -abschnitte, doch gerade seinem Erzfeind, dessen Stalinsche Säuberungen je nach Zählung zwischen 9 und 20 Millionen Opfer gefordert haben blieb die zweifelhafte Ehre einer Biografie über seine Jugendjahre bisher verwehrt. Zum Teil liegt das darin, dass die sowjetischen Archive noch bis vor kurzem für die Forschung unzugänglich waren, galt es doch seit dem Fall des Eisernen Vorgangs die umfassenden Bestände erst einmal genau zu sichten und aufzuarbeiten. Simon Sebag Montefiore ging jedoch einen bedeutenden Schritt weiter und suchte auch Archive in Georgien, der Heimat Stalins auf, wo er etwa die unveröffentlichten Memoiren seiner Mutter zu Tage förderte.
Eindrucksvoll und prosaisch schildert der Autor wie Stalin immer wieder mit Glück im Unglück schwere Krankheiten, Verletzungen, Schlägereien und Prügel zu Hause überlebte, um auf Wunsch seiner Mutter eine höhere Bildung anzustreben und eines Tages Priester wenn nicht gar Bischof zu werden. Schon in seiner Kindheit finden sich entscheidende Momente, die Stalins Leben prägen sollten, wie einer seiner Freunde später schrieb "Diese unverdienten und schrecklichen Prügel machten den Jungen genauso hart und gefühllos wie seinen Vater." Und dabei war es nicht allein Stalins Vater der ihn schlug, sondern auch seine Mutter, die ihn eigentlich abgöttisch liebte. Doch Stalins verlief anders als geplant, der begnadete Chorsänger und intelligente Junge wurde auch charismatischer Straßenkämpfer und entdeckte eine Liebe zu Büchern, wobei er selbst als Dichter überraschende Erfolge feiern konnte und immer wieder Förderer fand. Ganz anders als das landläufige Bild, war er kein georgischer Bauernflegel, sondern ein Intelligenzler dessen Manieren häufig zu wünschen übrig ließen und der sich nicht scheute auch Kriminelle in seinen inneren Zirkel aufzunehmen.
Autor Montefiore gelingt es Stalin als Menschen darzustellen, der in außergewöhnlichen Zeiten zwischen Affären, Anschlägen und Verschwörungen, als junger Revolutionär seine Bestimmung fand. Gefahrloser als in "Am Hof des Roten Zaren" kann man sich in "Der junge Stalin" dieser vielschichtigen Persönlichkeit widmen, einem Diktator der Millionen ermorden lassen sollte, hinter dessen rauer Fassade sich allerdings ein lebenslang lernwilliger Denker verbarg, der viele Leiden hatte ertragen müssen und von Pockennarben gezeichnet blieb. Bemerkenswert umfassend sind die Anmerkungen, welche immer wieder einen historischen Ausblick erlauben, welches Schicksal bestimmten Zeitgenossen widerfahren wird. Fern der eindrucksvollen Nacherzählung von Stalins frühem Leben fehlt es Simon Sebag Montefiores Werk allerdings etwas an Intensität, also Dramatik und Spannung, was Stalins Leben durchaus hergegeben hätte.
Fazit:
Wer sich näher mit der Person Josef Stalin beschäftigen möchte, wird um dieses Werk kaum herum kommen.