Wer sich schon immer trittsicher auf gesellschaftlichem Parkett bewegte, kann getrost auf diesen Ratgeber verzichten, denn er kann sich garnicht ausmalen, wie schnell ein weniger versierter Zeitgenosse in so mancher Situation auszurutschen vermag. So wendet Loriot sich in seinem Vorwort auch dediziert an "Herrschaften mit schlechtem oder unzureichend entwickeltem Geschmack, sei es auf kulinarischem oder ästhetischem Gebiet", und wie gewohnt wappnet sorgfältiges Beherzigen seiner Ratschläge gegen Peinlichkeiten aller Art.
Bei "Der gute Geschmack" handelt es sich freilich nicht um die Erstausgabe eines Loriot-Werkes, sondern um eine hilfreiche Auswahl aus seinem gesamten Schaffen, prädestiniert zum Beheben gesellschaftlichen Notstandes. An alles wird gedacht, an auserlesene und zugleich originelle Kochrezepte für ratlose Gastgeber, beispielsweise bei drohendem Besuch des Chefs: "Nilpferd in Burgunder" eignet sich auch für Anfänger und gelingt immer, hat man das Nilpferd erst einmal gewaschen und ca. 2000 Liter Burgunder angekarrt; der delikate "Walfisch Tiroler Art" freilich erfordert wegen unerlässlichen vorangehenden ein- bis zweijährigen Wässerns des gut abgehangenen Walfischs längerfristige Planung. In eher rustikalem Ambiente immer gern genommen werden Bauernomelette, die der Experimentierfreude phantasievoller Hausfrauen freien Raum lassen. Aber wenn das Gericht endlich auf der Festtafel steht, lauern dem unbedarften Zeitgenossen immer noch Tücken auf, denen er ohne Loriots Rat hilflos ausgeliefert wäre. Schließlich echauffieren nicht nur "unordentliche Spaghetti [...] das Schönheitsempfinden kultivierter Esser", sondern auch sprotzfreudige Würste und sehniges Fleisch erfordern den ganzen Kavalier.
Doch nicht nur kulinarischer Genuss will gelernt sein. Das weiß Loriot und gibt unschätzbaren Rat bei der Auswahl geschmackvoller Alltags- und Abendgarderobe im Militär- und Zivilleben und empfiehlt die humorvolle Behebung kleinerer Unannehmlichkeiten beim Erstbezug des Neubaus. Ist das neue Heim bezogen, so wird auch seine Gestaltung nunmehr zum Kinderspiel, und dank dezentem "je ne sais quoi" kann niemand mehr die persönliche Note vermeiden.
Nicht minder helfen dem Polizeibeamten detailliert illustrierte Anweisungen, wie eine moderne Hausdurchsuchung diskret zu bewerkstelligen ist, bei der Ausübung seiner dienstlichen Pflicht. Eine längst überfällige Lücke wird hier geschlossen, steht dem Schutzmann doch dank Loriots "Kriminalistik für Jedermann" seinerseits auch der mündige Bürger hilfreich zur Seite.
Nicht unerwähnt bleiben sollten schließlich die wertvollen Tipps zum Umgang mit Robotern und über die souveräne Handhabung von Raketen.
Man wird es schon geahnt haben: Erst dieser sachbezogen illustrierte kleine Ratgeber macht den instinktgesteuerten Menschen zum zivilisierten Homo sapiens. Hilflosigkeit anlässlich unangenehmer Ereignisse gehört nun auch für ästhetisch extrem Unbedarfte der Vergangenheit an.
Nein, diese Wegweisungen mag ich nimmer missen, und wer neugierigen Nachbarn ein Schnippchen schlagen will, die bei Abwesenheit des Empfängers stellvertretend die Post entgegennehmen, der wird erleichtert sein zu lesen, dass diese unentbehrliche Handreichung, wie der Verfasser garantiert, "auf Wunsch [...] unauffällig verpackt und per Nachnahme frei Haus versandt" wird.