Hinweise auf Bücher
Grammatik des Alltagslebens
ujw. Hans Paul Bahrdt (19181994) war ein Soziologe von heute selten gewordener Statur: auf konkrete Phänomene und Probleme (der Industrie-, Stadt- und Wissenssoziologie) konzentriert und doch kein professionell deformierter Bindestrichsoziologe; auf grundbegriffliche Reflexion und Gesellschaftsanalyse bedacht und doch kein Abstraktionskünstler. Ein aus dem Nachlass herausgegebenes unvollendetes Manuskript über «Grundformen sozialer Situationen» und ein Band mit überwiegend unveröffentlichten Essays geben Gelegenheit, die Bekanntschaft eines bedeutenden Forschers und Lehrers zu machen, der «das Banale» des Sozialen, also «90 Prozent dessen, was im Leben der Menschen der Fall ist», aus dem soziologischen Schattendasein zu befreien geholfen hat. Warum Bahrdts Publikationen auch ausserhalb der Fachwelt Beachtung fanden, wird bei der Lektüre der anzuzeigenden Bücher sogleich evident: Er schreibt verständlich, ohne zu verflachen.
Das stille Volk
E. F. «Die Elfen haben einen luftigen, fast durchsichtigen Körper, der so zart ist, dass ein Tautropfen, wenn sie darauf springen, zwar zittert, aber nicht auseinanderrinnt»: So stellt Wilhelm Grimm in der Einleitung zu seiner 1826 erschienen Übersetzung das «stille Volk» vor, von dem die «Irischen Elfenmärchen» berichten. Sie sind nach der Art der Sagen stärker an Orte und Personen gebunden und in ihrer Erzählweise realistischer als die Kinder- und Hausmärchen. Die Elfen selber allerdings lassen sich nicht festlegen. Zu einem Männchen mit Ochsenkopf kann einmal eine werden, zu einem Affen mit Entenfüssen, zu einem weissen Kälbchen mit «Augen so sanft wie die meiner Liebsten»: Zwielichtig bringen die seltsamen Wesen zum Ausdruck, was die sie imaginierenden Menschen im Umgang mit Tod und Leben bewegt. Irland als der Schauplatz der Märchen wird nicht nur erzählend, sondern auch in Farbphotographien von Rainer Martini konkret vor Augen geführt. Es mögen sich seine Bilder zu jenen, die sich beim Lesen einstellen, ähnliche verhalten wie die Länder, die man trockenen Fusses begeht, zu dem unter Wasser liegenden «Land der Jugend», von dem die Märchen erzählen: «Himmel, Luft, Tageslicht und alles andere waren da geradeso wie bei uns . . .». Und doch ein wenig anders; verzaubert abgehoben von dem Irland, das man touristisch bereist.
Momentaufnahmen, tiefschwarz
kmg. Katharina Riese ist mit einem schmerzend guten Gehör begabt: in der Alltagsphrase weiss sie das Desaster zu vernehmen, das wohlanständig heranreift, bis es sich zu einer ordentlichen Katastrophe ausgewachsen hat. Die kurzen erzählenden Texte der in Wien lebenden Autorin protokollieren allesamt eine Verrohung, wie sie zwischen Büro und Schlafzimmer kommunikative Regel geworden ist. Dabei lässt Riese ihre Satiren mit einiger Freude an der schlimmstmöglichen Wendung gerne ins Bizarre kippen. Wenn Lieschen und Otto Müller heute ins Grüne fahren, um sich auf einer Blumenwiese inniglich näherzukommen, hebt das zunächst wie eine romantische Liebesgeschichte an; doch dann bäumt der Zeitgeist sich auf, und Lieschen und Otto packen ihre sadomasochistischen Accessoires aus dem Picknickkorb, dass es vor Ketten, Zangen, Schlössern, Klammern nur so scheppert in der freien Natur und das irritierte Getier aufgeschreckt Reissaus nimmt. Später, wenn die Fesseln abgenommen sind und das Blut gestillt ist, werden Lieschen und Otto, zwei harmlose verliebte Leutchen von nebenan, wieder einträchtig heimwärts ziehen. Alles wird morgen sein wie heute, das ist die wahre Katastrophe des Alltags, von der Katharina Riese pointensicher und mit allergischer Reizbarkeit gegen eine allezeit bereite Gewalttätigkeit erzählt.
Germaine im Exil; kritisch
upj. Mit dem Richtmass normaler Bürgertugend lässt sich Germaine de Staël nicht messen. Auch als Schriftstellerin ist sie nicht einfach auf einen Nenner zu bringen; die Romane Delphine und Corinne stehen neben geschichts- und kulturphilosophischen Werken; de l'Allemagne und Considérations sur la Révolution. Und ausgerechnet Napoleon Bonaparte musste der grosse Antipode ihres Lebens werden: Wie er noch ein aufsteigender Stern am spätrevolutionären Himmel war, bewunderte und unterstützte sie ihn, Jahre später sind sie die erbittertste Feinde; Madame de Staël muss Paris, ihren Salon, ihre Freunde verlassen. Russland, Stockholm, schliesslich Genf sind ihre Stationen. 1811 entschliesst sie sich, die Erinnerungen an die «Jahre im Exil» niederzuschreiben. Wie sie 1817 stirbt, ist das Manuskript ein Fragment. Dennoch zirkuliert es bald in etlichen, unterschiedlichen Versionen. Nun darf man endlich die erste, kritische Ausgabe anzeigen: Simone Balayé und Mariella Vianello Bonifacio haben das Original mit allen Textvarianten wiederhergestellt und ausführlich kommentiert.
Ob Ethik moralisch sei?
lx. Die Gegenwartsphilosophie zeichne sich dadurch aus, dass von «grossen Theorien» niemand mehr sprechen wolle. Der Boom der praktischen (Moral-)Philoso phie habe den Versuch, kritisch auf Totalität zu reflektieren, gleichsam klanglos verabschiedet. Während noch vor zehn, zwanzig Jahren das intellektuelle Leben ohne den Frankfurter Grossmeister undenkbar gewesen sei, so erscheine heute Adornos Philosophie, welche von der wie auch immer skeptischen Hoffnung motiviert war, «dass die vollendete Negativität, einmal ganz ins Auge gefasst, zur Spiegelschrift ihres Gegenteils zusammenschiesst» (Adorno), merkwürdig antiquiert. Ulrich Kohlmann will demnach Adorno «entstauben»; dessen Ethik-Skeptizismus als kritisches Argument in den gegenwärtigen Ethik-Boom einbringen. Es gelte, Adornos negative Moralphilosophie zu rekonstruieren. Wiewohl Adorno keine explizite, als «Werk» greifbare Moralphilosophie hinterlassen habe, seien deren Umrisse klar: Negative Moralphilosophie frage danach, ob Moral als System möglich, ob Ethik selbst moralisch sei.
Böse Menschen, gute Affen
rox. Der Untertitel von Frans de Waals Abhandlung über die Moralfähigkeit des Tieres «Der Ursprung von Recht und Unrecht bei Menschen und anderen Tieren» lässt die Frage gar nicht erst aufkommen, was denn der Autor von der sakrosankten Schranke zwischen tierischen und menschlichen Entitäten hält: nicht gerade viel. Auch sind seit den Forschungen von Konrad Lorenz und den Beobachtungen der «Affenmutter» Jane Goodall berechtigte Zweifel daran aufgekommen, ob moralisches Verhalten Mitgefühl, Gerechtigkeitssinn, Barmherzigkeit einzig als Kennzeichen der menschlichen Wesensart gilt. Frans Waal geht hier noch einen Schritt weiter. Seine evolutionsbiologische Arbeit beruht auf reicher Beobachtung. Die These: Es ist die Evolution, welche die Voraussetzungen für «Moral» geschaffen hat; eine Neigung, soziale Normen zu schaffen und durchzusetzen, die Befähigung zu Empathie und Sympathie finden sich nicht erst und ausschliesslich beim Menschen.
Proletarische Buchgemeinschaft
szg. 1926 wird die «Universum-Bücherei für alle» in Berlin gegründet, 1939 verliert sich ihre Spur in Zürich. Heinz Lorenz bemüht sich um die lückenlose Geschichte dieser proletarischen Buchgemeinschaft, findet eine grosse Zahl von Quellen, die er zurückhaltend kommentiert und mit knappen Informationen verbindet. Er legt die Bibliographie aller Bücher vor, die von der Buchgemeinschaft vertrieben wurden, und zitiert zeitgenössische Rezensionen. Dazu schreibt er im Rahmen des Möglichen die Biographien aller Autoren der Buchgemeinschaft einige sind spurlos in der Stalinschen Schreckensherrschaft verschwunden. Die «Universum-Bücherei» stand der KPD sehr nahe, obwohl ihre prominenten Förderer unter ihnen Albert Einstein, Sergei Eisenstein, George Grosz und Egon Erwin Kisch nicht alle der Partei angehörten. Lorenz zeigt, wie schwer es war, bei drückendster Wirtschaftskrise und dauernden Schwierigkeiten mit der Parteilinie (stets drohte der Vorwurf «trotzkistischer Abweichungen») eine konsequente und zeitweise erfolgreiche Kulturpolitik im Dienste der mittellosen Bevölkerung durchzuhalten. Er zeigt auch, wie die Verantwortlichen der Buchgemeinschaft die Gefahr, die von Hitler und den Nationalsozialisten ausging, nicht erkannten. Im Exil hatte die Buchgemeinschaft trotz einigen Erfolgen auf die Dauer keine Chance.
Gebaute Paradiese
ckl. Für den amerikanischen Architekten Robert A. M. Stern steht immer der «Vorschlag für einen bestimmten Lebensstil» am Beginn der Überlegung, welche Form das zu bauende Wohnhaus haben soll. Kein Wunder, wenn sein Schüler und Landsmann Peter Pennoyer bilanzierend sagt: «Ein Wohnhaus zu entwerfen ist die Vollendung in der Arbeit eines Architekten. Man muss die Wünsche des Bauherrn berücksichtigen, die Lage und die Geschichte der umgebenden Häuser. Alles, was mit Architektur zu tun hat, wird im Einfamilienhaus verlangt, jeder Raum kann zu einem Erlebnis werden.» Welche Vielfalt ein heutiges Wohnhaus oder eine Etagenwohnung in sich vereinen kann, wenn eine einfühlsame Gestaltung an allen Ecken und Kanten aufräumt, das hat die Redaktionsleiterin der Architekturzeitschrift «House Beautiful», Susan Zevon, versucht, in einem Band zusammenzufassen, indem sie 25 amerikanische Architekten zu Hause besuchte, um zu sehen, wie und wo sie wohnen. Angefangen bei Robert Venturi und Denise Scott Brown über Michael Graves und Charles Gwathmey bis hin zu Peter Pennoyer sind deren Wohnräume zu sehen, die man getrost als gebaute Paradiese bezeichnen kann und die eine wohltemperierte Unversehrtheit aufweisen, nach der sich viele Menschen sehnen.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
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Seit dem bahnbrechenden Werk Das sogenannte Böse von Konrad Lorenz und den sensationellen Berichten von Jane Goodall und Diane Fossey über ihr Leben mit Schimpansen und Berggorillas wissen wir: Unsere Evolutions-Vettern sind Geschöpfe mit hochkomplexem Verhalten, bei dem Aggressivität, aber auch Zuneigung, Gemeinschaftsgefühl und liebevolle Empfindungen eine zentrale Rolle spielen. Zwar rühmen wir Menschen uns, Moralität als wesentliches Charakteristikum für dieses Menschsein entwickelt zu haben, doch die Evolutionsbiologen belegen, dass wir uns evolutionär nur graduell von anderen Primaten unterscheiden. Kein Bereich kann hiervon ausgenommen, nicht einmal unsere Moral, auf die wir so stolz sind. Frans de Waal hat diese aufregenden und irritierenden Erkenntnisse weiterverfolgt und in entscheidenden Punkten vorangetrieben. Er zeigt, dass es die Evolution ist, die die Voraussetzungen für Moral geschaffen hat: eine Neigung, soziale Normen zu entwickeln und durchzusetzen, die Befähigung zu Sympathie, zu Konfliktlösungsstrategien und zu gegenseitiger Hilfe.
»Seine Befunde sind gut recherchiert, die Faktenbasis ist breit, und was er schreibt, hat den Charme der Verständlichkeit und Überzeugungskraft.»Josef H. Reichholf, Berliner Zeitung
»Wer sich fragt, ob wir denn nun nackte Affen oder gefallene Engel sind, hat gute Chancen, hier eine Antwort zu finden - jedenfalls aber Denkanstöße.« Die Presse (Wien)
Frans de Waal, geboren 1948 in Den Bosch, Holland, lehrt Ethologie an der Emory Universität, Atlanta, ist Forschungsleiter am renommierten Yerkes Primatenforschungs-Zentrum und der bedeutendste Primatenforscher unserer Tage. Im Jahr 1991 erschien sein aufsehenerregendes Buch Wilde Diplomaten. Versöhnung und Entspannungspolitik bei Affen und Menschen.