Man muss kein Mittelalter-Fan sein, um dieses Buch zu mögen. Denn es gelingt dem Autoren von Beginn an gar vortrefflich, den Leser in eine Welt zu entführen, die uns aus heutiger Sicht ebenso fremd wie faszinierend erscheinen muss: ins spätmittelalterliche Düsseldorf.
Auf mehreren ineinander verwobenen Ebenen, deren zeitliche und örtliche Zusammenhänge sich Schritt für Schritt erschließen und damit die Spannung permanent steigern, begleiten wir den jungen Gilbert durch ein facettenreiches Drama aus Korruption, Politik, Kirchenmacht und Aberglauben. Historisch treffend, wenn auch in der Handlung verdichtet (aber welcher Krimi ist das nicht), lernen wir aus den Handlungen und Eigenschaften der Hauptperson sehr viel über scheinbar immanente Grundkonstanten wie Courage, Freiheitsdrang und schließlich (und immer wieder gerne) über die Macht der Liebe und den damit begründbaren Ausbruch aus einem vorgezeichneten Lebensweg in eine selbstbestimmte Existenz.
Das alles geschieht in einer Phase, in der man den Vorabend der Moderne schon erahnen konnte und die Zeichen einer neuen Zeit (Der große Tanz), wenn auch noch zaghaft, für einen aufmerksamen Beobachter jedoch schon deutlich hervortraten. Die außerordentlich gut beschriebene Doppelzüngigkeit des Klerus findet einen sympathischen Widersacher in der Hauptperson des jungen Novizen, der sich beispielhaft von den asketisch-christlichen Lebensnormen seiner Zeit befreiet, um sein persönliches Glück zu finden, das sich schlussendlich in einem Liebesakt auf dem Rhein erfüllt.
Im Übrigen durchzieht eine wohl exakt recherchierte und glaubwürdige Schilderung des Alltags das Werk, das in seiner bilderreichen Sprache die Drastik der Ereignisse teilweise dramatisch überhöht und damit schon fast sinnlich erfahrbar macht.
Allein das Sexuelle hätte noch etwas explizitere Beschreibungen verdient, war es doch zu Beginn des Spätmittelalters zum Bruch zwischen der rigiden Moral der Kirche und der unbekümmerten Fleischeslust einer jungen Generation gekommen, die Lust nicht mehr als Sünde empfand, der es zu widerstehen galt, sondern als Teil des Menschen, den es zu entdecken und auszuleben lohnt. Vier Pluspunkte für dieses Buch, das mehr als ein Krimi ist.