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Der große Roman über Barcelona
 
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Der große Roman über Barcelona [Gebundene Ausgabe]

Sergi Pamies
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 127 Seiten
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (August 1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3627000714
  • ISBN-13: 978-3627000714
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 13,4 x 1,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Sergi Pàmies
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Der Spott der Katalanen

Quim Monzó und Sergi Pàmies

kultivieren den Angriff aufs Tabu

Am schönsten ist es immer am Anfang. Aufbruchstimmung in allen Zeilen, jeder Satz ein Sprung in unbekannte Welten. Die Augen dringen vor in unerkundetes Terrain, getrieben von Neugier auf Fremdes. Der literarische Zauber hält nicht lange. Kaum ist die erste Seite gewendet, werden die Verheissungen schal. Zeile um Zeile verliert der Text an Glanz. Nach wenigen Kapiteln ist alles verspielt. Die Handlungsfäden: geknüpft, der weitere Fortgang: absehbar. Was folgt, ist Langeweile. Der kluge Leser, heisst es in einer Geschichte von «Guadalajara» , dem neuen Erzählband des katalanischen Schriftstellers Quim Monzó, liest darum Romane nie zu Ende. Er weiss, die Lust am Spekulativen beschränkt sich auf den Auftakt.

«Die Bücher» nennt sich die Geschichte, und sie steht ausgerechnet am Schluss des Bandes. Wer hier angekommen ist, versteht, woran er bisher war. Quim Monzó ist Anwalt des Fragmentarischen, des sorgsam Un-Vollendeten. Denn kurze Geschichten sind unterhaltsamer als lange. Und halbe Wahrheiten glänzender als ganze. Die Dichter wissen das seit langem. Darum brechen sie ihre Texte vorzeitig ab, aber so, dass niemand es merkt. Niemand ausser Quim Monzó. So stellt er Fragen: Was geschah wirklich mit den Männern im Trojanischen Pferd? Wie verkraftete Walter Tell den Bogenschuss, mit dem sein Vater Wilhelm den Apfel auf seinem Kopf zerspaltete? Der Katalane führt die Geschichten fort zu ihrem überraschenden, peinlich-amüsanten Ende.

Auch die von Robin Hood, dem Beschützer der Armen. Sie rührt die Menschen bloss deshalb so an, weil sie nur ihre erste Hälfte kennen. Monzó erzählt die zweite: Von dem Mann mit dem Bogen zahllose Male ausgeraubt, finden sich die Reichen bald in bitterster Not. Robins Schützlinge dagegen beginnen zu prassen, was das Zeug hält. So lang, bis der grosse Umverteiler die Welt ein weiteres Mal in Ordnung bringt, ansetzt zur Reform der Reform. Sicher keine spektakuläre Fortschreibung. Aber eine entspannte Stilübung am Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts.

Quim Monzó hat zu grossen Teilen ein Buch über Literatur geschrieben. In ihm präsentiert er sich als rebellischer Leser und Gegner gängiger Lesarten. Ist Kafkas «Verwandlung» wirklich die zu Recht gerühmte treffsichere Darstellung der zeitgenössischen Conditio humana? Oder nicht eher ein larmoyantes Rührstück, einseitig und denkfaul fixiert auf die Opferperspektive? Aufschluss bringt die Gegenprobe. «Gregor» – so der hübsche Titel von Monzós Geschichte – folgt Kafkas Text über weite Strecken fast Wort für Wort – nur unter umgekehrten Vorzeichen: Gregor ist von Geburt ein Käfer und wird über Nacht zum Menschen. Seine Anpassungsfähigkeit ist beachtlich: nicht einmal einen Tag braucht er, um drei der ehemaligen Artgenossen unter der Schuhsohle lustvoll zu zerquetschen.

Das Opfer als Mörder. Ist Monzó ein Moralist? Vielleicht. Vor allem will er unterhalten, genauso wie sein Landsmann und Kollege Sergi Pàmies. Auch der liebt den provokanten Blick. «Der grosse Roman über Barcelona» porträtiert das Stadtleben. Aber nicht per Roman, sondern in mehreren Kurzgeschichten, deren letzte dem Buch seinen Titel gegeben hat; sie ist zugleich seine poetischste, die einzige, die für kurze Augenblicke Respekt einigen ihrer Figuren gegenüber erkennen lässt: den Opfern des Spanischen Bürgerkriegs. Elegische Momente, voller Kontrast zu dem rasanten Klamauk der übrigen Stücke. Da sind «Romeo und Julia», der Welt prominentestes Liebespaar. Gleich bei der ersten Begegnung hüpfen sie ins Bett; aber im Nu schmilzt die Ekstase zu Langeweile. Das alles geschieht im Zeitraffer: Was sonst Jahre, Monate, zumindest Wochen dauert, trimmt Pàmies auf einen einzigen Akt zusammen. Sein Thema: die Angst des Städters vor Gewohnheit. Wie verjagt sie der durchschnittliche Hetero? Durch homosexuelle Erfahrungen, abwechslungshalber. Manchen Leser dürften die krassen Szenen schrecken. Aber die Lakonie des Tons ist grandios.

Quim Monzó und Sergi Pàmies zeichnen skurrile Bilder aus den Lebens- und Lesewelten der Moderne. Die sind zwar illusionslos, aber niemals richtig traurig. Denn vor die Verzweiflung haben beide Schriftsteller die Ironie gesetzt.

Kersten Knipp

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1999
Paul Ingendaay kann sich an den Bosheiten, den kurzen Sätzen, den kalten Parodien konventioneller Handlungsmuster, die Pamies hier liefert, nicht genug ergötzen, auch wenn es ihn manchmal stört, dass der katalanische Autor "seinen Witz unwiderstehlich findet". Wer hier Lokalkolorit aus Barcelona erwartet, der sei von Ingendaay gewarnt. Der Autor scheint eher an abstrakten "Versuchsanordnungen" interessiert zu sein, die genau so gut anderswo aufgebaut werden könnten. Ingendaay exemplifiziert das anhand der Erzählung "Romeo und Julia", in der Pamies eine typische Party-Situation schildert und eine romantische Verliebtheit auf den ersten Blick auf "grauenerregende Weise" entzaubere. Der Übersetzerin Elisabeth Brilfen bescheinigt der Rezensent ein "hervorragendes Deutsch". Außerdem weist er darauf hin, dass bereits zwei weitere Bücher dieses Autors in deutsch vorliegen.

© Perlentaucher Medien GmbH

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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Die Kraft des Absurden 10. Januar 2010
Format:Taschenbuch
Wer das 1997 im Original erschienene Buch in der Hand hält, erkannt unschwer das ironische Spiel mit der Titelerwartung. Denn "Der große Roman über Barcelona" ist weder groß noch ein Roman, und der Schauplatz Barcelona ohne Lokalkolorit kaum erkennbar, eher eine Metropole, die wir in der globalisierten Gegenwart überall antreffen können, wie auch die Handlungsmuster dieser Erzählungen mit ihren namenlosen Zeitgenossen.

Ein witziges und doch gnadenlos ernüchterndes Portrait unserer Tage entsteht so, ein offenes Portrait zudem, das sich mit seinen zahllosen Fragmenten immer neu fortschreibt. Und vorgestellt wird das alles mit der Virtuosität eines Meisters der grotesken Komik, gleichsam eines Buster Keaton der Literatur mit Tiefgang.

Eine Anekdote nur zum Beleg. Sie ist der längsten der 15 Erzählungen des Bandes entnommen und ihr Titel "Der große Roman über Barcelona"hat auch der ganzen Sammlung den Namen gegeben. Auf den ersten Blick könnte sich die Geschichte, die sie skizziert, an vielen Orten der Welt zugetragen haben. Doch lesen Sie selbst!

"Die junge Frau lernte ihren Mann in der Nähe eines Kastells kennen, das auf der Spitze eines Berges steht, und zwar genau an der Stelle, wo er später erschossen wurde."
Mit einer einfachen Vorausdeutung umschließt dieser Eröffnungssatz Anfang und Ende des Lebensglücks unserer namenlosen Heldin, nicht jedoch das Ende ihres Leidens.
"Nachdem Jahre danach ein langer Prozess bürokratischer Erniedrigung überstanden war, wurde ihr ein Grab (die echten Gebeine lagen im Massengrab) in einer Ecke des Friedhofs zuerkannt, nur wenige Meter vom Tatort entfernt."
Nach der widerrechtlichen Erschießung folgt also der zermürbende, lebenslange Kampf um Rehabilitierung des Ermordeten, ein Kampf, der bis heute ohne befriedigendes Ergebnis bleiben sollte.
"Die junge Frau, die inzwischen eine Greisin mit zwei Sparbüchern und Krampfadern ist, steigt ab und zu hinauf, um sozusagen die Landschaft zu betrachten. Die drei Schornsteine im Vordergrund. Dahinter nur Nebel. Alterskurzsichtigkeit stellte der Arzt fest."
So einfach kann das Unerklärliche sein: kreatürlicher Verfall als Erklärung ihrer Leiden. Doch so viel weiße Salbe gegen Verbrechen und kollektives Versagen reizt sie denn doch zum Widerspruch, diskret unterstützt von der Erzählerstimme.
"Nicht nur das Alter, ich habe genug, widersprach sie. Genug davon, die Haustür mit der von nebenan zu verwechseln, die Fünfpesetenstücke mit den Fünfundzwanzigern. Genug davon, sich die Fotografie dicht vor die Nase halten zu müssen, um den Mann zu erkennen, der sie vor langer Zeit ganz in der Nähe des Ortes verführte, an dem jetzt der Sportpalast steht, der von einem Japaner gestaltet wurde."
Diese ohnmächtige Geste des Protestes, die der Erzähler über den Moment hinaus verlängert, beschließt unsere Anekdote.

Eine Lebensgeschichte im Zeitraffer und im Kern - Gott sei's geklagt - eine Allerweltsgeschichte. Und doch auch unverwechselbar angesiedelt im Barcelona der zurückliegenden sieben Jahrzehnte. Ein Zeitraum also erlebter Zeitgeschichte für die Katalanen und Spanier, die sich auskennen und die bereit sind, sich zu erinnern: an die Erschießungskommandos am Kastell auf dem Montjuic zur Zeit des Bürgerkrieges, an den Staatsterror der Franco-Diktatur, der politisch Andersdenkende bis weit in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts verfolgen, ausrotten und in Massengräbern verscharren ließ, Gräueltaten, die zu verdrängen das demokratische Spanien lange fest entschlossen schien, berauscht vom Wirtschaftswunder und geblendet vom Glanz internationaler Anerkennung wie zur Zeit der Olympischen Spiele. Spanien - Katalonien zumal - war zurück im Kreis der führenden Nationen in der Welt! Wer mochte da schon der ungezählten Opfer gedenken? Politik, Presse und Massenmedien jedenfalls nicht!

Bevor der Skandal der Verdrängung dort in diesen Tagen endlich zum Thema wird, hatten Literaten lange zuvor in einem breiten Strom literarischer Reflexion von den "Identitätszeichen" (1966) eines Juan Goytisolo bis zum "Langen Marsch" (1996) eines Rafael Chirbes wider den Stachel dieses politischen Konsenses gelöckt. Kein schlechter Kontext zur Bewertung unserer Anekdote - wie ich meine. Auch wenn die Stimme von Sergi Pàmies so unverwechselbar anders klingt als die seiner Vorgänger.

In der Tat, wie grandios lakonisch der Ton, frei von Pathos und Sentimentalität! Alles hier ist Diskrepanz: das raffende Erzählen steht zum Unfassbaren des Erzählten - Erschießungen, Massengräber, Verdrängen - in ebenso krassem Widerspruch wie die Reduktion des langen seelischen Leidens auf wenige körperliche Leiden - Krampfadern und Alterskurzsichtigkeit. Es ist die Kunst des Absurden. Bringt doch gerade sie eine solche Karikatur des namenlosen individuellen Leidens allererst vor den Blick, was im Horizont des rasanten Wandels einer Metropole nur allzu leicht in Vergessenheit gerät. Macht der grotesken Komik halt, die erheitert, bevor sie nachdenklich stimmt.

Mich jedenfalls hat diese Anekdote auf die weiteren Erzählbände dieses Nonkonformisten neugierig gemacht. Signalisieren doch Titel wie "Du solltest dich in Grund und Boden schämen" (2001) oder "Wie man in eine Zitrone beißt, ohne das Gesicht zu verziehen" (2008) jenen grotesken Zuschnitt unserer Gegenwart, den ich im "Großen Roman über Barcelona" schätzen gelernt habe.
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