Wer das 1997 im Original erschienene Buch in der Hand hält, erkannt unschwer das ironische Spiel mit der Titelerwartung. Denn "Der große Roman über Barcelona" ist weder groß noch ein Roman, und der Schauplatz Barcelona ohne Lokalkolorit kaum erkennbar, eher eine Metropole, die wir in der globalisierten Gegenwart überall antreffen können, wie auch die Handlungsmuster dieser Erzählungen mit ihren namenlosen Zeitgenossen.
Ein witziges und doch gnadenlos ernüchterndes Portrait unserer Tage entsteht so, ein offenes Portrait zudem, das sich mit seinen zahllosen Fragmenten immer neu fortschreibt. Und vorgestellt wird das alles mit der Virtuosität eines Meisters der grotesken Komik, gleichsam eines Buster Keaton der Literatur mit Tiefgang.
Eine Anekdote nur zum Beleg. Sie ist der längsten der 15 Erzählungen des Bandes entnommen und ihr Titel "Der große Roman über Barcelona"hat auch der ganzen Sammlung den Namen gegeben. Auf den ersten Blick könnte sich die Geschichte, die sie skizziert, an vielen Orten der Welt zugetragen haben. Doch lesen Sie selbst!
"Die junge Frau lernte ihren Mann in der Nähe eines Kastells kennen, das auf der Spitze eines Berges steht, und zwar genau an der Stelle, wo er später erschossen wurde."
Mit einer einfachen Vorausdeutung umschließt dieser Eröffnungssatz Anfang und Ende des Lebensglücks unserer namenlosen Heldin, nicht jedoch das Ende ihres Leidens.
"Nachdem Jahre danach ein langer Prozess bürokratischer Erniedrigung überstanden war, wurde ihr ein Grab (die echten Gebeine lagen im Massengrab) in einer Ecke des Friedhofs zuerkannt, nur wenige Meter vom Tatort entfernt."
Nach der widerrechtlichen Erschießung folgt also der zermürbende, lebenslange Kampf um Rehabilitierung des Ermordeten, ein Kampf, der bis heute ohne befriedigendes Ergebnis bleiben sollte.
"Die junge Frau, die inzwischen eine Greisin mit zwei Sparbüchern und Krampfadern ist, steigt ab und zu hinauf, um sozusagen die Landschaft zu betrachten. Die drei Schornsteine im Vordergrund. Dahinter nur Nebel. Alterskurzsichtigkeit stellte der Arzt fest."
So einfach kann das Unerklärliche sein: kreatürlicher Verfall als Erklärung ihrer Leiden. Doch so viel weiße Salbe gegen Verbrechen und kollektives Versagen reizt sie denn doch zum Widerspruch, diskret unterstützt von der Erzählerstimme.
"Nicht nur das Alter, ich habe genug, widersprach sie. Genug davon, die Haustür mit der von nebenan zu verwechseln, die Fünfpesetenstücke mit den Fünfundzwanzigern. Genug davon, sich die Fotografie dicht vor die Nase halten zu müssen, um den Mann zu erkennen, der sie vor langer Zeit ganz in der Nähe des Ortes verführte, an dem jetzt der Sportpalast steht, der von einem Japaner gestaltet wurde."
Diese ohnmächtige Geste des Protestes, die der Erzähler über den Moment hinaus verlängert, beschließt unsere Anekdote.
Eine Lebensgeschichte im Zeitraffer und im Kern - Gott sei's geklagt - eine Allerweltsgeschichte. Und doch auch unverwechselbar angesiedelt im Barcelona der zurückliegenden sieben Jahrzehnte. Ein Zeitraum also erlebter Zeitgeschichte für die Katalanen und Spanier, die sich auskennen und die bereit sind, sich zu erinnern: an die Erschießungskommandos am Kastell auf dem Montjuic zur Zeit des Bürgerkrieges, an den Staatsterror der Franco-Diktatur, der politisch Andersdenkende bis weit in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts verfolgen, ausrotten und in Massengräbern verscharren ließ, Gräueltaten, die zu verdrängen das demokratische Spanien lange fest entschlossen schien, berauscht vom Wirtschaftswunder und geblendet vom Glanz internationaler Anerkennung wie zur Zeit der Olympischen Spiele. Spanien - Katalonien zumal - war zurück im Kreis der führenden Nationen in der Welt! Wer mochte da schon der ungezählten Opfer gedenken? Politik, Presse und Massenmedien jedenfalls nicht!
Bevor der Skandal der Verdrängung dort in diesen Tagen endlich zum Thema wird, hatten Literaten lange zuvor in einem breiten Strom literarischer Reflexion von den "Identitätszeichen" (1966) eines Juan Goytisolo bis zum "Langen Marsch" (1996) eines Rafael Chirbes wider den Stachel dieses politischen Konsenses gelöckt. Kein schlechter Kontext zur Bewertung unserer Anekdote - wie ich meine. Auch wenn die Stimme von Sergi Pàmies so unverwechselbar anders klingt als die seiner Vorgänger.
In der Tat, wie grandios lakonisch der Ton, frei von Pathos und Sentimentalität! Alles hier ist Diskrepanz: das raffende Erzählen steht zum Unfassbaren des Erzählten - Erschießungen, Massengräber, Verdrängen - in ebenso krassem Widerspruch wie die Reduktion des langen seelischen Leidens auf wenige körperliche Leiden - Krampfadern und Alterskurzsichtigkeit. Es ist die Kunst des Absurden. Bringt doch gerade sie eine solche Karikatur des namenlosen individuellen Leidens allererst vor den Blick, was im Horizont des rasanten Wandels einer Metropole nur allzu leicht in Vergessenheit gerät. Macht der grotesken Komik halt, die erheitert, bevor sie nachdenklich stimmt.
Mich jedenfalls hat diese Anekdote auf die weiteren Erzählbände dieses Nonkonformisten neugierig gemacht. Signalisieren doch Titel wie "Du solltest dich in Grund und Boden schämen" (2001) oder "Wie man in eine Zitrone beißt, ohne das Gesicht zu verziehen" (2008) jenen grotesken Zuschnitt unserer Gegenwart, den ich im "Großen Roman über Barcelona" schätzen gelernt habe.