Das Genre der Opernführer ist ein schwieriges, zu unterschiedlich sind die Interessen der Zielgruppe. Ich gehöre zu denen, die Opern gern hören, aber wenig fachmusikalisches Wissen (und auch Interesse) haben, einen rein emotionalen, ästhetischen Zugang zur Musik haben und weniger intellektuell. Ich bin auch nicht Klassik-fixiert und höre im ganzen mehr moderne Musik. Auch bin ich kein großer Fan der Geschichten der Opern, die mich meist wenig überzeugen (nicht nur wegen ihres Alters) und die ich dramaturgisch zu sprunghaft finde. Außerdem bekommt man beim in den Alltag integrierten Hören der schönen Musik von der Handlung eh nix mit. Das unterscheidet mich vom 'echten' Opern-Enthusiasten, der sich wohl eher rein aufs Zuhören konzentriert, im Libretto mitliest und so die Handlung wichtiger nimmt.
Für solche Leute ist der Markt der Opernführer wenig ergiebig. Es gibt eine Reihe von Parodien (die witzig sind, aber wenig informieren) und die 'ernsten', die sich in ihrer Darstellung der Musik stärker an den fachlich orientierten Opernfreund richten, sprachlich im Bildungsbürgertum/Feuilleton-Stil angesiedelt sind und der Handlung einen breiten Raum einräumen. Der Beikirchner ist hier ein rühmliche Ausnahme und meines Wissens nach die einzige existierende auf dem Markt. Alleine das ist schon rühmlich.
Der Autor hat selber Musikwissenschaft studiert und ist aktiver Musiker, pflegt aber einen emotionalen Allerweltszugang zur Musik, wertet Stücke und Arien danach, ob sie ihn emotional berühren. Endlich erklärt mal einer musikalische Besonderheiten (über die Wahl von Tonarten, Tempi, Lautstärken, Instrumentierung), dass man sie als Nicht-Musiker versteht, gerne liest und sich nicht dumm vorkommt. Das ist fachlich interessant und unterhaltsam, leicht zugänglich geschrieben. Auch baut er interessante Geschichten über das Werk, die Entstehungen oder bekannte Aufführungen ein, die sich einfach schön lesen. Er führt "Hits" und "Flops" aus den einzelnen Werken auf und erklärt, was das Besondere an dem Werk ist. Die Handlungen werden leider auch sehr ausführlich erläutert, aber wenigstens unterhaltsam und erzählerisch, nicht im Reportagestil vieler anderer Beschreibungen.
Die Auswahl der besprochenen Opern beanprucht keine Representativität oder Ausführlichkeit (was ich ok finde), außerdem sind im ersten Band bei aller zugestandenen Subjektivität der Auswahl doch zu großen Lucken (z.B. kein Puccini) im zweiten Band nachgebessert (nun klafft lediglich noch im französischen Repertoire eine Lücke). Ein kleines Manko ist, dass Beikirchner im eigentlich angenehm locker-luftigen Schreibstil manchmal ein wenig übertreibt (man merkt, dass er ist auch Kabarettist ist) und manche Formulierungen (wie "an der Stelle brauche ich immer ein Taschentuch...") zu oft gebraucht. Aber das sind Kleinigkeiten in einem sonst rundum gelungenen Werk, dass Leuten für mich endlich mal zugängliche Informationen über die Werke zur Verfügung stellt.