Wenn Marco Polo angeblich aus China berichtete, das er selber wohl nie gesehen hat, oder Heinrich Schliemann die Phantasie durchgegangen ist, so mag sich im Laufe der Zeit der eine als Schwindler herausstellen, der andere als Phantast. Gravierende Auswirkungen hatte es nicht. Wenn aber Nebenwirkungen bei Medikamenten nicht rechtzeitig erkannt werden, oder in statistischen Studien zwar die Zahlen stimmen, aber falsche Schlüsse in Bezug auf die Ursachen gezogen werden, kann dies verheerende Folgen haben.
Der Autor Heinrich Zankl, zuletzt Professor für Humanbiologie an der Universität Kaiserslautern, ist Träger der Heinrich-Bechold-Medaille für Wissenschaftsjournalismus. Er beschreibt anschaulich und allgemein verständlich, aus welchen Gründen frühere Annahmen sich als Irrtum herausstellten und heute nicht mehr zu halten sind. Das Buch illustriert, warum wir auch bei "sensationellen" Erkenntnissen aus der Wissenschaft die Kirche im Dorf lassen sollten. Begegnen wir Neuigkeiten mit gesunder Skepsis - aber nicht mit genereller Ablehnung!
Exemplarische Irrtümer
hat Heinrich Zankl aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen zusammengetragen, von der Archäologie über Geschichte, Psychologie, Medizin, Biologie oder Umwelt bis zu den "exakten" Wissenschaften Chemie und Physik. Irrtümer können die verschiedensten Ursachen haben. Nicht selten verstellen vorgefasste Meinungen den Blick auf alternative Erklärungen. Erste Untersuchungen ergeben zufällig ein falsches Bild, weil die Anzahl der Versuche oder Studienobjekte zu gering war. Oder, Ursachen für statistische Korrelationen werden falsch interpretiert: Die Abnahme der Geburtenzahl bei gleichzeitiger Abnahme der Storchennester in Großstädten belegt eben nicht, dass Störche die Babies bringen, auch wenn die Zahlen selbst eindeutig sind. Dasselbe gilt auch, so wird an einem Beispiel gezeigt, für Korrelationen, wonach es in der Umgebung mancher Kernkraftwerke vermehrt zu Leukämien bei Kindern kommt. Die Zahlen sind Fakten. Aber sie geben keine Auskunft darüber, was die Ursachen sind. Das wird dann besonders problematisch, wenn falsche Annahmen verfolgt und dadurch die Aufklärung der wirklichen Ursache verzögert wird. Katastrophal sind Langzeitschäden durch Medikamente, da diese erst nach Jahren auftreten und durch klinische Studien schwer zu erfassen sind (wie lange soll man eine Studie laufen lassen und dabei anderen Patienten das möglicherweise geeignete Medikament vorenthalten?).
Nicht immer sind die Wissenschaftler oder Ärzte daran schuld, dass Irrtümern verbreitet werden oder nicht auszurotten sind. So hatten Wissenschaftler anfangs vermutet, dass die Chromosomenanomalie XYY bei Männern zu gewalttätigem Verhalten führen könnte. Gegen diese Korrelation wurden im Laufe der Zeit Bedenken geäußert. Als aber bekannt wurde, dass ein Massenmörder zufälligerweise diese Anomalie besaß, hat die Boulevard-Presse das "Mörderchromosom" in die Welt gesetzt. Wir gehen heute davon aus, dass Gewalttätigkeit wohl eher mit der oft geringeren Intelligenz bei XYY-Trägern zusammen hängt. Unter ungünstigen sozialen Umständen können solche Männer straffällig werden. In der Regel aber leben XYY-Männer vollständig unauffällig.
Wechsel der Erklärungsversuche gehört zum Wesen einer Wissenschaft
Manche der im Buch geschilderten Beispiele zeigen das ganz normale Voranschreiten wissenschaftlicher Erkenntnisse. So wurden Theorien entworfen, die bestimmte Beobachtungen erklären konnten, wie beispielsweise die im Buch erwähnte Phlogistontheorie. Nach dieser Theorie enthalten brennbare Stoffe das Gas "Phlogiston", das bei der Verbrennung entweicht. Dadurch würde der Stoff (Kohle) durch Verbrennung leichter. Diese Theorie konnte einige der Beobachtungen bei Verbrennungsprozessen erklären. Durch die eindeutige Beschreibung dieser Theorie konnte aber auch ihre Schwäche nachgewiesen werden. Die Phlogistontheorie wurde durch die Vorstellung ersetzt, dass der Verbrennungsvorgang durch die Verbindung des brennbaren Stoffes mit Sauerstoff (Oxidation) passiert und Materie durch Rauchbildung entweicht.
Alte Beobachtungen mit einem neuen wissenschaftlichen Konzept zu erklären entspricht dem, was Thomas S. Kuhn in "Die Strukturen wissenschaftlicher Revolutionen" mit dem berühmt gewordenen Terminus "Paradigmenwechsel" bezeichnet hat. Dieser Paradigmenwechsel ist wesentlich für den Fortschritt in der Wissenschaft. Die Unterscheidung zwischen schlecht ausgeführter Wissenschaft (oder Schwindelei) und dem für Wissenschaften typischen Wechsel der Erklärungsversuche (Paradigmen) fehlt mir in diesem Buch. Und so bleibt es leider nur bei einer Sammlung von Anekdoten. Diese sind jedoch durchaus lesenswert.