Seit Stephen Hawking einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, scheinen viele Menschen ihn für den Einstein unserer Zeit zu halten. So ist es nicht verwunderlich, dass seine jüngste Veröffentlichung, "Der große Entwurf" sich gut verkauft. Nimmt man das Buch zur Hand, wird man schnell die äußeren Vorzüge registrieren. Die Aufmachung ist eindrucksvoll, die Papierqualität hervorragend, die zahlreichen Abbildungen sehr ästhetisch. Inhaltlich hinterlässt es jedoch einen zwiespältigen Eindruck.
Auf kaum 180 Seiten haben Hawking und sein Co-Autor Mlodinow sich nichts Geringeres vorgenommen, als einige der großen Menschheitsfragen zu beantworten:
Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts?
Was ist das Wesen der Wirklichkeit?
Warum existieren wir?
Warum dieses besondere System von Gesetzen und nicht irgendein anderes?
Braucht das Universum einen Schöpfer?
Den ersten Schritt zur Beantwortung dieser Fragen macht Hawking mit einer erkenntnistheoretischen Überlegung. Wissenschaftliche Theorien müssten ebenso wie unsere Alltagsüberzeugungen als Modelle aufgefasst werden. Ihr Wert hänge nicht von ihrer Ähnlichkeit mit der Realität ab, sondern von Eigenschaften wie Eleganz, Übereinstimmung mit den Beobachtungen sowie prognostischer Kraft.
"Wir bilden mentale Konzepte von allen möglichen Dingen - unserem Haus, Bäumen, anderen Menschen, dem elektrischen Strom, der aus der Wandsteckdose kommt, Atomen, Molekülen und anderen Universen. Diese Konzepte sind die einzige Wirklichkeit, die wir erkennen können. Es gibt keinen modellunabhängigen Test der Wirklichkeit. Daraus folgt, dass ein gut konstruiertes Modell eine eigene Realität schafft" (S. 168). Mit jeder neuen Theorie hätten sich unsere Begriffe von der Wirklichkeit und den fundamentalen Bestandteilen des Universums verändert (S. 54). Verfügten wir über zwei Modelle, die sich beide mit den Beobachtungen deckten, könnten wir nicht sagen, das eine sei realer als das andere, selbst wenn sie sich widersprächen. "Wir können jeweils das Modell verwenden, das in der betrachteten Situation praktischer ist" (S. 44).
Hawking nutzt diesen Standpunkt, um seine Deutung der Quantentheorie plausibel zu machen. Ausgehend von Richard Feynmans Pfadintegralformalismus interpretiert er das berühmte Doppelspaltexperiment als Indiz dafür, dass Elektronen und Photonen im Unterschied zu den Gegenständen der Alltagserfahrung in der Lage sind, verschiedene Bahnen gleichzeitig zu durchmessen und mit sich selbst zu interferieren. Außerdem sei ihr Verhalten nicht genau determiniert. Der gesunde Menschenverstand müsse sich damit abfinden, dass sein Wirklichkeitsmodell auf die Quantenwelt nicht anwendbar sei.
Übertrage man diese Einsichten auf die Entstehungsphase des Universums, gelange man zu der Annahme, dass es sich ähnlich den Quantenobjekten auf alle möglichen Weisen zugleich entwickelt habe. "Ein paar dieser Universen ähnelten dem unseren, doch die meisten waren ganz anders. ... Tatsächlich gibt es viele Universen mit vielen verschiedenen Versionen physikalischer Gesetze. Einige Menschen machen ein großes Geheimnis aus dieser Hypothese - die manchmal als Multiversums-Konzept bezeichnet wird - dabei handelt es sich einfach um einen anderen Ausdruck für Feynmans Summe über alle Geschichten" (S. 136).
Die Hypothese zahlreicher, vielleicht Milliarden paralleler Universen, eröffne die Möglichkeit, dass die Gesetze und Konstanten der Natur in einigen davon zufällig so abgestimmt seien, dass menschliches Leben möglich werde. Auf diese Weise ließen sich die grundlegenden Eigenschaften unserer Welt auch ohne einen Schöpfergott erklären.
Selbst die Frage nach dem Ursprung des Universums glaubt Hawking beantworten zu können. Wie die Quantentheorie zeige, sei ein vollkommen leerer Raum physikalisch unmöglich. Aus Heisenbergs Unschärferelation folge, dass im Vakuum unablässig Fluktuationen aufträten, die man als spontane Entstehung und Vernichtung von Teilchenpaaren auffassen könne. Davon ausgehend dürfe im Einklang mit der Stringtheorie vermutet werden, das Universum sei durch eine Quantenfluktuation entstanden und habe sich anschließend im Bruchteil einer Sekunde gigantisch aufgebläht.
Natürlich lassen sich die von Hawking aufgeworfenen Themen auf knappem Raum nur oberflächlich behandeln. Allerdings wären die zahlreichen geistesgeschichtlichen Fehler des Buches vermeidbar gewesen. Die Behauptung, Aristoteles habe die Erde aus "mystischen" Gründen für den Mittelpunkt des Universums gehalten (S. 39), ist ebenso unsinnig wie die Feststellung, das Mittelalter habe "kein einziges schlüssiges philosophisches System" hervorgebracht (S. 28). Und wenn Hawking schreibt, Epikur, einer der Hauptvertreter der Atomlehre in der Antike, habe den Atomismus abgelehnt (S. 25), kann man als Leser nur noch den Kopf schütteln. Warum äußert sich der englische Professor zu Themen, von denen er offenkundig nichts versteht?
Zunächst bleibt die Hoffnung, Hawking werde an Sicherheit gewinnen, sobald er die moderne Physik behandelt. Leider stellen sich bald Zweifel ein. Ist es zulässig, so fragt man sich, einen mathematischen Formalismus wie Feynmans Pfadintegralmethode als Modell der Wirklichkeit aufzufassen? Darf man dem Universum nach der Inflation noch die Entwicklung auf parallelen Pfaden zuschreiben, obwohl Hawking einräumt, dass makroskopische Objekte keine Quanteneffekte aufweisen? (S. 67). Es fällt schwer zu entscheiden, ob hier Mängel der Darstellung oder inhaltliche Fehler vorliegen.
Hinzu kommt, dass Hawking den Bogen überspannt. Zwar räumt er ein, die von ihm favorisierte Stringtheorie sei unfertig, versäumt es aber, darauf hinzuweisen, dass selbst jahrzehntelange Forschung nicht den geringsten empirischen Beleg für sie erbringen konnte. Die Stringtheorie ist eine der spekulativsten Konstruktionen der Wissenschaftsgeschichte. Eines Tages könnte sie sich als reines Phantasieprodukt erweisen. Ist aber schon die Stringtheorie fragwürdig, wie soll man dann erst Gedankenspiele über "Paralleluniversen" einschätzen?
All dies ist Grund genug, bereits in der Mitte des Buches skeptisch zu werden. Die große Enttäuschung wartet freilich am Schluss. Hier muss der geduldige Leser feststellen, dass Hawking drei Voraussetzungen benötigt, um die Entstehung des Multiversums zu erklären: Das Vakuum, einige elementare physikalische Gesetze (die Prinzipien der Quantentheorie und den Satz über die Erhaltung der Energie) und die Gravitation.
Wie Vakuum und Gravitation entstanden sind und warum sie bestimmten Gesetzen unterliegen, kann Hawking nicht sagen. Er fragt erst gar nicht danach.
Das Ergebnis dieses spekulativen Galoppritts ist bescheiden: Hawking ist einen Schritt über die meisten kosmologischen Modelle hinausgegangen. Er hat den Urknall durch einen anderen Anfangszustand ersetzt, den er so wenig erklären kann, wie andere Physiker den Urknall. Der Vorhang unserer Unwissenheit wurde nur um ein paar Millimeter zurückgeschoben, ein Rätsel gegen das andere eingetauscht. Die Ausgangsfragen des Buches werden nicht überzeugend beantwortet.
Das soll der große Entwurf sein? Ich kann mir nicht helfen, mir kommt er kläglich vor.