Soll man ein Pilzbuch kaufen, das fünfzig oder hundert Arten vorstellt? Oder eines, das tausend Arten abbildet? Es gibt Leute, die nur drei Pilzsorten kennen und sammeln: Morcheln, Steinpilze und Pfifferlinge. Das ist vielleicht sogar eine weise und in kulinarischer Hinsicht gewiss akzeptable Beschränkung. Wer aber, wie ich, jeweils zu Herbstbeginn von heftigen Anwandlungen pleistozänen Wildbeutertums erfasst wird und alles verspeisen möchte, was Wald und Flur dann so hergeben, der kommt um ein Buch mit tausend Arten nicht herum. Nur solche Bücher können nämlich mit einigem Recht von sich behaupten, sie würden alle essbaren Arten vorstellen. Zwei Pilzführer mit Fotos und diesem Anspruch stehen zur Auswahl: Eben der "Gerhardt" und das Konkurrenzprodukt von Hans Laux "Der grosse Kosmos Pilzführer. Alle Speisepilze mit ihren giftigen Doppelgängern.". Ich besitze beide und kenne nach einer Pilzsaison ihre Vor- und Nachteile.
Beide haben das gleiche Format, den selben Umfang und eine ähnliche Ausstattung. Der "Gerhardt" verfügt über einen Schutzumschlag aus Plastik. Er belastet den Rucksack mit 702 Gramm, der "Laux" mit 834 Gramm. Beide sind also eben noch tragbar.
Wie bestimmt man einen unbekannten Pilz mit diesen Büchern? Beide kommen ohne Hilfsmittel wie Mikroskop und färbende Chemikalien aus. Bei Gerhardt muss man sich zunächst zwischen sieben auch für Anfänger bald erkennbaren Grossgruppen entscheiden: "Lamellenpilze (Fleisch nicht spröde)", "Sprödblättler", "Pilze mit Röhren oder Poren", "Nichtblätterpilze ohne Röhren" etc. Die grosse Gruppe der Lamellenpilze wird unterteilt in solche mit freien und solche mit angewachsenen Lamellen und zudem praktischerweise in die Untergruppen "Stiel dick", "Stiel dick bis dünn", "Stiel dünn" und "Stiel seitlich oder fehlend". (Und unvermeidlicherweise in gewissen Fällen nach der Farbe des Sporenpulvers. Der mehr kulinarisch interessierte Pilzfreund wird das der Frische sehr abträgliche lange Warten auf das Abfallen des Sporenpulvers wohl vermeiden, indem er den schnellen Gang zur Pilzberatungsstelle/Pilzkontrollstelle antritt.) Dann blättert man die Fotos der zutreffenden Gruppe durch, um eine engere Auswahl zu treffen, und schliesslich liest man die Detailbeschreibungen. Die haben übrigens in beiden Büchern ungefähr den selben Umfang und Aufbau: Merkmale, Vorkommen, Verwendung, Verwechslungsmöglichkeiten mit Giftpilzen. Laux gibt zwar als erste Orientierung ebenfalls eine Unterteilung in praktisch die gleichen sieben Grossgruppen, ordnet dann aber die Pilze steng nach der wissenschaftlichen Systematik. Das hat den Nachteil, dass bei den Lamellenpilzen Arten mit sehr unterschiedlichem Erscheinungsbild nebeneinander zu stehen kommen. Ich jedenfalls komme mit Gerhardts System schneller vorwärts. Laux stellt zu vielen essbaren Arten ein kleines Foto des giftigen Doppelgängers (der an seinem Ort im System in normaler Grösse dargestellt ist). Diese Einschubbildchen im Text sind zwar zu klein, um wichtige Unterscheidungsmerkmale zu erkennen, aber vielleicht führen sie blutigen Anfängern deutlicher als nur ein Texthinweis auf "Verwechslungsmöglichkeiten" die goldene Regel aller Pilzkulinarik vor Augen: Alle Pilze sind essbar; einige Arten allerdings nur einmal...
Beide Pilzführer beruhen auf Fotos. Die Bilder im "Gerhardt" wirken schärfer, natürlicher und feiner in der Farbwiedergabe. Das ist vermutlich nicht durch die Originalfotos bedingt, sondern durch die Drucktechnik. Die Abbildungen im "Laux" weisen für meinen Geschmack durchs Band weg eine etwas zu hohe Farbsättigung auf.
Laux ist sehr restriktiv bei der Einstufung der Geniessbarkeit. Etliche Arten, die Gerhardt als "essbar" oder "bedingt essbar" bezeichnet, figurieren bei Laux unter "Kein Speisepilz". Ein Beispiel: Niemand wird behaupten wollen, der Schuppige Porling sei ein kulinarischer Höhepunkt. Aber essbar ist er nach meiner Erfahrung allemal, zumindest die äusseren Zonen jüngerer Exemplare. Dieses Urteil bestätigt auch eine gastronomische Autorität wie Antonio Carluccio in seinem Kochbuch "Pilze". Laux klassiert den Schuppigen Porling als "Kein Speisepilz". Gerhardt bezeichnet ihn als "bedingt geniessbar" und gibt zusätzlich den nützlichen Tipp, ihn vorher abzukochen. Kurz: Gerhardt kommt mit seiner weitherzigeren Auslegung der Geniessbarkeit (nicht der Giftigkeit und Ungiftigkeit!) omnivoren Wildbeuternaturen eher entgegen.
Welches Buch ist das bessere, welches soll man kaufen? Beide sind im Verhältnis zum Gebotenen preiswert. Der Kernbestand an vorgestellten Arten, nämlich die essbaren, ihre Doppelgänger und die giftigen, stimmt in beiden Büchern erwartungsgemäss überein. Beim grossen Rest präsentieren die beiden Autoren dann nicht die selbe Auswahl. Laux bringt beispielsweise viel mehr nicht essbare Holzbewohner. Zudem treffen bei der gleichen Pilzart manchmal die Fotos des einen, manchmal die des andern Buchs das charakteristische Erscheinungsbild besser. Mit Vorteil legt man sich deshalb beide Bücher zu. Pilzfreunde mit vorwiegend kulinarischem Interesse, aber doch an deutlich mehr als nur fünf Arten, sind auch mit dem "Gerhardt" allein sehr gut bedient.