Peter Bichsel hat einmal gesagt, ein Roman brauche ein gewisses Mass an Spannung. Joseph Conrad biete für ihn genau das richtige Mass. Ich brauche noch weniger.
Kellers "Grüner Heinrich" indessen hat auch meine Schwelle unterschritten. Häufig reicht für die Spannung schon ein starker Protagonist. Hier indessen wird sie korrumpiert mit Reflexionen, Weltanschaulichem, Geschichtlichem und Geographischem. Kürzlich hat ein Kritiker geschrieben, das Buch beginne mit der Abreise. Quark! Erst auf Seite 20 wird der Koffer gepackt. Oder sind wir Heutigen einfach zu ungeduldig?
Ist es ein Entwicklungs- oder Bildungsroman? Sehr weit kommt der Heinrich nicht, wenn man einmal vom Wandel des Gottesbildes absieht und dem Entschluss, doch kein Maler zu sein. Die Beziehung zu den Frauen ist bis zum Ende eine einzige Kalamität: Von Anna bis zu Dorothea ist der Wandel minim. Die Goethelektüre allein macht noch keinen Bildungsroman.
Genauer ist es darum eine Geschichte des Scheiterns. Heinrich scheitert aber nicht an der Realität. Er scheitert an sich, an seiner Fahrigkeit, seiner Verantwortungslosigkeit, der fehlenden Entschiedenheit, Kraft und Insistenz.
Die Lektüre hat sich dennoch gelohnt. Und immerhin ist es einer der wichtigsten Longseller aus der Schweiz, den wir nicht allein den Germanisten überlassen wollen.
Im hinteren Teil übrigens erzählt Keller zügiger und unterhaltsamer, etwa von da an, wo Heinrich seine Arbeitsmappe verscherbelt.