Aristoteles formulierte schon vor über 2000 Jahren in seiner Staatslehre, dass man niemand zu mächtig werden lassen sollte, sei dies durch Geld oder Anhänger. Heute sind wir in den Fängen einer Finanzoligarchie, die der Staat, also wir alle, losgelassen und ihr weitestgehend freie Hand gewährt hat. Wenn Herr Notheis von Morgan Stanley seinem Bekannten, dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, vorschreibt, wie alles zu laufen habe, dann ist es nur die Spitze vom Eisberg dessen, welches uns alle langsam aber sicher abkühlt, die Hosen auszieht und zurücklässt auf einer Insel des Nichts, während sich die Superreichen in ihren Enklaven zurückziehen und den zappelnden, nach Luft schnappenden Sklaven zuschaut, die nacheinander ertrinken, wie die Flüchtlinge aus Afrika, die Berlusconi-Land erreichen wollen.
Nichts ist einfacher und schwieriger als Geld. Jeder hat es und niemand kann sich vorstellen, was windige Investmentbanker daraus machen. Paläste werden heute nur noch von Banken erstellt, also von Dienstleistern, die eigentlich der Realwirtschaft zu dienen hätten, deren Wett-Casinos jedoch in klimatisierten Meetingräumen längst schon die Welt ausgeblutet haben und deren computerisierte Steuerungsplattformen um ihrer selbst willen Zinsen, Wetten und Schuldverschreibungen in Nanosekunden um die Welt jagen, um noch sattere Gewinne zu machen, im Grunde mit nichts außer Hoffnung und dem Wissen, dass die Bevölkerung letzten Endes enteignet wird, wenn die ungedeckten Summen platzen, während Superreiche ihre Vermögen abfedern, umschichten und in richtige Kanäle lenken können.
Die Gewinne durch Investment- und Wett-Transaktionen sind aufgeblähte Summen oder Versprechungen oder Täuschungen, oft ohne jeden Gegenwert, nur schönste Phantasienamen, deren Risiken letzten Endes bislang immer von einer Bevölkerungsschicht getragen wurden: uns, den 99% Fleißigen. 1% der Bevölkerung gehören unfassliche Geldvermögen, die tatsächlich die Zinsernte einfahren, die sich ihre drohenden Risikoverluste seit 2008 von uns allen - sklavengleich - bezahlen lassen.
Es geht um diese zentrale Frage:
Wer verleiht Geld, wer kann Kredite geben? Im Grunde sind wir es: die Zentralbank gehört uns allen, sie setzt den Basiszins fest, mit dem sich Banken re-finanzieren können. "Somit verleiht eine staatliche Institution mit der Stellung einer obersten Bundesbehörde einem privaten Unternehmen (Bank) zu einem niedrigen Zinssatz Geld, damit diese das Geld zu einem wesentlichen höheren Zinssatz zurück an den Staat, Unternehmen und seine Bürger verleiht. Nicht nur das, in Zeiten finanzieller Unsicherheit haben Banken keinerlei Interesse, das Geld an irgendjemand anderen als den Staat zu verleihen. Denn hierfür bürgen schließlich alle Bürger mit ihrem Hab und Gut." (S 280)
Dazu sagte Philip Blond, Chef der Londoner Denkfabrik "ResPublica": Wenn Banken fast zinsfrei Geld beim Staat ausleihen, um es in Staatsanleihen zu investieren und Zinsen zu kassieren, während die Unternehmen (der Realwirtschaft) keine Kredite bekommen, dann ist das ein völlig perverses System". Völlig richtig und es bleibt im Grunde nur eines zu tun: das Bankensystem mit seinen engen Verknüpfungen zur Politik (die Finanzlobbyisten schreiben heute der Einfachheit halber ihre Gesetze selber, die Abgeordnete sowieso nicht mehr verstehen) muss grund-saniert und rückgebaut werden.
Bei allen Meldungen sollte man sich die Frage stellen, wer aus dieser Schieflage profitiert, wer also die Zinsen erhält, die wir alle zu zahlen haben? Wer also sind z.B. die Besitzer der so sicheren Staatsanleihen? "Dies sind: a) Menschen, die sich Staatsanleihen ins Portfolio gelegt haben, b) Versicherungen und c) Banken, die unser erspartes Geld - also eigentlich uns selbst, da wir der Staat sind, leihen." Die Autoren sind dieser Frage (wer erhält die Zinsen) weiter nachgegangen. Niemand konnte es abschließend sagen. Die Pressestelle der Bundesbank hat telefonisch mitgeteilt, dass Privatpersonen, Banken und Fonds die Besitzer von Staatsanleihen sind. Wer genau das sei, das fiele unter das Bankgeheimnis.
Wir alle sind also verpflichtet, über 60 Milliarden Zinsen pro Jahr zu bezahlen, aber deren Empfänger werden uns nicht verraten. (S 283) Es liegt klar auf der Hand, was heute zu ändern wäre, warum aber geschieht nichts? Die Autoren klären diesen Aspekt ab S. 303. Die bisherigen Vorkommnisse zeigen, dass die Politik immer mehr ein Handlanger der Finanzwirtschaft ist und deren Interessen gnadenlos gegen die eigene Bevölkerung durchsetzt. Es ist die Struktur des Geldsystems mit einem davon gallopierenden Zinseszins, der sich selbst den Traum vom endlosen Wachstum erschafft und damit Staaten immer tiefer in die Schuldenfalle treibt. Die produktiv arbeitende Bevölkerung muss kontinuierlich höhere Steuern und Abgaben für Zinsen, Pensionen, Diäten, Provisionen und Boni erwirtschaften, damit sich einige wenige auf Kosten der Allgemeinheit immer weiter bereichern können.
Seit 2008 hat Deutschland 355 Milliarden Euro aufgewendet, vor allem in Form von Garantien, aber auch von Finanzspritzen für sogenannte Bad Banks (Abwicklungsinstitute für sinnlose, wertlose Papiere), bilanzierte Ex-Bundesbank-Vorstand Axel Weber in seiner letzten Pressekonferenz.
Weshalb wird immer noch nichts geändert?
Ganz einfach, weil die Profiteure dieses Systems alles tun, damit sich nichts ändert. Selbst alle großen westlichen Demokratien sind gnadenlos verschuldet und somit von den Betreibern des privaten Finanzsystems schlicht und einfach abhängig. (S 304) Politik und Finanzwirtschaft sind eng miteinander verstrickt, siehe oben Mappus-Notheis, aber auch SPD Kanzler wie Schröder haben sich liebdienerisch dem Kapital hingegeben und alle Regeln des Anstandes und des gesunden Menschenverstandes aufgehoben. Christopher Walen formulierte, dass Goldman Sachs eine politische Organisation sei, die sich als Investmentbank tarne. Selbst Mario Draghi, der aktuelle EZB Präsident, war vor seinem Aufrücken in diese hohe Position Teilhaber bei Goldman Sachs ebenso wie Paul Deighton, dem CEO des Londoner OKs für die Olympischen Spiele.
Es ist Zeit, sich dieser zentralen Aussage von Keynes zu erinnern: Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden. Wir alle müssten handeln, wir müssten unseren Politikern endlich Maß und menschliche Ziele vorgeben, Ethik und Anstand. Stattdessen sehen wir grenzenlose Gier, Abgeordnete, die Millionen mit Milliarden verwechseln, die rettungslos am Tropf der Finanzlobby (die mächtigste der Welt) hängen, Jasager der Zinseszinsler. Nur eine Katastrophe wird eine neue Wirtschaftsethik entwickeln können, ich lese diese Schluss-Folgerung aus diesem Buch: alles Papiergeld wird letzten Endes auf Null gestellt, die Bevölkerung kalt enteignet. Die gute Nachricht: wer nichts hatte, wie die meisten, wird seinen Status quo nicht verändern, es wird wie nach dem Krieg wieder aufwärts gehen. Wer zu viel hatte, bereitet sich aktuell darauf vor, die Finanzoligarchen wie Herr Juncker aus Luxemburg verschaffen sich und ihrer Klientel Zeit, um das in Ruhe zu tun, hier sind die Brandstifter gleichzeitig die Feuerwehrchefs.
Die abchließenden Ratschläge auf krisensichere Anlagen in der kommenden Krise (S 311-333) fokussieren im Grund auf die eigentliche Währung mit Selbstdeckung: also Gold und Silber, weniger auf Immobilien. Tatsächlich stimmt dies wahrscheinlich. Der Staat wird sich gnadenlos zurückmelden mit Abgaben: Immobilienbesitzer werden heute z.B. in Griechenland zusätzlich zur Kasse gebeten. Es sind düstere Aussichten, deren Herleitung in diesem Buch wirklich verständlich und nicht mit volkswirtschaftlichem Theoriegesülze betrieben wird, sondern so, dass man es überall gut erklären kann.
Jeder müsste dieses Buch heute dringend lesen, niemand kann morgen sagen, er hätte es nicht wissen können. "Ein positiv denkender Mensch weigert sich nicht, das Negative zur Kenntnis zu nehmen. Er weigert sich lediglich, sich ihm zu unterwerfen." (Norman Vincent Peale)
Siehe auch meine Besprechung zu diesem Buch:
Der private Rettungsschirm: Weil Ihnen Staat und Banken im Krisenfall nicht helfen werden