Was würde Frazer wohl dazu sagen, hätte er mich letzten 31. Dezember gegen Mitternacht auf die Straße stürzen und ein Feuerwerk abbrennen sehen? Oder wenn er einmal beobachtet hätte, wie ich einen Kuss auf das Foto meiner abwesenden Freundin drücke? Oder wenn er Leute an der Kinokasse erblickt hätte, die Geld dafür ausgeben, um sich von einem Horrorfilm erschrecken zu lassen? - Frazer legt nahe, dass Magie eine Vorform von Wissenschaft ist: eine erfolgloser Versuche, die Welt zu erklären. Er würdigt nicht die Möglichkeit, dass es sich dabei schlicht um eine menschliche Reaktion auf die Anmutung der Welt handeln könnte. Das magische Ritual ist ja vielleicht gar nicht dafür da, um die Welt zu beherrschen, sondern nur menschlich auf sie zu reagieren. Ich will mit meinen Neujahrsböllern nicht das alte Jahr verscheuchen, sondern zum Ausdruck bringen, wie mir angesichts des Wechsels zumute ist. Ich habe neulich ein kleines Kreuz mit dem Mini-Foto einer tödlich verunglückten 17jährigen am Straßenrand gesehen, darunter lagen bemalte Kieselsteine der Geschwister/Eltern - wollten sie damit etwas bewirken (die Verstorbene z.B. wieder ins Leben holen) oder etwas ausdrücken (wie ihnen zumute ist)? Frazer neigt, ähnliche Reaktion von Primitiven darzustellen, als ob Primitive eine irrige (verrückte) Auffassung vom Lauf der Welt hätten. Warum sollten sie aber nicht einfach nur von verschiedenen Dingen oder anders affiziert werden als wir = eine andere Magie haben (wenn Magie oder Religion in der Art und Weise bestehen, wie wir auf etwas Beeindruckendes antworten)? Der Primitive steht womöglich näher am Kind, dem mehr auffällt, indem es noch nicht zu so viele Erklärungen ansetzen kann. Die magische Reaktion ist deswegen keine vorwissenschaftliche, sondern einfach nur eine menschliche Möglichkeit, auf die Welt zu antworten, verwandt der von Künstlern. Wenn ich ein Feuerwerk in den Nachthimmel schieße, will ich damit nicht den Lauf der Welt verändern. Frazer scheint dagegen anzunehmen, dass z.B. Regentänzer sehr wohl Regen zu machen beabsichtigen (man muss fragen, warum sie dann nicht in der Trockenzeit tanzen - sie tanzen aber in der Regenzeit: weil ihr Tanz, möchte man meinen, zum Ausdruck bringt, was der Regen ihnen und ihren Zuschauern bedeutet). Was, wenn die Primitiven über Frazers Erklärungen den Kopf schütteln würden, so wie wir den Kopf schütteln würden z.B. über die Deutung, die Deutschen glaubten irrigerweise daran, das alte Jahr durch Böllerschüsse vertreiben zu müssen o.ä.? Wenn ich Silvesterraketen abfeuere, tue ich das nicht, nachdem ich mir vorher eine Meinung dazu gebildet habe, sondern weil mir danach ist. Vielleicht geht es dem Regentänzer ja ähnlich. Wenn ich jemandem grüßend zunicke oder meinen Geburtstag feiere - würde mir, was es damit auf sich hat, klarer, indem ich dazu eine Meinung entwickelte oder Theorie bildete? Wenn mir jemand den "Sinn des Geburtstagsfeierns" erklärte, hätte ich anschließend mehr davon? Wenn wir mit den Bräuchen oder Magien anderer Kulturen, die wir nicht verstehen, konfrontiert werden, führt es vielleicht weiter und wäre auch menschlicher, sie entlang uns vertrauter ähnlicher Phänomene zu beschreiben, nicht als verkrüppelte Wissenschaft. Es ist wahrscheinlich gar nicht so schwer, sich in fremde Magien zu finden und sie ähnlich bedeutsam zu erleben wie die uns bekannten, denn sie entspringen ja der menschlichen Reaktion auf das Auffallen der Welt. So könnte das primitive Reagieren sogar unsere Erlebnismöglichkeiten bereichern, ohne dem Obskurantismus Vorschub zu leisten. In D. H. Lawrence's 'Mexikanischer Morgen: Reisetagebücher' gibt es z.B. die Beschreibung eines Schlangentanzes der Hopi, die genau das leistet: sie erklärt uns nicht, was von den Tänzern erreicht werden soll, sondern beschreibt nur das primitive Ritual, das immer mehr Besitz von uns ergreift, keine Fragen stellt, beantwortet oder offen lässt, sondern nicht mehr, nicht weniger als einen unvergleichlich tiefen, menschlichen Sinn vermittelt.