Das Herzstück des Buches ist sicherlich das entzückende Märchen "Amor und Psyche". Dort geht es darum, dass Psyche durch
ihre außerordentliche Schönheit den Unwillen der Liebesgöttin Venus erregt, weil Psyche mancherorts statt ihr verehrt wird.
Sie bitte daher ihren Sohn, den Götterknaben Amor, zu bewirken, dass sich Psyche in das häßlichste Geschöpf verliebt, das
er fände. Doch als der Liebesgott Psyche zu Gesicht bekommt verliebt er sich selbst in sie und wiedersetzt sich seiner Mutter. Für reichlich Konfliktstoff ist also gesorgt. Die Geschichte ist in einem sprachlich sehr ansprechenden Stil gehalten und erinnert vom Erzählgestus her oft an Märchen aus "Tausend und eine Nacht". Ein spezieller Reiz liegt natürlich auch in der mythologischen Einbettung, die es einem gestattet die antiken Götter einmal "hautnah" und als agierende Figuren in einer abgerundeten Erzählung zu erleben. Es sind ja leider nur wenige Zeitzeugnisse dieser Art überliefert, abgesehen
natürlich von Werken wie der "Odysse" oder der "Ilias", die sogar fast 1000 Jahre älter, aber auch auch deutlich
schwerer zugänglich sind. Das Poblem besteht bei diesem Buch nicht. Es liest sich recht flüssig.
"Amor und Psyche" umfaßt allerdings nur etwa 50 Textseiten, was etwa 1/6 des Buches entspricht. Der Rest ist zugegebenermaßen von sehr durchmischter Qualität und kann auch sprachlich oft nicht mit "Amor und Psyche" mithalten. Die Haupterzählung ist ein fiktiver Erlebnisbericht, in dem der Ich-Erzähler in einen Esel verwandelt wird und nun verzweifelt versucht wieder zum Menschen zu werden. Dieser "zentrale Konflikt" zusammen mit der Tatsache, dass man sich mit dem armen, gequälten Esel, der von einer Marter in die nächste stolpert, schon irgendwie identifizieren kann und gelegentliche prickelnde erotische Ausschweifungen schaffen eine gewisse Spannung. Befremdlich wirken eingestreute sodomistische Sequenzen, an die der Mythologiebewanderte aber von Zeus Eskapaden her gewöhnt ist. Problematisch sind auch die vielen Binnenerzählungen, die oft zwischen unterhaltsam und absurd schwanken und zwischendurch immer wieder eingeschoben werden. Zwar wird dadurch der Erzählteppich wohl etwas bunter ,aber es führt auch zu einer gewissen Zerissenheit und Lähmung des linearen Handlungsflusses. Vielleicht ist es auch unsinnig das Buch mit heutigen Maßstäben beurteilen zu wollen. Es schließlich der erste überhaupt überlieferte Roman und daher allein schon von der geschichtlichen Seite aus betrachtet interessant, vor allem deshalb, weil er Einblicke in eine Denk- und Lebensweise gibt, in der die antike Religion und Tradition noch sehr lebendig ist. Wie man die Qualität des Gesamtbuches auch immer bewerten mag: "Amor und Psyche" ist jedenfalls eines der bezaubernsten und romantischten Märchen, das ich kenne. Für Märchenliebhaber, Romantiker, Mythologiebegeisterte und Geschichtsinteressierte ist das Buch also glaube ich ein Muss. Besonders wenn Sie vielleicht alles zusammen sind. "Amor und Psyche" beginnt übrigens auf Seite 100. Sie erkennen es beim Durchblättern daran, dass ab dieser Stelle Illustrationen eingefügt sind. Sie können sich das Märchen auch einzeln kaufen, aber das ist kaum billiger. Sie bekommen hier also mehr für ihr Geld, zumindest deutlich mehr Seiten.