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Exitus letalis
Eginald Schlattners Roman «Der geköpfte Hahn»
Ein Roman über Siebenbürgen, verfasst von einem noch immer in der angestammten rumänischen Heimat lebenden deutschsprachigen Autor das lässt aufhorchen. Noch hellhöriger wird man, wenn man erfährt, dass das Geschehen im August 1944 spielt, als das mit Hitler-Deutschland verbündete faschistische Rumänien unter dem Ansturm der Roten Armee plötzlich die Seite wechselte. Mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Bukarest und dem Sturz der Antonescu- Diktatur setzte der Übergang zur kommunistischen Einparteienherrschaft und zugleich der langfristige Niedergang der verschiedenen deutschen Volksgruppen ein, die sich vor Jahrhunderten in Siebenbürgen und im Banat niedergelassen hatten.
In die Geschichte verstrickt
Auf Differenzierung legten die Sieger nach 1945 wenig Wert: deutsch sein hiess, kollaboriert zu haben. Enteignung, Umsiedlung, Vertreibung, ja Vernichtung war der Preis, den die Rumäniendeutschen für den unseligen Pakt vieler Landsleute mit den Nazis zu bezahlen hatten. Spätestens unter Ceausescu nahm die Unterdrückung der deutschen Minderheit systematische Züge an. 1930 lebten 745 000 Deutschstämmige in Transsilvanien, in den fünfziger Jahren waren es noch 345 000, nach 1990 noch 80 000 bis 100 000. Die Revolte von 1989 bedeutete für viele das Signal zur Rückkehr nach Deutschland. Seither ist hier unter der Ägide von Autoren wie Herta Müller, Richard Wagner, Werner Söllner und Franz Hodjak das Nachglühen rumäniendeutscher Literatur zu erleben, wobei der thematische Horizont im wesentlichen durch die Erfahrungen mit dem Karpatensozialismus abgesteckt ist. An der Aufarbeitung der eigenen Naziverstrickung haben die Rumäniendeutschen bisher wenig Interesse gezeigt, zu sehr fühlten sie sich selbst als Opfer und Verlierer der Geschichte. Bis vor kurzem pflegte man das Deutschtum, als ob es dessen nationalistische Pervertierung nie gegeben hätte.
Auch Eginald Schlattner, 1933 in Arad geboren, aufgewachsen in Fogarasch am Fuss der Karpaten, heute Pfarrer in Rosia (Rothberg), könnte von der Demütigung durch den rumänischen Staatsterror erzählen: 1957 wurde er verhaftet und 1959 wegen «Nichtanzeige von Hochverrat» verurteilt, später musste er sich als Tagelöhner durchschlagen. Sein Débutroman freilich verweigert sich der Litanei posttotalitärer Leere ebenso, wie er der Versuchung widersteht, ein Totalgemälde siebenbürgischer Existenz durch die Jahrhunderte zu zeichnen. Unverkennbar ist «Der geköpfte Hahn» erfüllt vom epischen Atem des 19. Jahrhunderts, doch lässt Schlattner eine Familiensaga zur finalen historischen Momentaufnahme gerinnen: Eine gelebte Utopie geht im Sommer 1944 zu Ende. Die multikulturelle Welt Siebenbürgens, dieses prekäre Gleichgewicht zwischen den Ethnien, Religionen und Ständen, wird es so nicht mehr geben.
Schlattners Roman ist angelegt als heiter-melancholisches Gruppenbild mit Pubertierenden. Im Haus des 16jährigen Ich-Erzählers soll «Exitus», das Abschlussfest der Quarta der Deutschen Schule von Fogarasch, gefeiert werden Gelegenheit, die Familie samt Bediensteten auftreten sowie Episoden aus der Schulzeit Revue passieren zu lassen. Der ewige Augenblick des Abschieds von der Kindheit ist ins Zwielicht ideologischer Verblendung und des herannahenden Krieges getaucht. Längst grassieren Fanatismus und Gewalt, und auch das Gift des Rassendünkels ist tief ins glaubensgestärkte und bildungsgesättigte Bewusstsein der deutschen Gemeinschaft eingedrungen. Noch einmal herrscht eine Art Auszeit: Bei Tee und Tanz kreuzen sich ein letztes Mal die Wege von Freund und Feind. Jugendlich verwirrte Gefühle drängen nach Klärung; am Ende des Tags, als die russischen Bomben zu fallen beginnen, werden sich Liebe und Hass in Abgeklärtheit verwandelt haben.
Die weit verzweigte Familie des Ich-Erzählers ist ein Hort skurriler Ungleichzeitigkeit. Da ist der Grossvater, der ganz im Paradies seiner k. u. k. Offiziersvergangenheit lebt, da der Vater, ein «Herr», der mit Juden verkehrt, als diese längst zu Freiwild geworden sind, und später, während die anderen sich in Totschweigen hüllen, einem gar zur Flucht verhilft. Da ist die ungarischstämmige Mutter, da der Bruder Engelbert, ein Rationalist, der beweist, dass jeder Mensch, selbst der Führer, jüdische Vorfahren haben müsse, da der «Erichonkel», ein verklemmter Frauenheld. Da sind die Hitler treuen Tanten, die bei jeder Gelegenheit den Katechismus des deutschen Übermenschentums herunterbeten. Und da die ungarischen und rumänischen Bediensteten wie die «glückliche deutsche Kriegswitwe» Brunhilde Sarközi, die ihre exemplarische Oberweite (ein «Rosa von arischer Tönung, angesiedelt im Feld der nordischen Brüste nach dem Farbkatalog von Paul Schultze-Naumburg») kaum verhüllt zur Schau trägt.
Was als ätzende Satire gegen das wild gewordene braune Spiessertum anhebt, wird zunehmend in der Ambivalenz des jugendlichen Bewusstseins still gestellt. Linientreu gibt sich der namenlos bleibende Ich-Erzähler. «Gott bewahre», er glaubt an den Endsieg unter dem Vorbehalt allerdings, dass die Russen vielleicht trotzdem kommen. Auf die Konfirmation hat er verzichtet, weil man nicht beides kann: «dem Führer Gefolgschaft schwören und Jesus Christus die Nachfolge geloben». An einem paramilitärischen Kurs in Kronstadt ist ihm das wahre Leben als Kampfspiel aufgegangen: «Mein Ich zerfloss in der Gemeinschaft, die einen trug und schätzte. Der einzelne war nichts, das Volk war alles. Alles war leicht, weil handgreiflich und eindeutig. Jeglicher Zweifel und Zwiespalt erlosch. Ich versank in einem Meer von Glückseligkeit und spürte: der Mensch ist nicht zur Freiheit geboren.»
Umgekehrt will sich der Erzähler als Hordenführer durchaus nicht bewähren, denn «befehlen ist schwerer als gehorchen». Von seinem besten Freund muss er sich blossstellen, ja absetzen und gar die Freundin ausspannen lassen. Zudem muss er erfahren, dass dieser einen versteckten Juden anzeigen würde ein Schock, denn Juden ist er wohlgesinnt. Weder hat er den Plan seines Vaters verraten noch den Umgang mit der von der Schule verbannten jüdischen Mitschülerin eingestellt. Spätestens, als er dafür öffentlich bestraft wird, kündigt er seine naive ideologische Gefolgschaft auf. Orchestriert von Gesprächen mit dem Dorf-«Propheten» und dem Pfarrer, setzt ein Bewusstwerdungsprozess ein, der in den Entschluss mündet, fortan nur noch Beobachter zu sein.
Falsche Gemütlichkeit
Diese ausufernden Dialoge bilden die massgebliche Schwäche von Schlattners Initiationsroman, kommen sie doch über Betuliches und Plattes kaum hinaus, nach der Art: «Was einem weh tut, merkt man sich fürs Leben.» Breit und ohne Scheu vor Wiederholungen werden die Bibel und Thomas Mann zitiert, doch die Dichte und die Dynamik der «Zauberberg»-Gespräche wollen sich nicht einstellen. Selten nur stören einzelne Sätze die um sich greifende falsche Gemütlichkeit auf und enthüllen die Dämonie dieser todbringenden Zeit («die Juden sterben, aber sie werden nicht mehr begraben»). Hinzu kommt eine Tendenz, aus der psychologischen Darstellung herauszuspringen und den Helden in ein Theorieverhältnis zu sich selbst zu setzen. Insgesamt fehlt es der sprachlich solid gearbeiteten Handlung an einem konzisen intellektuellen Überbau. Symptomatisch steht dafür der «geköpfte Hahn», das Leitmotiv, das immer wieder neu aufgeschlüsselt wird (Gefahr, Tod, Sexualität, Verrat) und am Ende alles und nichts bedeutet.
Mit grossem Gewinn liest sich Schlattners Roman als Hommage an eine unerkannte europäische Landschaft, als Pubertätsstudie und Milieuschilderung. An Szenerien und Charakteren bewährt sich nicht nur eine feine Beobachtungsgabe, hier entfaltet sich jene elegische Ironie, in der das alte Siebenbürgen als verlorener «geometrischer Ort der Gleichheit» am adäquatesten aufgehoben erscheint. Der Verfasser redet weder einer rückwärtsgewandten Utopie das Wort, noch betreibt er eine eindimensionale historische Abrechnung. Und hat das Buch doch einen Clou, dann diesen: dass aller Unmenschlichkeit die Faszination des Todes zugrunde liegt. «Exitus letalis»: Was den einen Triumph, ist den anderen Agonie. So betrachtet, ist Siebenbürgen überall.
Andreas Breitenstein -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Dieser Satz des Onkel Robert aus Kronstadt, der wie wir nach Aussage der beiden Tanten ja wissen, doppelt so gescheit ist wie der Großvater, hätte sich der Autor im ersten Drittel seines Buches etwas mehr zu Herzen nehmen sollen.
200 Seiten lang werden querbeet wichtige und unwichtige Personen mit all ihren kleinen und großen Macken eingeführt. Da eine halbwegs chronologische Abfolge außer Acht gelassen wird, verliert man schnell den Durchblick und alles wird schwer verständlich.
Plötzlich wird dann alles klarer, und es wird richtig interessant. Der Ich-Erzähler beschreibt sich als Halbwüchsigen, der zunächst von den Idealen der Nazis beeindruckt ist, sogar den Mitläuferstatus verlässt und sich für leitende Aufgaben in der Deutschen Jugend empfiehlt. Dann aber wieder das Interesse daran verliert.
In seiner Umgebung gibt es Juden und Zigeuner, die gemieden werden. Es gibt den Freund Hans Adolf und den Onkel Erich, die Parade-Nazis sind, und es gibt den ganzen Rest von Personen, die scheinbar vollkommen unpolitisch sind, weder opportun noch oppositionell.
Zwischen dem Erleben und dem Niederschreiben hat der Autor 50 Jahre vergehen lassen. Zunächst drängt sich der Verdacht auf, es seien einige schreckliche Realitäten dieser Zeit vergessen gegangen. Doch nach und nach wird alles sehr glaubhaft. Beeindruckend ist die Courage, die zunächst vom Erzähler und später von Arnold aufgebracht wird, um sich immer wieder vor Judith zu stellen.
Das Bemerkenswerteste ist, dass einige Verblendete in diesem Buch bekehrt werden können. Dies geschieht nicht mit der Gewalt einer stärkeren politischen Opposition, sondern rein mit dem vorgelebten guten Anstand der restlichen Personen. Der Vater hört bei den Spaziergängen mit seinen Kindern nie auf, Juden und Zigeuner ebenso zu grüßen wie alle anderen. Auch hatte er nie ein Schild in seinem Geschäft aufgestellt, wo stand, dass Juden als Kunden unerwünscht seien. Die Mutter verhält sich sowieso einwandfrei und auch die Aussagen der Großeltern fördern kein nationalsozialistisches Gedankengut. So kommt es, dass sich der Erzähler nach und nach von den Heimabenden der DJ zurückzieht, ohne dass er es je verboten bekommen hätte. Wie er von seiner Familie beeinflusst wurde umzudenken, ist wohl der Freund Hans Adolf am Ende durch die anderen Kinder so stark beeindruckt, dass er von seiner Begeisterung für den Nationalsozialismus ablässt.
Auch wenn Fogarasch am Ende der Welt liegt und es in Kronstadt oder Hermannstadt wahrscheinlich schon wieder ganz anders aussah, macht es Freude zu lesen, dass es auf der hoffnungslos braunen Landkarte dieser Zeit wenigstens noch einige weiße Flecken gab.
Zum Schluss bleibt noch zu bemerken, dass der Autor eine Vielzahl von Worten verwendet, die im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr üblich sind. Wer alles gut verstehen will, muss ein gutes Wörterbuch zu Hilfe nehmen. Viele Zitate und Aussprüche sind in rumänisch wiedergegeben und werden nicht übersetzt. Man sollte sich für die Zeit des Lesens ein rumänisch-deutsches Wörterbuch aus einer Leihbücherei besorgen. Und wer sich dann noch für die vielen kleinen Krankheiten des Großvaters, der beiden Tanten und der jüngeren Geschwister interessiert, sollte dort noch ein medizinisches Handbuch mitnehmen.
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