Der Lukhang-Tempel, aus dem die von unbekannten Künstlern im 17. Jahrhundert gefertigten Wandgemälde stammen, befindet sich auf einer Insel in unmittelbarer Nähe des Potala-Palastes in Lhasa, dem früheren Sitz der Dalai Lamas, .
In dem großformatigen und prachtvoll gestalteten Band >Der geheime Tempel von Tibet< werden diese Wandgemälde einer großen Öffentlichkeit zugänglich gemacht, übrigens mit der ausdrücklichen Zustimmung des 14. Dalai Lama, der diese Wandbilder auch erstmals durch die Fotos von Thomas Laird zu sehen bekam; eine Reihe von Kommentaren und Erklärungen zu den Abbildungen im Buch stammen von ihm.
Die Zustimmung des Dalai Lamas wie auch die Unterstützung durch tibetische Lamas ist von dem Wunsch geprägt, dass all jene, die sich auf diese visionären Bildwerke einlassen, diese als lebendige Symbole der inneren tantrischen Tradition Tibets betrachten mögen.
Die Lukhang-Wandgemälde illustrieren den >geheimen< Pfad der buddhistischen Tantras, mittels derer der Schleier der Verblendung in „einer einzigen Lebensspanne oder gar in nur wenigen Jahren" zerrissen werden kann. Dazu - und somit zum Wesen des Tantra - erklärt der Dalai Lama:
„In frühen buddhistischen Schulen wurde gelehrt, man habe sich der Begierden zu enthalten, da sie den Geist vergifteten. Der Lehre des späteren Mahayana geht es nicht darum, diesem Gegengift aus dem Weg zu gehen, sondern ihm ein wirksames Gegengift entgegenzusetzen. Im Tantra schließlich wird die Begierde als ein wirksame Energie betrachtet, die genutzt wird für den Pfad der Erleuchtung. Vergleichen Sie die Pfauen im Dschungel, die sich von giftigen Pflanzen ernähren und diese gleichsam symbolisch in die leuchtenden Federn ihres Schwanzschmucks verwandeln."
Nach einer umfassenden Einführung, die auch die Historie der Dalai Lamas sowie Ausführungen zum Wesen der buddhistischen Kunst umfasst, schließen sich die exakten Beschreibungen der drei Bildwände ( Nord, West, Ost ) an. Interpretationen, ergänzende Anmerkungen und Übersetzungen der Inschriften sind in die Kapitel integriert. Da die Seitenzahlen gerade auf und zwischen den Bildseiten oft fehlen, ist für die Orientierung auf Grund der Beschreibungen im Text manchmal Geduld bzw. das Mitzählen der Seiten gefragt.
Das mit >Ozean der Weisheit< überschriebene Schlußkapitel des Buches bietet eine Auswahl von Zitaten aus den Schriften der Dalai Lamas, die vom 14. Jahrhundert bis heute regierten. Die Kapitelüberschrift >Ozean der Weisheit< entstammt übrigens der ursprünglich mongolischen Übersetzung des Titels Dalai Lamas, die vollständige Übersetzung lautet: „Lehrer, dessen Weisheit so groß wie der Ozean ist".
Fazit: Eine ästhetische wie spirituelle Kostbarkeit, deren Erwerb mit Sicherheit nicht für jeder Manns und jeder Frau Geldbeutel möglich ist, aber die Nutzung muss andererseits ja nicht an den eigenen Besitz geknüpft sein.
Dem im Vorwort von Ian Baker formulierten Wunsch, dass >Der geheime Tempel von Tibet< anregen soll zur Kontemplation und „mit Hilfe seiner eindringlichen Bilder neuartige Wege zu Bewusstheit und intuitiver Erkenntnis eröffnen" will, möchte ich mich anschließen und zugleich bestätigen, dass dieses Buch sowohl inhaltlich wie auch in seiner Form die besten Voraussetzungen hierfür erfüllt. Eine umfangreiche Bibliographie und ein vier Seiten umfassendes Glossar runden den positiven Gesamteindruck ab.