1 DIE BERUFUNG In einer Nacht des Jahres 1960 kam es auf einem heiligen Berg in China, fern vom Getriebe der Welt, zu einem bedeutsamen Ereignis in der Geschichte der chinesischen esoterischen Traditionen. In jener wolkenlosen Sommernacht strahlte der Mond hell am Himmel, und eine frische Brise wehte vom Meer herauf. In tiefe Meditation versunken, saßen dort drei alte Männer, einsame Erben eines altehrwürdigen Wissens, vor ihrer verborgenen Höhle in den Laoshan-Bergen in der Provinz Shandong am Gelben Meer. Der Laoshan ist außerhalb Chinas nur wenigen bekannt. Für die Einheimischen liegt dort die Quelle eines besonders guten Wassers; Eingeweihte und Pilger verehren ihn als einen der heiligen Berge des Daoismus, der ursprünglichen Weisheitstradition Chinas und eine der ältesten Wissenschaften der Welt. Der Laoshan ist auf zwei Seiten - im Osten und Süden - vom Gelben Meer umgeben; steil und erhaben scheinen die Berge direkt vom Meeresgrund aufzuragen. Das Gebirge ist von gewaltigen Steinblöcken und riesigen Felsen übersät, und eine Fülle von Pflanzen- und Baumsorten wächst dort. Zu seinen Füßen tosen die Wogen des Pazifischen Ozeans, seine Hüften werden von weißen Wolken gegürtet. Wer dort an einem Berghang sitzend bei Sonnenaufgang auf die See schaut, empfindet ein überwältigendes Gefühl überirdischer Transzendenz. Deshalb war der Laoshan für daoistische Adepten von alters her ein hochgeschätzter Ort, an dem sie nach Verwirklichung streben und ihre wahre Natur entwickeln konnten. Über Jahrhunderte hinweg haben viele berühmte daoistische Meister in jenen Bergen ihr geheimes Wissen kultiviert. Im Lauf der Zeit wurden dort zahlreiche daoistische Tempel und Klöster errichtet, und in den Tiefen der Berge gibt es viele verborgene Höhlen, von dichtem Blattwerk und Kletterpflanzen verdeckt, von außen kaum zugänglich und nur wenigen Eingeweihten bekannt. Die drei alten Männer, die in jener Mondnacht dort auf dem Berg saßen, waren Meister der Drachentor-Schule - der daoistischen Schule der Vollkommenen Wirklichkeit - und Träger von legendären Geheimnissen und Künsten. Zhang Hodao, der ›Weggefährte der Unendlichkeit‹, war der Linienhalter der Drachentor-Schule in der sechzehnten Generation. Damals war er zweiundachtzig Jahre alt; am Ende der Qing-Dynastie war er oberster Hofarzt am Kaiserhof in Peking gewesen. Sein volkstümlicher Name lautete daher ›Unglaublicher Doktor‹. Wang Jiaoming, der ›Weggefährte der Reinen Heiterkeit‹, war als Schüler von Großmeister Zhang Hodao Linienhalter der Drachentor-Schule in der siebzehnten Generation und zu jener Zeit zweiundsiebzig Jahre alt. Als ehemaliger Offizier an der Huangbu-Militärakademie war er ein großer Kampfkunstexperte. Da er auch den Abakus, das chinesische Rechenbrett, meisterhaft beherrschte, wurde er ›Unglaublicher Rechenmeister‹ genannt. Gu Jiaoyi, der ›Weggefährte der Reinen Leere‹, war ebenfalls Schüler von Zhang Hodao und zusammen mit Wang Jiaoming Linienhalter der Drachentor-Schule in der siebzehnten Generation. Damals war er siebzig. Er beherrschte eine einzigartige Akupunkturmethode, mit der er Krankheiten heilen konnte, ohne Nadeln in den Körper des Patienten zu stechen. Deshalb wurde er von den Leuten ›Unendlicher Akupunkteur‹ genannt. Während des vorausgegangenen Jahres waren die drei Dao-Meister in geheime Beratungen über eine äußerst wichtige Angelegenheit, die nicht nur sie, sondern China und die ganze Welt betraf, vertieft gewesen. Angesichts ihres fortgeschrittenen Alters war es an der Zeit, einen geeigneten Nachfolger zu finden, einen jungen Menschen, der das Wissen zu empfangen vermochte, das ihn zum Linienhalter der Drachentor-Schule in der achtzehnten Generation machen würde. Die daoistische Schule der Vollkommenen Wirklichkeit entstand vor über achthundert Jahren, als Nordchina, das alte Kernland und kulturelle Zentrum des chinesischen Volkes, von den Armeen der mongolischen Steppenkrieger überrannt wurde. In diesen schweren Zeiten fiel dieser Schule die Aufgabe zu, nicht nur die esoterischen Lehren des Daoismus, sondern auch die inneren Lehren des Buddhismus und des Konfuzianismus vor der Vergessenheit zu bewahren. Die Daoisten der Schule der Vollkommenen Wirklichkeit betrachten fünf Männer als ihre ›Fünf Nördlichen Patriarchen‹: Wang Xuanbu, Zhongli Quan, Lü Dongbin, Liu Haizhan und Wang Chongyang. Außerdem sind sieben herausragende Schüler von Meister Wang Chongyang als die ›Sieben Erleuchteten des Nordens‹ bekannt. Zu diesen Sieben gehört auch Qiu Chuji, eher bekannt als Changchun, der ›Wahre Mensch des Ewigen Frühlings‹, der eigentliche Begründer der Drachentor-Schule. Das Ansehen dieses Meisters war so überragend, dass der Mongolenherrscher Dschingis Khan ihn an seinen Hof berief und zum religiösen Oberhaupt Chinas ernannte. Bis auf den heutigen Tag hütet die Drachentor-Schule zahllose Geheimnisse, die für moderne Chinesen und die Menschen des Westens unvorstellbar und unergründlich sind. Die Kraft dieser esoterischen Lehren ist gewaltig, und die drei alten Meister der sechzehnten und siebzehnten Generation verbrachten endlose Stunden in tiefer Kontemplation, um einen geeigneten Erben für ihr Wissen zu finden. Zum überlieferten Wissensschatz der Drachentor-Schule gehört ein ganz besonderes Orakelbuch mit symbolischen Mustern, das unter dem Titel Tabellen der Abbildung des Rückens bekannt ist. Ursprünglich wurde es benutzt, um gesellschaftliche Tendenzen zu analysieren und Ereignisse vorherzusagen; der Inhalt dieses Werks wurde jedoch vor über sechshundert Jahren auf kaiserlichen Geheimbefehl hin mutwillig verstümmelt und entstellt, als Teil einer umfassenden Kampagne mit dem Ziel, das Volk in Unwissenheit und Leibeigenschaft zu halten. Durch glückliche Umstände wurde die ursprüngliche Integrität dieses Werks innerhalb der Drachentor-Schule bewahrt. Wie sich herausstellen sollte, war der gesuchte neue Linienhalter ein Junge namens Wang Liping, der 1960 elf Jahre alt war. Wer ihn schon als Kind kannte, kann sich daran erinnern, dass er sich schon immer irgendwie von seinen Altersgenossen unterschied. Er konnte zum Beispiel verlegte Sachen im Haus immer schnell aufspüren und seine Spielkameraden beim Versteckspiel unweigerlich finden, ganz gleich, wie gut sie sich versteckt hatten. Wang Liping wurde in einer großen Stadt in Nordostchina geboren und zog später mit seinen Eltern in eine befestigte alte Stadt in der Nähe des bekannten Changbaishan, des ›Ewigweißen Berges‹, um. Wegen des ›schwarzen Goldes‹, das unter der Stadt in der Erde ruht, heißt diese Stadt auch ›Kohlestadt‹, und aus diesem Grund hat sie sich im 20. Jahrhundert gut entwickelt. In dieser neuen Stadt mit ihren alten Mauern hat Wang Liping den größten Teil seines Lebens verbracht. Die Familie Wang war in dieser Gegend einst ein bedeutender Clan, dessen Vorfahren sich in vielen Situationen ausgezeichnet hatten. Zur Zeit von Wang Lipings Vater hatte die Familie viel von ihrer einstigen Stellung verloren, aber der Vater schaffte es dennoch, eine Industriehochschule zu absolvieren, was damals keine Kleinigkeit war. Mutter Wang war eine gutherzige, liebenswürdige Frau, die vier Söhnen und zwei Töchtern das Leben schenkte - alle gesund und kräftig, außer ihrem schmächtig und schwächlich geratenen zweiten Sohn Liping. Als dieser ein Jahr alt war, kam es zu einem Brand im Haus der Familie, bei dem der kleine Liping eine Brandwunde am Kopf davontrug. Obwohl diese Wunde gut verheilt war, litt er als Kind ständig an Kopfschmerzen und an Augenbeschwerden. Zum Leidwesen seiner Mutter konnte keiner der konsultierten Ärzte dem Jungen wirklich helfen. Die Familie Wang hatte viele Kinder, obwohl das Leben im China der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre alles andere als einfach war. Von früher Kindheit an war der kleine Liping freundlich und folgsam, ordentlich und respektvoll, und von Natur aus ein guter Beschützer für seine jüngeren Geschwister. Aber auch zu seinen Freunden und Spielkameraden aus der Nachbarschaft verhielt...