Im Jahre 1064 sitzt der todkranke und kinderlose Edward (der Bekenner) auf dem englischen Thron. Während seine Ehefrau Edith, Tochter des mächtigen Earls Godwin bemüht ist Allianzen zu schmieden, um ihrem Neffen Edgar Aethling dem letzten Spross des sächsischen Königsgeschlecht die Krone zu sichern, verfolgen ihre Brüder Harald und Tostig Godwinson eigene Pläne. Auch der norwegische König Harald Hadrada und der Herzog der Normandie, Wilhelm, Ansprüche auf den englischen Thron und rüsten für eine Invasion.
Die Stickerin Leofgyth erlernt unter Anleitung des Mönchs Odericus lesen und schreiben. Sie beginnt mit der Führung ihres Tagebuches und wird zusammen mit ihrem Lehrer als Erste Stickerin der Königin Edith von dieser mit der Schaffung einer bildlichen (gestickten) Chronik beauftragt...
939 Jahre später (2003) lehrt Madeleine d' Eglise, Tochter eines Franzosen und einer Engländerin, als Dozentin für Geschichte an der Universität Caen. Nach dem Tod ihrer Mutter Lydia, die ebenfalls Historikerin gewesen war, gelangt Madeleine in den Besitz des Tagebuches der mittelalterlichen Stickerin. Bei der Übersetzung von Leofgyth's Aufzeichnungen, die mit einem Pendeln zwischen Caen und Canterbury einhergehen, kommt Madeleine nicht nur hinter das Geheimnis des berühmten Wandteppichs von Bayeux, sondern auch auf das ihrer Familie....
Kylie Fitzpatrick ist es mit ihrem Erstlingswerk gelungen die Handlungen dreier Zeitebenen (zu Mittelalter und heutigen Zeit kommt noch das 16. Jahrhundert mit der Auflösung der englischen Klöster durch Heinrich VIII hinzu) mit einem durchgehenden Faden zu verknüpfen. Die historischen, vor allem die mittelalterlichen Passagen erfreuen sich einer außerordentlichen Detailfreude in Hinblick auf Dynastien, verwandtschaftliche Verhältnisse und Intrigen der Herrscherhäuser. Bei den Ereignissen um die Geschichtsdozentin Madeleine nimmt die Beschreibung ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen, insbesondere der damit verbundenen Konflikte einen breiten Raum ein. Durch alle Zeitebenen ist ein Antagonismus zwischen Römisch-katholischer (männlicher) Kirche gegenüber alter Religion mit der Frau als Priesterin und Eingeweihte (weise Frau) festzustellen.
Trotz eines kleinen Fehlers (Wales war kein Königreich, sondern bestand aus mehreren Fürstentümern) und der für das Mittelalter verfrühten, anachronistischen Verwendung der Worte "Rebell" und "Tee", die erst im 16., bzw. 17. Jahrhundert entstehen sollten, sowie einer schriftstellerischen Wunschvorstellung entsprungenen "Tagebuch schreibenden Stickerin", kann der Roman durchaus mit dem Prädikat historisch versehen werden. Seine historischen Passagen können sich nicht nur mit den Romanen Rebecca Gablé`s messen, sie sind diesbezüglich sogar noch gehaltvoller. Der Roman ist allen Lesern zu empfehlen, die an mittelalterlicher Geschichte interessiert sind und denen eine Abhandlung desselben Themas im Stil von "Der letzte Englische König" von Julian Rathbone zu drastisch und brutal ist. Titel und Buchcover von "Der geheime Faden", die an die im Buch ebenfalls erwähnten Schicksalfäden der drei (!) germanischen Nornen (Urd-Vergangenheit/Werdani-Gegenwart/Skuld-Zukunft) erinnern lassen, sind durchdacht, treffend und ansprechend. Alles zusammen genommen ergibt dies 4 Amazonsterne.