Verpackt als Kriminalroman, intelligent, schlüssig, voller Spannung und überraschender Wendungen, schildert uns der Autor die Zustände im heutigen Tibet. Und obwohl der Roman eine Fiktion ist, tut er das genauer und einfühlsamer, als all die Sachbuch-Autoren, die seit geraumer Zeit auf der Tibet-Welle schwimmen. Der Text atmet geradezu die Atmosphäre in Tibet, das ich selbst in den 80ern ausgiebig bereist hatte: Die Straßen, Fahrzeuge, die Hotels, die Büros der chinesischen Verwaltung, die Läden, die Märkte, die Klöster, ich konnte das alles förmlich wieder riechen und schmecken. Der Roman machte meine Erinnerungen wieder lebendig, und bestätigte sie - leider: Das bunte, eben doch brutal bis zum Rand des Genozids unterdrückte und (nicht selten im Interesse westlicher Firmen) ausgebeutete Volk der Tibeter, das weit weniger esoterisch-vergeistigt und dafür sehr viel mehr traditionsverhaftet, pragmatisch, praktisch und vielfach so garnicht heilig ist, als das Klischee es will. Die mitunter nicht weniger unter ihrer Situation dort leidenden und die Tibeter in der Regel als minderwertig verachtenden Chinesen - aber auch genug, die das nicht tun. Die wenigen Gewinner des Spiels - sowohl Chinesen als auch Tibeter. Die komplizierte und undurchsichtige Situation und Stimmung in den wenigen noch bewohnten Kloster-Ruinen. Und die katastrophale Auswirkung des West-Tourismus auf die tibetische Kultur - hier im Roman eher symbolisch dargestellt, verstärkt durch das obendrein fast immer unsensible, ignorante und nicht selten auch arrogante Auftreten der meisten Westler - seien es nun Touristen oder Profis. Das alles ist eingefangen in diesem Buch.
Als wohltuend emfinde ich, daß der Autor der Realität gerecht wird indem er eben gerade keine schwarz/weiß-Malerei (a la "die guten Tibeter gegen die bösen Chinesen") betreibt: Der positive Held des Romans ist kein Tibeter, sondern ein Chinese. Und der Bösewicht ein - nein, das wird hier nicht verraten.