Zwei Brüder. Der eine hat sich in die raue Einsamkeit jener irischen Insel zurückgezogen, auf der die Brüder einst aufwuchsen. Er entdeckt dort mit seinem computerwissenschaftlichen Ehrgeiz in Karten des Himalaja einen vermutlich weißen Fleck. Er lockt seinen auf den Weltmeeren fahrenden Bruder in das Abenteuer, diesen unbestiegenen Berg gemeinsam zu erobern.
Sie bereiten sich in den wilden Klippen ihrer Insel über dem tosenden Atlantik in Kletter- und Überlebenstechnik vor. So, wie es ihnen in der Jugend mit fast militärischem Drill schon einmal beigebracht wurde vom Vater, einem kompromisslosen, harten, auf Männlichkeitswerte getrimmten Mann.
Auf dem monatelangen Anmarsch durch ein chinesisch besetztes Tibet zum geheimen Ziel ihres ehrgeizigen Traumes, werden die ungleichen Brüder ihre grundverschiedenen Charaktere und ihre andersartige Motivation, bis hin zur angedachten Trennung, gegenseitig erfahren. Aber erst in der Ausgesetztheit gegenüber einer gnadenlosen Natur und in Konfrontation mit dem weißen Tod erkennt der Icherzähler die Ambivalenz seines Bruders zwischen kaltherzigem, schroffem Ehrgeiz und letzter Opferbereitschaft. Der Bruder stirbt, der Erzähler überlebt und wird die Erfüllung seines Lebens in der Liebe zu einer jungen Nomadin der Hochregion suchen.
Die Erzählung beginnt mit den Worten: Ich starb / 6840 Meter über dem Meeresspiegel / am vierten Mai im Jahr des Pferdes. Sie beschreibt einen Weg in den Tod und zurück ins Leben.
Dieser Weg ist auch eine Expedition ins Innenleben des Protagonisten; in seine Auseinandersetzung mit dem Bruder, die seine psychische und physische Kraft bis an die Grenzen auslotet, eine Auseinandersetzung und auch eine Abnabelung von der Dominanz des Vaters, der den Respekt der Söhne genoss aber auch die Familie zerstörte. Positive Erinnerungen an die Geborgenheit bei der geliebten Mutter stehen in Zusammenhang mit einer sich höchst zurückhaltend und zart entwickelnden Liebe zu der Nomadin. Es erwächst die Sehnsucht nach einem Herd, und würde dieser selbst im Himalaja stehen.
Man findet in dieser Erzählung nicht nur Einblicke in eine entlegene Bergwelt jenseits heutiger Kommerzialisierung, in die Folgen chinesischer Okkupationspolitik im Himalaja, in das Leben der Nomaden und die Mythen von den fliegenden Bergen. Man wird auch wunderbaren Naturschauspielen der Hochregionen ausgesetzt: den Wetterfronten, Nebelmauern, jagenden Eisfahnen aber auch dem elementaren Kampf ums Überleben. Der langsame Abschied des Protagonisten von der Erlebniswelt der Jugend, vom Vermächtnis des Bruders und von seinem eigenen bisherigen Leben und der Aufbruch in die neue Welt der Liebe ist poetisch wunderbar treffend abgebildet.
Stilistisch bemerkenswert ist der linksbündige Flattersatz, in dem der Druck gesetzt ist. Die ersten Seiten wirken etwas befremdlich aber bald spürt man die lesegerechte Form dieser nicht in die Endloszeilen des üblichen Blocksatzes gezwängten Sätze. Der Sprachfluss der kraftvollen Prosa wird unterstrichen und man bekommt Zeit, dem Nachklang der Zeilen zu lauschen und dem Atemrhythmus zu folgen wie man das auch beim Gehen in den Bergen tut. Ein erlebnisreiches Buch mit sanfter Melancholie.