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Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert. [Taschenbuch]

Barbara Tuchman
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (12 Kundenrezensionen)

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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Der Spiegel

Finten und Fanale
Wer sich als Helden seines Buches ausgerechnet einen ge¬wissen Enguerrand de Coucy VII. aussucht, sollte schon einen guten Grund dafür haben. Und wer seinen Lesern dann fast 700 Seiten lang das Leben dieses spätmittelalterlichen Provinzfürsten aus der Picardie erzählt, von dem es noch nicht einmal ein Bildnis gibt, muss seiner Sache schon ziemlich sicher sein.

Für Barbara Tuchman (1912 bis 1989) galt beides: Die Tochter eines Privatbankiers hatte sich in jungen Jahren als Reporterin einen Namen gemacht, den Spanischen Bürgerkrieg aus der Nähe miterlebt und später als Korrespondentin in London gearbeitet. Das Handwerk des Erzählens beherrschte sie seit langem, vor allem seine Grundregel: Menschen und ihre Alltagswirklichkeit sind in der Regel faszinierender als Thesen und Theorien.

Verheiratet mit einem Arzt und Mutter dreier Töchter, hatte die promovierte Nicht-Professorin schon mehrere Geschichtswerke geschrieben, als ihr 1962 der erste Welterfolg gelang: Sie erzählte von Europas Absturz in den Ersten Weltkrieg so, als lebe sie, ohne Kenntnis der späteren Ereignisse, im Jahr 1914. Das Buch „The Guns of August“ wurde in den USA sofort ein Bestseller, seine Autorin mit dem renommierten Pulitzer Preis geehrt.

16 Jahre und einige Bücher später begann sie sich für die Folgen der Pest im späten Mittelalter zu interessieren. Wieder fand sie mit demselben Gespür für nachfühlbare Nähe den idealen schriftstellerischen Zugang: eine Hauptfigur, die, sieht man von der nördlichen Hälfte des Heiligen Römischen Reiches einmal ab, fast alle bedeutenden Schauplätze der damaligen Welt des 14. Jahrhunderts kennenlernt – und über die man trotz des fehlenden Porträts genügend weiß, um eine fesselnde Geschichte zu erzählen.

Enguerrand VII. (1340 bis 1397) ist nicht nur der letzte Spross einer Dynastie, die über Generationen aus dem Dasein anrüchiger Warlords im Norden von Paris zu hochgeehrten Lehensmännern der französischen Könige aufgestiegen war. Er ist ein echter Ritter, der mit 15 Jahren das erste Mal ins Feld zieht, ja ein Weltmann, der den Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich am eigenen Leibe erlebt: Sein Vater fällt in der Schlacht von Crécy 1346, und Coucy verbringt später als offizielle Geisel fünf Jahre in England; kurz vor seiner Rückkehr heiratet er Isabella, die ziemlich ver¬schwenderische älteste Tochter des englischen Königs Edward III.

Rasch berühmt für seine strategischen Fähigkeiten, dient Coucy dann nicht nur auf etlichen Waffengängen seines Herrschers bis nach Nordafrika, er zieht auch auf eigene Rechnung gegen Österreich und das norditalienische Fürstenhaus der Visconti zu Felde. Ver¬glichen mit anderen seines Standes, darf man ihn einen Intellek¬tuellen nennen: So trifft er auch einmal Geoffrey Chaucer, Englands größten Dichter vor Shakespeare.

Meist aber hat der Tatmensch Coucy mit den Widrigkeiten seiner Zeit zu kämpfen. Er muss erleben, wie Pestwellen das Land veröden lassen und religiöse Hysterie hervorrufen. Ursprünglich Grundherr beiderseits des Kanals und ein Anwalt der Verständigung, wird er durch den Dauerkonflikt zwischen England und Frankreich 1377 zur Entscheidung gezwungen: Er tritt seine Besitzungen auf der Insel ab, verlässt den ehrwürdigen Kreis der Ritter des Hosenbandordens und trennt sich sogar von seiner Frau, die nach England zurückkehrt.

Ein Papst in Rom, sein Gegenpapst in Avignon, auf Frankreichs Thron ein König mit Wahnsinnsanfällen, im Osten der nahezu unaufhaltsame Vormarsch der Osmanen – je älter Coucy wird, desto bedrohlicher mehren sich apokalyptische Unheilszeichen. Als Teilnehmer an einem gesamteuropäischen Feldzug gegen die Türken, der mit einem militärischen Fiasko endet, das Coucy nicht zu verantworten hat, gerät er 1396 in Gefangenschaft des Sultans und stirbt wenige Monate später im kleinasiatischen Bursa.

Schon diese wechselvolle Lebensgeschichte könnte einen dicken Band füllen. Doch Barbara Tuchman geht es um mehr. Immer wieder gönnt sie sich – und das ist wohl der Kern ihres Erfolgsrezepts – Abschweifungen, in denen alle Aspekte des spätmittelalterlichen Daseins virtuos ausgeleuchtet werden.

Wie etwa muss man sich das gewöhnliche Leben in Paris um diese Zeit vorstellen? Wandkamine waren der Luxus des Mittelstands, die Fußböden „wurden im Sommer mit duftenden Kräutern bestreut und im Winter mit Stroh, das in reichen Häusern öfter, in den armen nur einmal im Jahr gewechselt wurde. Private Räume gab es nicht, was die Gereiztheit der Menschen gesteigert haben mag. Auch in größeren Häusern schliefen die Gäste mit dem Gastgeber und seiner Frau in einem Raum.“

Mit solch handfesten Informationen ist das Buch gespickt. Hexenwahn, Klosterstiftungen, Bauernaufstände, pompöse Feste und Turniere, die ständige Angst vor den bewaffneten Horden der sogenannten Briganten, Kirchgang und Beichte (viel weniger regelmäßig, als spätere, verklärende Berichte es melden), dazwischen immer wieder verheerende Epidemiewellen: All diese Tatsachen ordnen sich zum Monumentalmosaik einer Zeit, in der die Autorin vielfach nackte „Verantwortungslosigkeit“, ja einen „bösen Geist“ am Werk sieht. „Die Menschen fühlten sich wie Treibgut hin und her geworfen in einer Welt ohne Sinn und Richtung.“

So sehr dies der Grundton bleibt, es ist nicht vergessen, was der Kulturhistoriker Johan Huizinga 1919 in seinem bahnbrechenden Werk vom „Herbst des Mittelalters“ wehmütig bestaunt hatte: Bildung, internationaler Geist und ein geradezu verschwenderisch reiches künstlerisches Leben entschädigten für die Schrecken des Alltags; Jenseitshoffnung und ostentative Daseinsfreude halfen über die Angst vor der Zukunft hinweg. Frauen spielten eine wichtige Rolle – vom Tross¬weib über die Buchautorin bis zur Minnedame. All das erwähnt Barbara Tuchman mit sicherem Blick für farbige Szenen.

Wie ihr Hauptgewährsmann, der große, von Coucy geförderte Chronist Jean Froissart, weiß sie Akteure und Schauplätze filmreif zu überblenden. Hofzeremonien, Verräterei, Papstwahl-Debakel, Diplomatenkünste: Aus der Sicht des weitblickenden Zeitgenossen werden die Finten und Fanale auf dem politischen Parkett, das oft genug ein Schlachtfeld ist, verständlich. Und stets erinnert sich der Leser, dass diese Welt voller Extreme auch ein „ferner Spiegel“ sein könnte für die zerklüftete Gegenwart der Autorin – sei es im Ganzen wohl auch nur durch den vagen Trost, „daß die Menschheit schon Schlimmeres durchlebt hat“.

Keine der unzähligen Informationen in diesem Buch ist erfunden. Barbara Tuchman kennt die Belege und nennt sie: Chroniken und Urkunden, Inschriften und archäologische Funde, aber auch poetische und philosophische Werke hat sie ausgewertet. Gewiss, in vielem ist die Forschung mittlerweile vorangekommen, und die verwinkelte Geistesgeschichte der Epoche kann das Buch nur ein paarmal streifen. Doch als packend erzähltes Gesamtbild bleibt die 700-Seiten-Reportage der lebensklugen Lady aus New York eine gro¬ße Leistung. „Spannende Lektüre“ nach „bester angloamerika¬nischer Historikertradition“ sei das, urteilten die Kritiker beim Erscheinen der deutschen Übersetzung.

Zahllose Nachahmer hat der Bestseller seither gefunden; nicht nur Romanciers wie Umberto Eco, dessen Mönchskrimi „Der Name der Rose“ 1980 den Mittelalter-Boom nutzte und zugleich anheizte, auch Film- und Ausstellungsmacher können weiterhin mit großem Interesse für ein Zeitalter rechnen, das zuvor für die meisten pauschal als „finster“ galt.

Zugegeben: Viele der Schmöker, Filme und Themenparks, die das fortdauernde Interesse am Mittelalter ausbeuten, setzen auf primi¬tiven Spaß und Horrorkitzel ohne viel Wahrheitsgehalt. Dass etwa vor vier Jahren der US-Lehrer Dan Brown eine längst als trübes Gebräu entlarvte Verschwörungsstory über den Templerorden bloß clever verzapfen musste, um den Erfolgsthriller „Sakrileg“ zu fabrizieren, ist ein Warnsignal dafür, wie wenig es manch einem Mittelalter-Vermarkter noch auf historische Fakten ankommt.

Barbara Tuchman, die US-Moralistin mit dem Blick fürs menschliche Detail, kann gegen solch wohlfeile Sensationen geradezu immun machen. Ohne je den Zeigefinger zu heben, erreicht sie mit ihrem einfühlsamen Panorama, wovon selbst große Historiker oft nur träumen konnten: Ein fremdes Zeitalter wenigstens in den Grundlinien so zu schildern, „wie es wirklich gewesen ist“ (Ranke). Den Gewinn an Wissen, mitunter sogar an Weisheit, haben ihre Leser – bis heute.

Nachwort von Johannes Saltzwedel zu Der ferne Spiegel. SPIEGEL-Edition Band 32 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

"Ein Buch, das wohl zu den schönsten der historischen Gattung zählt." (Neue Zürcher Zeitung)

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49 von 51 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Fesselndes Buch mit Fehlern 19. Januar 2003
Format:Taschenbuch
Nein, ein historischer Roman ist dieses mittlerweile klassische Buch natürlich nicht. Das Leben des (echten) letzten Herren de Coucy in der zweiten Hälfte des bewegten 14.Jahrhunderts dient mehr als gliederndes Element und steht nicht im Mittelpunkt. Stattdessen wird die Zeit der großen spätmittelalterlichen Krisen - Krieg, Pest, Schisma - in einem fesselnden, eher journalistischen als wissenschaftlichen Stil dargestellt. Dabei arbeitet die Autorin auch ausführlich mit zeitgenössischen Quellen - und genau da liegt mitunter das Problem, denn mittelalterliche Texte bedürfen einer besonderen Methode der Interpretation: Hier aber werden manchmal offenkundig falsche Angaben unreflektiert als Tatsachen wiedergegeben. Beispielsweise sind manche Quellenpassagen in für die Zeit typischer Weise eher an (zumeist biblischen) Vorbildern als an den Fakten orientiert, doch Tuchman nimmt sie für bare Münze.
Den interessierten Laien wird diese kleine Einschränkung aber gewiß nicht stören, denn alles in allem wird hier Geschichte in bewundernswerter Weise für eine breite Leserschaft interessant gemacht. Wer das Buch am Ende zuschlägt, hat viel gelernt, ohne sich durch ein Fachbuch gekämpft zu haben - auch über den Menschen allgemein, denn so ist der Titel zu verstehen: Wir erkennen uns in den Zeitgenossen einer anderen Epoche wie in einem Spiegel wieder.
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12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
jedenfalls für den, der sich in diesen Schmöker vertiefen kann. Der Autorin gelingt es, die Zeit der Pestkatastrophen und des hundertjährigen Krieges so lebendig werden zu lassen, dass man für einige Stunden der Herrschaft der Gegenwart entfliehen kann. Dabei dient die Lebensgeschichte des Hauptprotagonisten Enguerrand de Coucy VII lediglich als geeigneter Aufhänger, um diese Epoche mit vielen Nuancen und Details - nicht nur das Leben des Adelsstandes und die hohe weltliche und kirchliche Politik - vorführen zu können. Dabei bedient die Autorin sich regelmäßig der Methode der Abschweifung. Da Tuchman eine profunde Kennerin der Materie ist und eher journalistisch denn akademisch schreibt sind es gerade diese "Nebensächlichkeiten", die ihr Werk so lesenswert machen. Gleichzeitig wird wissenschaftlicher Genauigkeitsanspruch erfüllt: der Text ist durchgängig mit Quellen belegt, wobei ich nicht beurteilen kann, ob die Sichtweise der Autorin den aktuellen Erkenntnisstand historischer Forschung wiedergibt - das Buch stammt aus dem Jahr 1978 - oder möglicherweise heute das eine oder andere Detail, die eine oder andere überlieferte Anekdote anders bewertet wird. Dies ist aber auch durchaus von untergeordneter Bedeutung für ein im besten Sinne populärwissenschaftliches Werk.
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30 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
Da Werk der ferne Speiegel der bekannten Historikerin Barbara Tuchman stellt wohl neben August 1914 einen der Höhepunkte ihres historigrahischen Werkes dar.
Anhand der Lebensgeschichte eines französichen Adeligen wird im wesentlichen die Geschichte des "dunklen Zeitalters" des 13 Jahrhunderts dargestellt. Dieses reicht vom 100 jährigen Krieg zwische England und Frankreich über die Geschichte des schwarzen todes der Pest, den Anfängen der Frührenessance in Italien und eines der letzten Kreuzüge.
Das besondere an dem Werk ist, das man sich direkt in die Zeit hinein versetzt fühlt. Ursache hierfür ist im wesentlichen der Sprachstil der Tuchman, die das Werk unglaublich lesbar machen!
Anzumerken ist noch wegen der vorhergehenden Rezensionen, dass hier ein historisches Sachbuch vorliegt! Eines der besten seiner Art jedoch!
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Die neuesten Kundenrezensionen
Genial und spannend
Wer die Atmosphäre des 14. Jahrhundert in Westeuropa spüren will, sollte dieses Buch kaufen. Lesen Sie weiter...
Vor 11 Monaten von mamrani veröffentlicht
Wie spannend doch Geschichte sein kann!
Mit einem ungeheuren Wissen versteht es Barbara Tuchmann, den Leser, ohne einen Dschungel an wissenschaftlichen Ausdrücken, zu informieren. Lesen Sie weiter...
Vor 14 Monaten von Siegfried Rad veröffentlicht
schwer zugänglich
Hier finden Mittelater-Interessierte (oder solche, die es werden wollen) eine Fülle von gut recherchierten Infos über das Mittelalter. Lesen Sie weiter...
Vor 19 Monaten von Pepita S. veröffentlicht
Der ferne Spiegel für den Mittelalter-Interessierten
Eines der besten Bücher, die ich je las. Barbara Tuchman zeichnet, verknüpft mit einer Adeligen-Biographie, ein erhellendes Bild der Zeit und über die eingestreuten... Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 7. Januar 2009 von J. K. Mildenberger
Geglückter Einstieg in's Mittelalter
Ich muss zweien meiner Vor-Reszenten widersprechen:

1. Nein, das Buch ist nicht zu ausführlich!

2. Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 28. März 2007 von L.A. Bentinck
Zu ausführlich
Dieses Buch verliert sich für meinen Geschmack zu sehr in den Beschreibungen der Taten unzähliger französischer und englischer Adeliger, wodurch das Buch einfach... Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 10. November 2006 von Felix Geefcke
Klasse!
Ein wunderbares Buch, das nicht nur sehr spannend über das 14. Jahrhundert berichtet,aber auch deutlich macht, wie sehr unsere Gedankenwelt sich von damals unterscheidet. Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 24. November 2005 von "mayoarnoldus"
Wunderbar!
Das beste mir bekannte Buch über das Mitelalter. Mitreißend und spannend geschrieben. Vermittelt einen hautnahen Eindruck dieser geschichtlichen Epoche, dabei niemals... Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 3. Dezember 2004 von "grosspalantir"
Lesenswertes historische Buch, aber kein packender Roman
„Barbara Tuchmans umfassende Schilderung dieses dramatischen Jahrhunderts rankt sich um die Lebensgeschichte eines französischen Adligen Enguerrand de Coucy VII. Lesen Sie weiter...
Am 26. Dezember 1999 veröffentlicht
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