Gemeinplätze sind allgegenwärtig, nicht zuletzt in der Beurteilung traumatischer historischer Ereignisse wie dem 1.Weltkrieg. Doch dann kommt zum Glück ein Wissenschaftler wie Niall Ferguson, der die richtigen Fragen stellt – und dabei zu verblüffenden Antworten gelangt, die alles, was man bisher für gesicherte Erkenntnis hielt, ins Wanken bringt. Hat das Deutsche Reich wirklich den Krieg in einer Aufwallung nationalistischer Hysterie vom Zaun gebrochen? Belegt nicht der Rüstungswettlauf zum 1. Weltkrieg, dass Aufrüstung den Frieden gerade nicht sicherer macht? Wurde der Krieg tatsächlich in ganz Europa mit Begeisterungsstürmen begrüßt? War der britische Kriegseintritt unausweichlich?
Ferguson liefert keine chronologische Darstellung des 1. Weltkrieges, sondern eine detaillierte Analyse seiner politischen, soziokulturellen und ökonomischen Hintergründe. Ferguson ist britischer Staatsbürger und Wirtschaftshistoriker, was sich natürlich in der Perspektive des Buches bemerkbar, dieses vielleicht aber gerade deswegen so interessant macht. Stets untermauert er seine Hypothesen durch fundiertes statistisch aufbereitetes Datenmaterial: so belegt er die Folgen des Rüstungswettlaufs auf die Ökonomien der Kriegsgegner, untersucht die Effizienz der Kriegswirtschaften, etc. Er richtet aber auch immer wieder den Blick auf den einzelnen Menschen, so wenn er die Frage nach Befindlichkeit und den Beweggründen der Soldaten in den Schützengräben stellt, die Bedingungen, unter denen Kapitulationen möglich waren, etc..
Seine britischer Blickwinkel und der Schwerpunkt auf der Darstellung der britischen Haltung zum Deutschen Reich ist gerade deshalb so interessant, weil diese jeder Hinsicht ausschlaggebend auf dem Weg der europäischen Mächte zum 1.Weltkrieg wie auch für sein Ergebnis war. Ferguson unterzieht die britische Politik gegenüber dem Deutschen Reich einer kritischen Analyse und kommt zu dem verblüffenden Schluss, dass auch eine britische Position der Neutralität durchaus eine Option gewesen wäre, die dem Empire den hohen Blutzoll dieser vier Jahre erspart hätte – um den Preis einer gewissen Hegemonialstellung Deutschlands in Europa, die aber für Großbritannien akzeptabel gewesen wäre. Ein absolut lesenswertes Buch, das einem ganz neue Einsichten eröffnet.