Hinweise auf Bücher
Hamo im Gebirg
pap. 1916 erschien bei Orell Füssli Hans Morgenthalers Erstling «Ihr Berge», ein kleines, vom Verfasser selbst illustriertes Buch, das laut damaliger NZZ-Kritik «kein Schwelgen in Klubhüttenromantik, tüchtig begossenen Gipfelfreuden und Kraxlerwitzen» brachte, sondern den Autor als «schweizerischen Peter Altenberg im Hochgebirge» zu erkennen gab. Morgenthalers Liebe zum Bergsteigen erstaunt, wenn man bedenkt, dass der gebürtige Burgdorfer fünf Jahre vor seinem schwärmerischen Buch auf seiner allerersten Tour, die zum Desaster wurde, infolge von Erfrierungen an fast allen Fingern ein bis zwei Glieder einbüsste. Ein Jahr nach dem Unfall wurde er indes Mitglied des Akademischen Alpenclubs Zürich und nahm in der Folge trotz seiner Behinderung an etlichen Erstbesteigungen teil, bevor er sich angesichts des aufkommenden Massentourismus von der «verfluchten Schneebrünzler-Schweiz» abwandte «die Berge sind jetzt fertig versaut» und in den malaysisch-siamesischen Tropen («Matahari») sein Heil suchte. 80 Jahre nach der Erstausgabe von «Ihr Berge» hat der Akademische Alpenclub Zürich nun eine Neuedition des Opusculums veranstaltet, das Morgenthaler als Dichter anrührender Skizzen zeigt. («Ein Stück, das mehr als 2 Seiten geht, verreckt mir immer.») Edgar Schuler hat den Text durch ein ausgezeichnetes, kenntnisreich bebildertes Nachwort ergänzt, das die Entstehungsgeschichte des Buchs in aufwendiger Quellenarbeit nachzeichnet und den Band so zu einer willkommenen Ergänzung der von Roger Perret herausgegebenen Werke und Briefe «Hamos» macht.
Kind einer Oase
BEn. «Alles ist anders», sagt Magdalena Vogel im letzten Gedicht ihrer Textsammlung und weiss zugleich um die Vorläufigkeit all der Erklärungen. Trotzdem versucht sie, Empfindungen, Erfahrungen und Gedanken in Worte umzusetzen, sprengt sie den Schutzraum auf, der ihre «kleine Oase» ist. Brennpunkt ihrer Fluchtlinien ist das Ereignis einer Liebe. Das lyrische Ich erfährt diese bald als leisen Schmerz, bald als zerstobene Illusion, dann wieder als überwältigende Erinnerung und stetes Elysium Prosa und Vers kreisen immer wieder um diese Erfahrungen wehmütig beschwörend. Eine ganz andere Tonlage klingt in den Gedichten der ersten Hälfte dieses Bandes an, welche die Dramatik des Unscheinbaren entdecken, manchmal wie ein ferner stifterscher Nachklang wirken, aber dennoch näher beim Humoristen Morgenstern anzusiedeln wären. Selbstironisch äussert sich hier die Autorin über ihr eigenes Schreiben, diese «Herbstmesse, privat», leichtfüssig gestaltet sie die Humoresken über meteorologische Phänomene: Wolken, Blitze, Schneefall werden zu Adressaten verschmitzter Anmerkungen. Diese lyrische Notizen bilden den gelungenen Gegenpart zu jenen Gedichten, die nicht selten in einen altmodischen Sprechmodus zurückfallen und das reflexive Moment wenig kaschiert stehenlassen.
Altwiener Komödienkunst
haj. Der Blütezeit der Altwiener Volkskomödie mit Raimund und Nestroy war im 18. Jahrhundert eine lange, wechselvolle Periode des komischen Theaters vorausgegangen. Ihren Ausgang nahm sie in Joseph Anton Stranitzkys Hanswurst, der in sich wandelnder Form auf den Vorstadtbühnen gegen die Zensur und die gelehrte Kritik Gottscheds und anderer Aufklärer zu bestehen vermochte. Dieser derb-sinnlichen Schauspielkunst verdankt das österreichische Theater eine Reihe eigenwilliger Prinzipale und Autoren, die zu ihrer Zeit viel gespielt, dann aber vergessen wurden. Es ist das Verdienst von Johann Sonnleitner, dass er eine Auswahl von fünf heute schwer zugänglichen Stücken herausgegeben hat und mit diesen «Hanswurstiaden» einprägsam «Ein Jahrhundert Wiener Komödie» vergegenwärtigt. In einem ausführlichen Nachwort, das von einer gründlichen Kenntnis der Quellen und der Sekundärliteratur zeugt, zeigt er vor dem geistes- und kulturgeschichtlichen Hintergrund der Epoche und der Publikumssoziologie den Wandel der lustigen Figur der Wiener Komödie. In den Texten von Stranitzky, J. F. Kurz-Bernardon (dem genialsten Kopf der Wiener Bühne im 18. Jahrhundert), Ph. Hafner, J. Perinet und A. Bäuerle lässt sich der allmähliche Übergang von der Typenkomik in die Charakterkomik verfolgen. Die vorliegende Anthologie vermittelt die Begegnung mit einer weithin wenig bekannten Theaterlandschaft und einer vergnüglichen Auswahl von «Hanswurstiaden».
Longhis «Italienische Malerei» auf deutsch
Zg. Im Sommer 1914 verfasste der 24jährige Roberto Longhi für die Schüler zweier römischer Gymnasien ein Manuskript, in dem er unter dem Titel «Kurze, aber wahre Geschichte der italienischen Malerei» den Unterrichtsstoff knapp und prägnant zusammenfasste. Diese in ihrer Subjektivität faszinierende und nicht ohne Ironie geschriebene Abhandlung, die 1980 erstmals im Druck erschienen ist, liegt nun auch in deutscher Sprache vor. So wird Longhis frühe Schrift, in der seine Methode schon klar zutage tritt, einem breiten Kreis von Interessenten zugänglich gemacht. Für den Altmeister der italienischen Kunstwissenschaft ist sein Fach identisch mit der Geschichte formaler Lösungen; es handelt sich also, wie Beat Wyss treffend formuliert, um eine «strenge Formwissenschaft, erschlossen in den Fussstapfen des Hegelschen Weltgeistes». Eine vergleichbare Kombination von Stilanalyse und Geistesgeschichte finden wir in deutscher Sprache bei Alois Riegl. Nach Longhi wird die Kunst durch drei ideelle Formprinzipien bestimmt, die sich bei den Römern, den Griechen und in Byzanz entfaltet haben: der plastische Stil, den Giotto und Masaccio weiterführten, das Lineare, das die Sienesen und Florentiner erbten, und der Kolorismus, den die Venezianer tradierten. Das ist der Rahmen von Longhis lesenswerter storia della pintura italiana, die in einer handlichen, schön aufgemachten Publikation ihren Beitrag zur Geschichte der Kunstgeschichte leistet.
Norbert Elias: Annäherungen
lx. Am 1. August 1990 starb in Amsterdam der Soziologe Norbert Elias. 1987 hatte er im damaligen Breslau das Licht der Welt erblickt. 1939 war sein grundlegendes Werk «Über den Prozess der Zivilisation» erstmals erschienen. Doch der 1933 ins Exil getriebene Forscher musste bis ins hohe Alter auf angemessene Forschungsmöglichkeiten und auf Breitenwirkung warten. Erst die siebziger Jahre brachten seiner interdisziplinär synthetisierenden «Menschenwissenschaft», seinem Versuch, eine Art historische Anthropologie zu begründen, wissenschaftlichen Erfolg. Wie aber findet einer zu einer «neuen» Disziplin; welche Anstösse lassen sich in Elias' Jugendzeit verfolgen, die schon damals in Richtung einer historischen Menschenwissenschaft deuteten? Der Zürcher Soziologe Peter-Ulrich Merz-Benz ist in einem Aufsatz den frühen geschichtlichen «Verstrickungen» des Breslauer Studenten gefolgt. Dieser beginnt, nach seinem Zusammenbruch als Soldat an der deutschen Westfront und nachhaltig erschüttert durch die Kriegserlebnisse, 1919 ein Doppelstudium: Medizin und Philosophie. Es ist vor allem der dem Neukantianismus nahestehende Richard Hönigswald, der den Studenten zu einer Art «doppelten» Anthropologie führt; einer anatomisch-physiologischen und einer philosophisch-idealistischen Sicht auf den Menschen. Der Beitrag findet sich in einem Sammelband, der sich der Genese und der Wirkungsgeschichte des Eliasschen Werkes widmet.
Tradition bei Schönberg
ab. Der volle Titel von Beat Föllmis Studie lautet: «Tradition als hermeneutische Kategorie bei Arnold Schönberg». Der 1965 geborene, in Zürich wirkende Föllmi geht mit grosser Insistenz Traditionszusammenhängen bei Schönberg nach. Er erkundet die bereits bestehende Literatur zum Problemkreis, forscht nach Überlieferungen im «geistesgeschichtlichen Umfeld» (in welchem «Wien», «Theosophie» und «Judentum» Schwerpunkte bilden), untersucht, indem er von der Vergangenheit zu den Zeitgenossen fortschreitet, «Schönbergs Verständnis anderer Komponisten» und das Verhältnis des Komponisten zur «Musikgeschichte als Prozess», wobei Schönbergs Bearbeitungen von Werken anderer Komponisten als Beiträge musikgeschichtlicher Reflexion fassbar werden. Das Buch beginnt mit Erläuterungen zu den Begriffen «Hermeneutik» und «Tradition» und schliesst mit einer Zusammenfassung der «hermeneutischen Fragestellung» gegenüber Leben und Gesamtwerk Arnold Schönbergs. Die Dissertation der Universität Zürich stellt hohe Ansprüche, wird diesen aber selber gerecht.
Kein physiognomisches Autodafé
upj. Das berühmte Zedlersche Lexikon (glücklich, wer eines besitzt) präsentierte 1732 unter dem Stichwort «Physiognomik des Angesichts» neben acht länglichen Untereinträgen auch die damals kürzeste Version der humoralen Charakterlehre: «In dem Gesicht siehet man das Gemüth gleichsam abgemahlet.» Ob diejenigen Wissenschaften, die im weitesten Sinne «vom Menschen» handeln, sich zu Ende des zwanzigsten Jahrhunderts noch immer mit einer derart schlichten Relation zwischen Aussehen und Sein abfinden können, war vor zwei Sommern Thema einer Tagung zu Wolfenbüttel. Kunsthistoriker, Literaturwissenschafter, Archäologen, gar Vertreter der noch jugendlichen Disziplin der Historischen Anthropologie versuchten, das physiognomische Pathos der Gegenwart einzufangen. Dass es dabei nicht nur um Lavater gehen konnte (dessen Theorie der Physiognomik wohl zu Recht den Vorwurf erhielt, eine Theologie zu sein), dürfte wohl auf der Hand liegen. So hat etwa Peter Becker (Washington) den physiognomischen Faden zum Bösen hin, zu Cesare Lombrosos Bemühungen um eine «präventive Entzifferung des Kriminellen» weitergesponnen; Susanne Regener (Hamburg) einen Beitrag zur «Geschichte der Physiognomik des Weiblichen» vorgetragen. «Wenn die Physiognomik das wird, was Lavater von ihr erwartet, so wird man die Kinder aufhängen, ehe sie Taten getan haben, die den Galgen verdienen.» So sprach der geniale Lichtenberg. Es ist schön, dass die gelehrte Versammlung sich gelegentlich an Lichtenbergs Warnung vor dem «physiognomischen Auto da Fe» erinnert hat.
Georg Simmel: Philosophische Kultur
rox. Beim vierzehnten Band ist gegenwärtig die bei Suhrkamp erscheinende Gesamtausgabe der Werke Georg Simmels angelangt. Der Band präsentiert zum einen die «Hauptprobleme der Philosophie», also das Werk, welches 1910 in Leipzig erstmals erschienen war und mittels dessen Georg Simmel beabsichtigte, das Verständnis für die «Hauptschwierigkeiten» der Philosophie «vom inneren Prozess», von der philosophischen Denkarbeit her, aufzuschliessen und so ein Verständnis für genuin philosophische Probleme auch ausserhalb des Kreises der Profession zu fördern. Der zweite Teil des Werkbandes enthält Simmels gesammelte Essays zur «Philosophischen Kultur», eine Sammlung, die zu den grundlegenden Schriften der deutschen Lebensphilosophie gezählt werden darf. Es sind dabei nicht nur die Essays über «Das Abenteuer», «Die Mode» und über die «Weibliche Kultur» auch heute (noch) lesenswert, denn gerade der Aufsatz über den «Begriff und die Tragödie der Kultur» verdient in der gegenwärtigen kulturphilosophischen Renaissance eine besondere Beachtung.
Georg Simmel: Hauptprobleme der Philosophie. Philosophische Kultur. Gesamtausgabe Bd. 14, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 1996. 530 S., 32.80.
Everding mündlich
rur. Die Sache der Kunst sei nicht immer sachlich; sie müsse oft unsachlich sein. Trotzdem hält sich August Everding in seinen Reden, Vorträgen und Kolumnen fast ausnahmslos an Sachen, Gegenstände, ans Konkrete. Und zwar nicht nur, wenn's beliebt. Er tippt auch Unangenehmes an, bringt Vertrautes zum Wanken. Der Theater- und Opernregisseur hat sich in den letzten Jahren mindestens so profiliert als Verwalter, Anordner, Koordinator und als Redner und damit als Schreibender hervorgetan. Seine Präsidentschaften, Funktionen als Vorsitzender sind beinahe Legion. Seine kulturpolitischen Aufgaben hätten ihn gefordert, von Politikern mehr zu fordern, und seine Kollegen zu mahnen, nicht immer mehr zu fordern. Die Struktur des Repertoire- und Ensembletheaters will er beispielsweise grundsätzlich nicht ändern. Aufschlussreich wäre vielleicht zu beobachten, was er in einigen Jahren dazu meint. Leere Theater seien keine guten Theater. Aber manchmal beweise ein leeres Theater, dass es einen guten Intendanten habe. Diese Sammlung von knapp vierzig Texten belegt, dass man auch über Nebensächliches sehr Grundsätzliches aussagen, von der Oberfläche her auf Verstecktes zielen kann. Die Gedenkrede auf Heinz Rühmann hätte allerdings nicht aufgenommen werden müssen: sie ist bloss etwas geistreich. Der sehr ausführliche Vortrag im Kloster Andechs im Mai 1988 «Warum ich Christ bin» hat Tiefgang, packt, überzeugt, ermuntert zum Nachdenken. Ein Mann des Theaters, der während Jahrzehnten nicht nur Theater in jeder Gestalt machte, sondern der vieles auf der Bühne und dahinter und weit davon entfernt als Theater nicht nur benennt, sondern mit Engagement beklagt.