Hightech-Medizin und tabuisierte Magie
Die Transplantationsmedizin hat einen neuartigen Patiententypus mit ganz eigenen psychischen Konflikten hervorgebracht. Zwischen 50 bis 70 Prozent aller Empfänger von lebenswichtigen Organen (Herz, Leber, Niere, Bauchspeicheldrüse, Lunge) leiden an Persönlichkeitsveränderungen, Identitätskonflikten, Angst und Depressionen. Ausgehend von den USA, hat sich für diese speziellen Probleme ein neuer psychiatrischer Zweig - die "Organ Transplantation Psychiatry (OTP)" - entwickelt. In den ersten beiden Wochen nach der Operation können bei Organempfängern Wahnzustände, im weiteren Verlauf Depressionen, Psychosen und selbst eine Suizidgefährdung auftreten. Man vermutet eine hohe Dunkelziffer von psychischen Erkrankungen nach einer Organtransplantation, da viele dieser Patienten eine Scheu davor haben, ihre tabubelegten Konflikte offenzulegen.
Die magische Besetzung des einverleibten Organs, also die Vorstellung von dessen Beseelung mit der Konsequenz, daß der Spender im Empfänger weiterlebt, ist eine gängige Begleiterscheinung dieser neuen Heilmethode, die in den Aufrufen zur Organspende streng tabuisiert wird. Organempfänger jedoch befinden sich durch die Einverleibung eines Körperteils von einer ihnen fremden Person in einer physischen aber auch seelischen Extremsituation. So berichtet ein in einem Herztransplantationszentrum arbeitender Psychiater, die Themen Raub und Tötung beherrschen diese Patienten unmittelbar nach ihrer Transplantation.
Susanne Krahe, eine Nierenempfängerin, hat ihren Dialog mit dem Organ, das sie mit der Seele und der Erlebnisebene des Spenders verbindet, niedergeschrieben:
Mein Schmerz, dein Schmerz. Nie sollst du die Gewalt vergessen, die mir die behandschuhten Pranken angetan haben, als sie mich aus meiner Behausung stahlen. Nie sollst du die Angst loswerden, die Sehnsucht nach Ruhe. Meine Krankheit, deine Krankheit. Ich bin dein Atem. Ich bin dein Schmerz. Die Hände, diese riesigen Chirurgenhände, haben mich aus meiner Einheit herausgerissen und in den Spiegel entführt. Du, du zahlst das Lösegeld. [...] Sein Schweiß mein Schweiß. Ich war der letzte Schrei; ein Echo, das aus seinem Mund in meinen wanderte, um laut zu werden. Ich war ein zerrissener Gedanke, der sich wie ein Schneeball mit meinen Hoffnungen umgab. Ich steckte tief unter der Beatmungsmaske, ich nahm vom Ende des Tubus den Klang seines sterbenden Herzens mit. Ich grub nach seinen unerfüllten Wünschen und steckte sie mir in die Tasche.
Lieber Unbekannter.
Liebes unvollendetes Leben.
Lieber angeknüpfter Traum.
Sind Hirntote je richtige Tote?
Schuldgefühle nach einer Transplantation führen mitunter zu einer ausgeprägten Frömmigkeit, die auf einem Versöhnungswunsch mit dem Spender beruht. Viele Patienten versuchen dabei, sich ein positives Bild von dem Spender zu entwerfen, nicht zuletzt, um sich mit dem Fremden in ihrem Leib zu arrangieren. Dennoch gelingt dies nicht allen Transplantationspatienten, so daß sie von Zerstörungsphantasien geplagt werden. Der Herzchirurg Matthias Loebe vom Berliner Herzzentrum schildert einen solchen Fall:
Ein sechzehnjähriger Junge hatte furchtbare Probleme. Niemand wußte, warum er so unruhig war. [...] Jedenfalls stellte sich heraus, daß er von der Idee besessen war, daß der Vorbesitzer dieses Herzens nicht gerne Moped gefahren sei. Er selbst fuhr gerne Moped und war sehr gut in der Schule, insbesondere in Mathematik. Jetzt überlegte er sich, ob er mit diesem Herzen noch Moped fahren könne und noch immer gut in Mathematik sei oder ob das sein ganzes Leben verändert hat.1064
Solche Phantasien entsprechen dem Krankheitsbild der Schizophrenie, das nun als normale seelische Reaktion auf diese chirurgische Heilmethode entsteht. Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy, der als Herzempfänger sein Erleben aufschrieb, bezeichnet das Organ eines ihm fremden Menschen als "Eindringling". Die "Fremdheit dieses Zustandes"
verbindet er mit der Abstoßungsreaktion, die tagtäglich von neuem medikamentös unterdrückt werden muß - "als würde sich an dieser Stelle ein allgemeines Gesetz des Eindringens zu erkennen geben: Es gibt kein einmaliges Eindringen, sobald es ein Eindringen gibt, vervielfältigt es sich bereits."
Infolge eines zerteilten Körpers entsteht auch ein geteiltes Selbst: Eine unheimliche fremde Macht droht die Persönlichkeit des Patienten zu überrollen. Mit dieser Macht wird gesprochen, verhandelt, gekämpft. "Ja, das störrische Weib, wollt' sich nicht gleich unterordnen, aber jetzt dürften wir uns schon zusammengerauft haben" - in dieses Bild faßt ein herztransplantierter Mann sein Erleben mit dem Herzen einer ihm fremden Frau.