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Der entseelte Patient: Die moderne Medizin und der Tod
 
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Der entseelte Patient: Die moderne Medizin und der Tod [Gebundene Ausgabe]

Anna Bergmann
4.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (4 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 455 Seiten
  • Verlag: Aufbau-Verlag; Auflage: 1., Aufl. (2004)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3351025874
  • ISBN-13: 978-3351025878
  • Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 13,4 x 4,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (4 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 220.572 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Anna Bergmann
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Die moderne Medizin und der Tod Darf der menschliche Körper zum bloßen Objekt wissenschaftlichen Interesses degradiert werden? Anhand von einzigartigem Quellenmaterial aus 500 Jahren Medizingeschichte untersucht Anna Bergmann diese Grundfrage der medizinischen Ethik - eine Pflichtlektüre, nicht nur für Ärzte und Wissenschaftler. Die umstrittene "Körperwelten"-Ausstellung des Leichenzergliederers Gunther von Hagens ist der grausige Endpunkt einer jahrhundertelangen Entwicklung der Medizin, die sich mit dem Ziel der Erkenntnis und Heilung systematisch des menschlichen Körpers bemächtigt und zugleich seine Individualität immer weiter ausgeblendet hat. Anna Bergmann zeigt, wie sich in den seit dem 14. Jahrhundert entstehenden "anatomischen Theatern" ein enger Zusammenhang zwischen der medizinischen Forschung und der Praxis der Hinrichtungen entwickelte. Dies fand seit dem 18. Jahrhundert seine Fortsetzung in den medizinischen Menschenexperimenten: Bereits 200 Jahre vor dem Nationalsozialismus nahmen Mediziner für die Entwicklung neuer Heilmethoden die Tötung von Patienten in Kauf. Auch die Transplantationsmedizin stellt Bergmann in die Traditionslinie des "anatomischen Theaters", ist sie doch nur durch den zweckorientierten Zugriff auf einen hirnsterbenden Patienten zu verwirklichen.

Auszug aus Der entseelte Patient von Anna Bergmann. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Hightech-Medizin und tabuisierte Magie
Die Transplantationsmedizin hat einen neuartigen Patiententypus mit ganz eigenen psychischen Konflikten hervorgebracht. Zwischen 50 bis 70 Prozent aller Empfänger von lebenswichtigen Organen (Herz, Leber, Niere, Bauchspeicheldrüse, Lunge) leiden an Persönlichkeitsveränderungen, Identitätskonflikten, Angst und Depressionen. Ausgehend von den USA, hat sich für diese speziellen Probleme ein neuer psychiatrischer Zweig - die "Organ Transplantation Psychiatry (OTP)" - entwickelt. In den ersten beiden Wochen nach der Operation können bei Organempfängern Wahnzustände, im weiteren Verlauf Depressionen, Psychosen und selbst eine Suizidgefährdung auftreten. Man vermutet eine hohe Dunkelziffer von psychischen Erkrankungen nach einer Organtransplantation, da viele dieser Patienten eine Scheu davor haben, ihre tabubelegten Konflikte offenzulegen.
Die magische Besetzung des einverleibten Organs, also die Vorstellung von dessen Beseelung mit der Konsequenz, daß der Spender im Empfänger weiterlebt, ist eine gängige Begleiterscheinung dieser neuen Heilmethode, die in den Aufrufen zur Organspende streng tabuisiert wird. Organempfänger jedoch befinden sich durch die Einverleibung eines Körperteils von einer ihnen fremden Person in einer physischen aber auch seelischen Extremsituation. So berichtet ein in einem Herztransplantationszentrum arbeitender Psychiater, die Themen Raub und Tötung beherrschen diese Patienten unmittelbar nach ihrer Transplantation.
Susanne Krahe, eine Nierenempfängerin, hat ihren Dialog mit dem Organ, das sie mit der Seele und der Erlebnisebene des Spenders verbindet, niedergeschrieben:
Mein Schmerz, dein Schmerz. Nie sollst du die Gewalt vergessen, die mir die behandschuhten Pranken angetan haben, als sie mich aus meiner Behausung stahlen. Nie sollst du die Angst loswerden, die Sehnsucht nach Ruhe. Meine Krankheit, deine Krankheit. Ich bin dein Atem. Ich bin dein Schmerz. Die Hände, diese riesigen Chirurgenhände, haben mich aus meiner Einheit herausgerissen und in den Spiegel entführt. Du, du zahlst das Lösegeld. [...] Sein Schweiß mein Schweiß. Ich war der letzte Schrei; ein Echo, das aus seinem Mund in meinen wanderte, um laut zu werden. Ich war ein zerrissener Gedanke, der sich wie ein Schneeball mit meinen Hoffnungen umgab. Ich steckte tief unter der Beatmungsmaske, ich nahm vom Ende des Tubus den Klang seines sterbenden Herzens mit. Ich grub nach seinen unerfüllten Wünschen und steckte sie mir in die Tasche.
Lieber Unbekannter.
Liebes unvollendetes Leben.
Lieber angeknüpfter Traum.
Sind Hirntote je richtige Tote?
Schuldgefühle nach einer Transplantation führen mitunter zu einer ausgeprägten Frömmigkeit, die auf einem Versöhnungswunsch mit dem Spender beruht. Viele Patienten versuchen dabei, sich ein positives Bild von dem Spender zu entwerfen, nicht zuletzt, um sich mit dem Fremden in ihrem Leib zu arrangieren. Dennoch gelingt dies nicht allen Transplantationspatienten, so daß sie von Zerstörungsphantasien geplagt werden. Der Herzchirurg Matthias Loebe vom Berliner Herzzentrum schildert einen solchen Fall:
Ein sechzehnjähriger Junge hatte furchtbare Probleme. Niemand wußte, warum er so unruhig war. [...] Jedenfalls stellte sich heraus, daß er von der Idee besessen war, daß der Vorbesitzer dieses Herzens nicht gerne Moped gefahren sei. Er selbst fuhr gerne Moped und war sehr gut in der Schule, insbesondere in Mathematik. Jetzt überlegte er sich, ob er mit diesem Herzen noch Moped fahren könne und noch immer gut in Mathematik sei oder ob das sein ganzes Leben verändert hat.1064
Solche Phantasien entsprechen dem Krankheitsbild der Schizophrenie, das nun als normale seelische Reaktion auf diese chirurgische Heilmethode entsteht. Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy, der als Herzempfänger sein Erleben aufschrieb, bezeichnet das Organ eines ihm fremden Menschen als "Eindringling". Die "Fremdheit dieses Zustandes"
verbindet er mit der Abstoßungsreaktion, die tagtäglich von neuem medikamentös unterdrückt werden muß - "als würde sich an dieser Stelle ein allgemeines Gesetz des Eindringens zu erkennen geben: Es gibt kein einmaliges Eindringen, sobald es ein Eindringen gibt, vervielfältigt es sich bereits."
Infolge eines zerteilten Körpers entsteht auch ein geteiltes Selbst: Eine unheimliche fremde Macht droht die Persönlichkeit des Patienten zu überrollen. Mit dieser Macht wird gesprochen, verhandelt, gekämpft. "Ja, das störrische Weib, wollt' sich nicht gleich unterordnen, aber jetzt dürften wir uns schon zusammengerauft haben" - in dieses Bild faßt ein herztransplantierter Mann sein Erleben mit dem Herzen einer ihm fremden Frau.


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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Spannend und mutig 13. Dezember 2004
Von Ein Kunde
Format:Gebundene Ausgabe
Das kulturhistorische Werk von Anna Bergmann, „Der entseelte Patient. Die moderne Medizin und der Tod", 2004, Berlin, Aufbau Verlag, ist ein Volltreffer - selbst für diejenigen, die bereits beim Anblick von Geschichtsbüchern das große Gähnen überkommt. Der entseelte Patient, der brisante Themen der Medizingeschichte, etwa Gewaltausübung an Patienten oder Missachtung ihrer Rechte, über 500 Jahre zurückverfolgt und den Bogen zur heutigen sowie einer möglichen zukünftigen Medizin schlägt, ist ein überaus spannendes, lesbares, fundiertes und aktuelles Buch. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen.
Erstens ist für Anna Bergmann Geschichtswissenschaft keine „l'art pour l'art", sondern ein Mittel zum Verstehen heutiger Erlebens- und Handlungsweisen. Was bedeuteten zum Beispiel Anonymisierung und Arbeitsteilung früher für die Anwendung von Gewalt und was bedeuten sie heute - etwa in der Transplantationsmedizin? Bei ihrer klarsichtigen und mutigen Analyse geht es Anna Bergmann aber nicht darum, zu verdammen, es geht ihr um eine weitere Humanisierung der Medizin. Dies äußert sich auch in der Art der Autorin zu schreiben, nämlich nie polemisch. Das grenzt an ein Wunder bei dieser Thematik.
Zweitens ist das Werk eine Fundgrube an anschaulichen, spannenden Schilderungen, wie es in früheren Jahrhunderten zuging. So kann man zum Beispiel erfahren, dass unsere Redensart „den Stab über jemandem brechen" ihren Ursprung in einem echten, äußerst scheußlichen Ritual hat, in dem über einem zum Tode Verurteilten tatsächlich ein Stab zerbrochen wurde. Das Buch strotzt nur so von Wissen und Sachkenntnis, die eine dahinter stehende sorgfältige und keine Mühe scheuende Recherche in Archiven als Grundlage haben.
Drittens begnügt sich die Autorin nicht mit einem rein historischen Zugang. Sie dehnt ihre Perspektive auch auf Psychologie, Philosophie und Religion aus, was dem Buch eine wohltuende Breite verleiht.
Das Buch gibt zu denken und zwar über das Normalmaß hinaus. So fragten sich viele Medizinethiker bisher, ob der Zweck die Mittel heiligen dürfe. Nach der Lektüre des „Entseelten Patienten" tut sich eine weitere grundsätzliche Frage auf: Müssen wir nicht bisweilen den Zweck moderner medizinischer Behandlungsmethoden reflektieren und hinterfragen?
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9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Tolles Buch! 8. September 2008
Von StefanieEmmy TOP 500 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Ich habe dieses Buch eigentlich nur wegen der ersten 80 Seiten gekauft (Behandlung der Pest), es dann aber doch ganz gelesen weil ich nicht mehr aufhören konnte.
Informationen über Entstehung und Geschichte der Anatomie und Transplantationsmedizin werden hier spannend und gut zusammengefasst vermittelt - ein Buch, das nicht nur für Mediziner geeigent ist.
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Steffi
Format:Gebundene Ausgabe
Zu Beginn des Buches fragte ich mich kurzzeitig, wo die Autorin mit dem Leser hin will. Doch dann zieht sie einen Bogen, der im Ansatz erahnen lässt, wie weit wir uns von dem natürlichen Umgang mit dem Menschen entfernt haben.

Für mich war das Buch besonders interessant, da ich seit ein paar Monaten in einem Krankenhaus tätig bin und mir häufig der überwiegend medizinische Umgang mit dem Patienten bewusst wird. Anne Bergmann stellt in ihrem Buch sehr verständlich die Entwicklung der Medizin und die damit verbundene heutige Sicht auf den Menschen dar.

Häufig schockiert es, wie eindeutig diverse Sachverhalte sind, die man trotzdem nie so betrachtet hat. Angefangen bei der Pest und deren Bekämpfung, über anatomische Theater bis hin zum Konzentrationslager und der Transplantationsmedizin, schafft die Autorin einen umfassenden Einblick über medizinische und (damit verbundene) soziale Sachverhalte.

Ich bin sehr begeistert von diesem Buch und kann es wirklich jedem empfehlen, der sich ein wenig für Medizin und deren Entwicklung interessiert.
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