Als ich den "Englischen Patienten" im Kino gesehen habe, war ich völlig begeistert. Leider gehört der Film nicht zu jenen, die mit jedem mal schauen besser werden. Es ist eher so, dass mit etwas mehr Abstand betrachtet doch sowohl die großen Stärken als auch die wenigen, aber deutlichen Schwächen zu Tage treten.
Zu den Stärken gehört ohne Zweifel die fast perfekte Verbindung von Musik und Fotografie sowie die große Ausstattung. Es ist eben doch noch ein qualitativer Unterschied, ob man mit einer ganzen Filmcrew monatelang durch Italien und Nordafrika stapft oder ob drei Computerfuzzis die Arbeit mal eben am Rechner erledigen. Der Soundtrack von Gabriel Yared ist für mich der eigentlich Star des Films. Nichts gegen James Horner, Ennio Morricone und John Williams, aber es ist doch ganz angenehm, mal wieder neue, unverbrauchte Töne zu hören.
Zu einer der Schwächen würde ich zählen, dass der Film an manchen Stellen zu pseudo-literarisch daherkommt. Dialoge wie der von Kristin Scott Thomas und Ralph Fiennes über Adjektive (beim ersten Aufeinandertreffen der beiden) mögen im Buch funktionieren, im Film wirken sie irgendwie wie ein Fremdkörper.
An der Leistung von Ralph Fiennes scheiden sich die Geister. Meiner Meinung nach war zumindest die Oscar-Nominierung nicht verdient; der Charakter zerfällt in zu viele verscheidene Teile, die jeder für sich gut gespielt sind, die aber nicht so recht zusammen passen. Man nimmt es diesem Wüsten-Waldschrat Almàsy zum Beispiel nicht ab, dass er angeblich immerzu vor sich hin singt (was wir bis auf eine kurze Szene am Ende auch nie gezeigt, sondern nur gesagt bekommen). Man hätte für diese Rolle besser einen Schauspieler gewählt, der mehr Lebenslust versprüht als der etwas hölzerne Ralph Fiennes.
Der aus meiner Sicht größte Kritikpunkt ist das Deutschenbild. Im Buch streift Almàsy mit seinem verrottenen Flugzeug eine Palme und stürzt deshalb ab. Im Film sind es, warum auch immer, die typischen "hässlichen Deutschen", die Almásy heimtückisch vom Himmel schießen. Bei Caravaggio ist es ähnlich: Im Buch schneidet ihm, wenn ich mich recht erinnere, ein Italiener die Daumen ab, im Film ist es ein deutscher Nazi-Offizier. Natürlich kann man hier die Deutschen nehmen (Folterknechte hat es unter den Nazis ja genügend gegeben), aber im Buch steht es nun mal anders. Warum hat man das geändert? Zur dramaturgischen Geschmacksverstärkung? Es ist auf jeden Fall ziemlich enttäuschend, wenn ausgerechnet ein Film, der ja gerade ausdrücklich jedes Schubladendenken kritisiert, seine eigene literarische Vorlage auf so klischeehafte Art abändert.
Insgesamt mag ich den Film aber wirklich sehr, und bei den kleinen Schwächen darf man auch nicht vergessen, unter welch schwierigen Bedingungen er entstanden ist - die Produktionsfirma hat Minghella mit der ganzen Mannschaft in der Mitte des Films mehr oder weniger einfach in Italien sitzen lassen, bevor Miramax einstieg.
Eins muss man Minghella vor allem hoch anrechnen: in der Zeit, in der der "Englische Patient" entand, verlangte das Publikum nach nicht anderem als nach Computertrick-Action-Müll und Teenie-Horror-Movies. Minghella hatte den Mut zu einem "erwachsenen" Melodram mit Szenen vor großer Kulisse, die zu keiner Zeit kitschig wirken. Dass sich so viel künstlerisches Selbstbewusstsein so auszahlte, dürfte auch viele gleichgesinnte Regisseure ermutigt haben, einen ähnlichen Weg zu beschreiten.