"The Sundowners", wie das im Original heißt, sind Menschen, die als Nomaden jeden Abend dort sind, wo halt die Sonne untergeht. Und um solche geht es im vorliegenden Film, genauer gesagt, um eine Familie (Vater, Mutter, ein ca. vierzehnjähriger Sohn) im Australien um die Wende zum 20. Jahrhundert. Den fünften Stern verfehlen Film und DVD knapp. Die DVD ist zwar von ordentlicher Qualität, aber ohne jegliche Sonderausstattung (wenngleich zum Glück mit Originalton und deutschem Ton), und der Film ist einfach liebenswert. Das ist als schönes und ein ganz klein bißchen vergiftetes Kompliment zugleich gemeint. Gut ist er irgendwie schon, ein bißchen zu wenig hat er mich aber gepackt. Das ist alles sehr nett, sehr gemächlich, sehr alltäglich erzählt, manchmal witzig, insgesamt ein (wirklich kleines) Quentchen zu beschaulich vielleicht. Sagen wir es mal anders: Wer diese betont unspektakulären Geschichten der leisen Töne mag, in denen sich eine Erzählung auf die Schilderung eines ungewöhnlichen Alltagslebens einlässt, für den sind fünf Sterne angesagt. Für mich halt vier.
Dabei gibt es überhaupt nichts zu meckern, und auch wenn man das Gefühlt hat, aus den 129 Minuten ließen sich ein paar weniger machen, könnte ich nie sagen, wo die Schere anzusetzen wäre. Vielleicht ist dieser Film eben doch genau, wie er sein soll. Ruhig wie das Leben, das er schildert. Darin ist er sehr stark und bringt durch die Bank gute schauspielerische Leistungen (Deborah Kerr, Peter Ustinov, und wer immer noch glauben sollte, der Mitchum kann es nur knallhart, hochdramatisch oder burlesk, ist wieder einmal eingeladen, sich eines besseren belehren zu lassen). Nun habe ich leider gar keine Hintergrundinformationen über den Film und das Umfeld, das er zeigt, aber ein bißchen über einen anderen Film von Fred Zinnemann, nämlich "Geschichte einer Nonne". Und angesichts dessen und dem, was man allgemein in seinen Filmen so sehen kann, besteht zumindest eine sehr starke Vermutung, dass auch "The Sundowners" um größtmögliche Authentizität bemüht ist. Das Dilemma des Fred Zinnemann könnte sein, dass er eher ein Regie-Chamäleon ist anstatt ein Handschriften-Regisseur wie beispielsweise Hitchcock: Zinnemann passt sich seinem Thema an! Seine Handschrift ist, keine zu haben, bzw. die dem Gezeigten angemessene Tonlage perfekt zu finden. Es gibt den hochdramatischen, nachweislich sehr detailgetreuen "Geschichte einer Nonne", es gibt den eiskalten, superpräzisen, Lovestorys u.ä. völlig aussparenden "Der Schakal" (Version 1972) - die Planung und Ausführung eines Attentats ist halt etwas anderes als das Leben im Kloster in den 30ern!!! Und das Nomadenleben in Australien um 1900 ist eben wieder etwas ganz anderes.
Liebe zum Detail auch hier - achten Sie beispielsweise einmal bereits in den Credits auf den Planwagen unserer Kleinfamilie, der durch die Lande fährt: Verschiedene Gegenden, verschiedene Tageszeiten, kaum merklich reiht Zinnemann eine Schnittfolge aneinander, die recht konventionell aussieht, aber bei genauerem Hinsehen sagt: Hier sind in ca. 2 Minuten schon Wochen von Filmzeit vergangen und unzählige Meilen zurückgelegt worden. Diese Familie kommt viel durch die Lande. Liebe zum Detail auch in den kleinen Geschichten am Rande, die immer mal wieder scheinbar unbedeutende Nebenfiguren für einen kurzen Moment ins rechte Licht rücken, wie beispielsweise ein frischgebackenes Elternpaar oder die Sorgen einer Frau, die eigentlich einen netten Mann hat, aber von der Enge des Lebens auf einer Farm (in einem geographisch paradoxerweise weiten Land) erdrückt zu werden droht. Ein weiteres Plus ist, dass diese ganzen alltäglichen Beiläufigkeiten nicht etwa als nichtssagende Belanglosigkeiten denunziert werden (etwa in tarantinoeskem Gerede), sondern Zinnemann sie ganz ganz ernst nimmt: Durch eine Kombination von unspektakulärem, aber konventionellem Erzählen schafft er es, dass der Betrachter zu der Ruhe kommt, die nötig ist, um den Blick für diese ganzen liebenswerten Details zu schärfen und zu erkennen, wie groß und wichtig sein kann, was uns ansonsten nichtig und klein anmutete. Das besagt natürlich auch: Wer es nicht so gern konservativ mag und anstelle eines undramatischen eher einen antidramatischen Film hätte, könnte enttäuscht sein.
Gegen Ende kommt dann doch noch so ein bißchen klassisches Drama, ohne die Tonlage der Erzählung allerdings merklich zu ändern, aber: Eine Entscheidung muss her: Wird die Familie sich niederlassen (wie Frau und Sohn wollen) oder wird sie weiterziehen gen Sonnenuntergang (wie Mitchum will)? In der letzten halben Stunde ist der Film meines Erachtens besonders stark. Man denkt, angesichts der gestellten Frage kann das ja nur kitschig werden: "der Herr im Haus, der sich durchsetzt" oder "die charmante Frau, die ihn so um den Finger wickelt, dass er meint, alles sei immer schon seine Idee gewesen" (wäre sympathischer, aber hat man auch schon X mal gesehen). Wie wird es sein? Verrate ich natürlich nicht, nur: Null Kitsch!!! In einer Szene kann man die Kerr bei einem herzerfrischenden befreienden Lachen bewundern, das seinesgleichen sucht, das sich mir eingebrannt hat, in das alle einstimmen können - eben auch der Zuschauer. Hier hat dieser ohnehin im positiven Sinne leichte Film seinen Höhepunkt erreicht, hier schwebt er, ist aber nur leicht, nicht seicht. Deborah Kerr befreit hier auch den Zuschauer vor gewissen Kitsch-Befürchtungen. Das ist wunderbar!