Der Autor Dominc O'Brien wurde mehrfach Gedächtnis-Weltmeister - dabei erstaunt vor allem seine Historie, weil ihm in der Jugend Legasthenie diagnostiziert wurde und er sich erst ab dem Alter von 30 Jahren eher zufällig sich mit der Mnemotechnik beschäftigte.
Dieses Buch ist ein "Weltmeisterbuch", also der Versuch, die Bekanntheit des Autors zur Verkaufsförderung zu nutzen. Das ist legitim, macht ja jeder (siehe z.B. den Zirkus um Weltmeister Michael Schumacher).
Es macht schon vom Äußeren den Eindruck einer eher oberflächlichen Abhandlung zur Thematik. Der Innenteil ist durchgängig auf Hochglanz-Papier gedruckt und bietet (netto) 145 Seiten Inhalt. Jede zweite Seite ist mit überflüssigen Grafiken aufgelockert, häufig auch ganzseitig. Die Seitenränder sind so groß gewählt, dass man das Buch auch problemlos (ohne Änderung von Schrifttypo oder Layout) auf Taschenbuchformat hätte drucken können...
Auch der Textzeilenabstand ist ungewöhnlich großzügig gestreckt, summa summarum werden Schnellleser dieses Werk wohl in drei Stunden durch haben.
Das Buch läßt jeglichen Tiefgang vermissen, vom Niveau her spricht es klar den "Joe Sixpack" an (also den typischen Durchschnitts-Amerikaner). Auch konkrete Übungen oder Tutorials vermisst man, aber klaro, damit wäre ja Joe SixPack überfordert.
Insgesamt also ein offensichtlicher Kandidat für die Ein-Sterne-Bewertung...
Warum ich trotzdem fünf Sterne gebe?
Mnemotechnik - dieses Wort kannte ich nicht einmal. Und zu welche Leistungen unser Hirn möglich ist - woher sollte ich das ahnen? Mit Erstaunen liest man, dass der Autor aufgrund seiner Lernschwächen mit 16 die Schule verließ und im späteren Leben auch -freundlich ausgedrückt- nicht gerade akademisch brillierte. Und dieser Typ beobachtet also im späteren Leben zufällig ein Ereignis und beschließt, sich mit der Gedächtnistechnik zu beschäftigen. Mit dem Ergebnis, dass er beispielsweise 18 zufällig gemische Kartensätze (936 Karten) innerhalb einer Stunde in fehlerfreier Reihenfolge memorierte. Oder sich eine 74-stellige Zahl merken kann (eine Stelle pro Sekunde vorgesprochen).
Gedächtnis ist keine Frage des Alters, sondern eine Frage der Technik. Und dafür bin ich dem Autor ewig dankbar, dass ich dieses im schönsten Alter der sogenannten Midlife-Krise erkennen konnte. Dieses Buch schafft sozusagen die Grundlagen für die spätere Beschäftigung mit der Gedächtnis-Technik. Lesen und erst einmal verdauen. Akzeptieren, dass in uns ein Riese schläft. Und wer dann diese Phase überwunden hat und den Riesen wirklich wecken möchte, geht dann den nächsten Schritt und kauft sich halt ein entsprechenden Arbeitsbuch (z.B. von Dr.G.Karsten).